Bunker voller Wahnsinn

13. Mai 2005, 18:40
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Glänzendes Ensemble, raffinierte Seelenbilder: Mozarts "Lucio Silla" mit Dirigent Harnoncourt

Festwochen-Premiere von Mozarts Lucio Silla im Theater an der Wien mit Dirigent Nikolaus Harnoncourt: Regisseur Claus Guth entwirft zusammen mit einem glänzenden Ensemble raffinierte Seelenbilder.


Wien – Sonnenbrand droht dieser Gesellschaft kaum – eher scheint Tageslicht so rar, dass man es womöglich käuflich erwerben muss. Schließlich hat sich die Gesellschaft in eine Betonbunkerlandschaft zurückgezogen, die auch einer heftigen Bombenbelästigung standhalten würde. Innerhalb der dicken, grauen Mauern vermag ein Gefühl der Geborgenheit allerdings nicht aufzukommen. Dafür sorgt schon die Figur an der Hierarchiespitze.

Ist der Machterhalt schon ein tagesfüllender Job, hat sich der Herrscher ja auch noch verliebt, was seinen Fleiß anstachelt und den mit Grausamkeit gedopten Machtstil für die Umgebung zusätzlich gefährlich macht. Zumal sich dieser Lucio Silla (intensiv und detailverliebt in jeder Hinsicht Kurt Streit) verwirrenderweise als multiple Persönlichkeit präsentiert:

Giunias (sehr expressiv Patricia Petibon) Vater hat er ermordet. Ein Hindernis, von der Trauernden die Erwiderung seiner Zuneigung zu fordern, sieht er darin nicht. Er ist der Mörder und zugleich der sanfte Zerbrechliche, der sich im Anfall von Autoaggression selbst verletzt. Hier tobt auch ein innerpersoneller Krieg.

Plausibel wird die sprunghafte Figur für Regisseur Klaus Guth schließlich nur durch den Faktor Wahnsinn, was auch für den Opernschluss essenziell ist, sofern man ihm einen Hauch des Logischen verleihen will. Schwingt sich Silla bei Mozart (es galt, den Mächtigen zu schmeicheln) zu finaler, alle begnadigender Güte und Machtentsagung auf, bringt ihn Guth im letzten Augenblick des Werkes zurück als Scheusal. Der Albtraum geht hier weiter.

Auch sonst hat es Guth geschafft, deutend tief in die Figuren einzudringen. Seine psychologischen Erkenntnisse sind zu markanten Bildern geraten, Ängste und Wünsche der Figuren nehmen szenische Gestalt an – dies in einer Art pantomimischer Parallelhandlung, der ein mehrstöckiges Bühnengebilde (Christian Schmidt) auch elegant zum Leben verhilft.

Der Jugendstreich

Ist auch unumgänglich. Denn Mozarts düsterer Jugendstreich (er war damals 16 Jahre) ist voll der üppigen Arien, deren Ausmaße man szenisch nur bewältigt, indem man sie gehaltvoll auffrisiert und die Befindlichkeiten der Figuren effektvoll transparent macht.

Guth schafft das. Auch Koloraturen erlangen dann einen Sinn als Spiegel der Emotion – sehr eindringlich. Mitten im zweiten Akt, wenn Giunia plötzlich Silla erblickt und Patricia Petibon eine aufsteigende Skala geradezu veristisch zum Ausdruck von Schmerz mutieren lässt. Anschließend überraschende Pause.

Das alles hat auch mit der Ästhetik von Nikolaus Harnoncourt zu tun, die über reinen Schöngesang hinausgeht und auch die sehr profunde Arbeit von Bernarda Fink (als Cecilio), Anette Dasch (als Cinna) und Martina Jankova (als freilich mitunter nicht ganz sauber singende Celia) um musiktheatralische Qualität bereichert. Auch im Orchestergraben herrscht durch den Concentus Musicus eine (zwischen akzentfreudig herbem Zugriff und schlank angelegter lyrischer Düsternis changierende) Energie, die bühnenwirksam wird. Eine souveräne Produktion, die geeignet sein wird, uns im Mozartjahr zu trösten.


"Brennende" Koloraturen
Patricia Petibon begeistert in "Lucio Silla"

Wien - Auf Promotion-Fotos lässt sie ihre roten Haare gerne in Richtung Pippi Langstrumpf stylen. Doch Patricia Petibon ist keine jener leichtgewichtigen Sangesdamen, die sich durch ulkiges Marketing in die Klassikwelt zu hieven versucht und auf der Bühne nicht jenes durch CDs abgegebene Versprechen einzulösen vermag.

Die französische Sopranistin absolvierte eine solide Gesangsausbildung am Konservatorium in Paris und ist mittlerweile seit Jahren Teil der ersten Opernliga. Entdeckt von Dirigent William Christie, gab sie 1996 ihr Debüt an der Pariser Oper. Die diplomierte Musikwissenschaftlerin debütierte mit Offenbachs Les contes d'Hoffmann an der Wiener Staatsoper und gab 2003 mit Mozarts Entführung ihren Einstand in Zürich.

Weitere Engagements führten sie auch zusammen mit Dirigent Nikolaus Harnoncourt nach Salzburg, und: 2002 wurde sie als Nachwuchskünstlerin des Jahres mit dem Echo-Klassik-Preis ausgezeichnet. Dass die Barockspezialistin nun bei den Festwochen in Mozarts Lucio Silla mit ungeheuerer Intensität für die markantesten und heftig akkamierten Momente der Premiere sorgte, überrascht allerdings doch ein wenig.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Koloratursopranistin nächstes Mozart-Jahr, wenn diese Produktion ins Theater an der Wien (März 2006) zurückkehrt, noch dabei ist.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15.5.2005)

Von Ljubisa Tosic

Weitere Vorstellungen:

14., 16, 18. Mai, 19.00

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Patricia Petibon als Giunia in Mozarts Oper 'Lucio Silla' im Theater an der Wien

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