Tristan Egolf: 1971-2005

18. Mai 2005, 14:07
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Zum Selbstmord des viel versprechenden US-Schriftstellers

Lancaster/Wien - William Faulkner, Erskine Caldwell, am meisten vielleicht Flannery O'Connor, die bis heute sträflich unbeachtete Chronistin eines zeitlosen "weißen Abschaums" des US Bible Belt: Mit diesen großen Stimmen einer Literatur von den Rändern des amerikanischen Traums wurde Tristan Egolf anlässlich des deutschen Erscheinens seines Romandebüts Monument für John Kaltenbrunner verglichen, im Original treffender Lord of the Barnyard: Killing the Fatted Calf and Arming the Aware in the Corn Belt.

Hier erzählte ein junger US-Autor ohne Vorbildung im "Creative Writing" und deshalb ohne obligate Dialoge und Sentimentalismen eine furiose wie bedrückende Geschichte des Zorns, der Rache - und der Selbstauslöschung. Und er erzählte sie mit höhnischem Gelächter.

Der Ort der Handlung, ein Pandämonium: eine von sämtlichen menschlichen Errungenschaften wie Barmherzigkeit und Gnade nicht einmal gestreifte Kleinstadt, die in der Geschichte der US-Literatur seit der Zeit der Großen Depression kaum wieder bessere Zeiten erlebt hat. Sie wird hier vom auf der sozialen Leiter ganz nach unten getretenen Protagonisten aus Rache für drastisch geschilderte Kindheitstraumata buchstäblich zur Hölle gejagt: "Was nicht sterben will, das kann man auch nicht töten." Aber: Keiner kommt hier lebend raus! Die Stadt erstickt im eigenen Müll und an der eigenen Grausamkeit. Was für ein Bild!

Tristan Egolf, Sohn von durch Europa streifenden US-Hippies und bis zuletzt Sänger diverser Punk-Bands und politisch gegen den Krieg im Irak aktiv, konnte 2002 mit Skirt and the Fiddle (dt.: Ich & Luise), einem mit einer Liebesgeschichte im Sandlermilieu angereicherten Amoklauf im Stile Charles Bukowskis, nicht an den Erfolg seines Debüts anschließen. Während der Fertigstellung eines Drehbuchs für Monument für John Kaltenbrunner und Kornwolf, einem dritten Roman, in dem ein Amish-Junge als Werwolf über Gottes schöne Äcker zieht, litt Egolf während der letzten zwei Jahre an Depressionen. Wie erst jetzt bekannt wurde, ist der 33-Jährige am 7. Mai zu Hause in Lancaster, Pennsylvania, an den Folgen selbst zugefügter Schussverletzungen gestorben. Tristan Egolf hinterlässt eine Lebensgefährtin und eine kleine Tochter. (schach/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. 5. 2005)

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