Achtung, Identioten!

13. Mai 2005, 22:24
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Wer von Identität spricht, der lügt! - Ein Kommentar der anderen von Wolfgang Koch

Heute lässt man den Teufel nicht mehr altdeutsch reden, heute tönt er akademisch. Um zu erkennen, wer ein Schwätzer ist, brauchen Sie nichts weiter zu tun, als auf ein Schlüsselwort achten: "Identität". Im Geschäftsmeeting, im Swingerclub und vor allem in den Nachrichten.

Meine These: Wer von Identität spricht, der lügt! Und zwar immer und überall. Verstopfen Sie die Ohren, lassen Sie die Karawane ziehen!

Es gibt keine "österreichische Identität", wie es im Jubiläumsjahr 2005 von allen Podien hallt. Geschwätz, politischer Surrealismus! Das Land ist keineswegs "auf der Suche nach sich selbst", weil ein Land weder Augen zum Suchen hat noch ein Bewusstsein. Es gibt kein ein für alle Mal festgeschriebenes Österreichertum, nein, weder einen nationalen Charakter noch eine urtypische Mentalität und schon gar kein "österreichisches Wesen", an dem die Welt zu genesen hat.

Das Wort "Identität" ist eine völlig leere Worthülse, eine Gebetsmühle der Beschwörung konkreter Substanzialität. Und wozu? Um patriotische Gefühle für Ideologien nutzbar zu machen, um das subjektive Erleben zu kanalisieren, um die Willfährigkeit des Publikums zu erhöhen und seine Gefolgschaft zu erzwingen. Wer das Identitäre im Mund führt, führt Böses im Schilde!

Es gibt keine "österreichische Identität", und selbstverständlich auch keine der Kärntner, Kongolesen oder Franzosen. Das politische Tier namens Mensch ist frei, die Dinge zu wählen, mit denen es sich identifiziert, und frei, alles abzulehnen, was ihm aufstößt. Das Wort "Identität" hingegen suggeriert ein unumstößliches So-Sein, eine essenzielle Einmaligkeit, es zielt auf Selbstgewissheit durch Ausgrenzung. Doch alle sozialen und kulturellen Bindungen sind erworben und somit auch veränderbar.

Kein Mensch hat je wo eine Identität vorüberspazieren gesehen, keiner je mit ihr zu Abend gegessen. Ein wesenhaftes So-und-nicht-anders-Sein existiert in der Politik so sicher wie das Ungeheuer von Loch Ness.

Wer das Wort von der "österreichischen Identität" strapaziert, will verdunkeln! Wer seine Sache auf diese Phrase baut, versucht uns weiszumachen, dass etwas unabhängig vom Einzelnen Existierendes im Raum steht. "Identität" behauptet einen unzerstörbaren Zusammenhang, der für andere im Augenblick noch verborgen liegt. - Derart nähert sich die politische Rhetorik in empörender Weise der religiösen Predigt an.

"Österreichische Identität" meint, dass gemeinsame Sprache, Geschichte oder biologische Merkmale verpflichten. Doch weder Kultur noch Geschichte noch Biologie verpflichten uns zu irgendetwas, das außerhalb unserer aktuellen Interessen liegt. Ein Tiroler Bergbauer hat mit einem türkischstämmigen Neubürger in Ottakringer nur den Pass gemeinsam - kulturell, brauchtummäßig und sogar kulinarisch steht ihm jeder Himalajabewohner näher.

Was uns als Nation miteinander verbindet, sind Rechte und Pflichten sowie die Verfasstheit unserer Institutionen. Selbstgefühl ohne praktischen Lebensbezug ist Selbstbetrug. Sich-gleich-Bleiben bezieht die Qualität allein vom Sich-ändern-Können. Das moderne staatsbürgerliche Bewusstsein, es rekurriert auf Rechtsstaat, Demokratie und republikanische Verfassung.

Natürlich sind kollektive Mythen damit nicht aus der Welt zu schaffen. Aber als Grundlage des Zusammenlebens taugen sich nichts. Natürlich teilen wir nationale Symbole, mit denen wir unsere Übereinstimmung markieren: Doppeladler und Mozartkugel, Großglockner und Neutralität, Schnitzel und Nestroy . . . Doch nichts davon ist unumstößlich (Glockner ev. ausgenommen), nichts zwingend für ein gesundes Selbstbild. Alle symbolisch-metaphorischen Zeichen stehen permanent zur Debatte. Gut möglich sogar, dass Österreich in 100 Jahren keine Schwedenbomben mehr kennt.

Und noch etwas: Die inflationäre Rede von der "Identität" beschwört die geschichtliche Würde von Dingen, die wir besser vergessen sollten. Ist es nicht blamabel, in welchem Ausmaß die k. u. k. Monarchie im heutigen Identitätsdiskurs immer noch Heimatrecht genießt? Ob Schallerburg, Heldenberg oder Belvedere - überall grinst uns ein steinzeitlich-erhabenes Austriakentum entgegen, das es so nie gegeben hat.

Und wenn schon Geschichte, dann bedenken Sie auch: Der Hang zum ominös Österreichischen hat schon die Austrodiktatur '38 in den Abgrund gestürzt. Es gibt weder ein "österreichisches Wesen" (Hofmannsthal, 1917) noch einen "österreichischen Menschen" (Wildgans, 1929), auch nicht antithetisch im Sinn von Bernhard, Jelinek & Co. Schluss mit diesen haarsträubenden Konstruktionen!

Kein Zufall, dass sich heute vor allem Politiker an den Decknamen für das Absolute klammern. Nichts vernebelt die Wahrheit besser als ein Wort, unter dem jeder etwas anderes versteht und keiner was etwas Präzises.

Aber Achtung, im Moment sind die Windbeutel leicht zu ertappen! Jetzt werden sie sich eine anderes Wort ausdenken. (DER STANDARD, Printausgabe, 14./15./16.5.2005)

Zur Person

Wolfgang Koch (46) ist Publizist in Wien. Soeben erschienen: "Geschichte der Gewalt. Das Unglück des 20. Jahrhunderts" (Wieser Verlag)

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