Flandern liegt an der Wolga

11. Mai 2005, 19:13
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Interview: Der belgische Theatermacher Luk Perceval gastiert mit Stücken von Tschechow und Mayenburg

Der belgische Theatermacher Luk Perceval (48), ab Herbst Hausregisseur an der Berliner Schaubühne, gastiert mit Stücken von Tschechow und Mayenburg bei den Wiener Festwochen. Im Gespräch mit Ronald Pohl umreißt er Distrikte der Illusionslosigkeit.


STANDARD: Ihre flämische Inszenierung von Tschechows Onkel Wanja – sie ist ab 31. Mai im Theater an der Wien zu sehen – atmet interessanterweise osteuropäisches Flair: Sie zeigt Menschen in der Warteschleife der Geschichte. Haben Sie in Osteuropa Feldforschung betrieben?

Perceval: Ich muss lachen, wenn Sie das sagen. Ich habe verschiedentlich mit deutschen Schauspielern in Antwerpen geprobt, und die sagten: Sie fühlten sich ein bisschen so wie in der ehemaligen DDR. Belgien besitzt ganz einfach etwas "Östliches".

Was freilich stimmt: Ich habe den Schauspielern zu Anfang der Wanja-Proben eine russische Dokumentation gezeigt, die ich auf Arte gesehen hatte: Ein Filmemacher ist durch Russland gefahren und hat ganz gewöhnliche Leute, Arbeiter, Bauern, gebeten, in die Kamera zu gucken und nichts zu sagen. Ganz gewöhnliche Porträts also: zum Beispiel das eines Traktoristen, dessen Hände die Spuren seiner Arbeit aufweisen.

Diese stummen Bilder waren geheimnisvoll – und haben zugleich viel erzählt über das "Leben auf dem Land". Das Landleben mit seinem strengen Winter, seiner Isolation ist ja kein Honiglecken. Die Haupttätigkeit der Menschen in der erbärmlichen Natur heißt ganz einfach: überleben. Das hat uns nun sehr stark an entsprechende Phänomene in Flandern erinnert.

STANDARD: Ist denn Flandern wirklich so schroff, so unwirtlich?

Perceval: Es ist ein kleiner Landstrich, der typischerweise bis ins 17. Jahrhundert annektiert war. Als Teil von Holland. Es wechselte durch diverse Kriegsverträge und wurde schließlich mit dem französischen Wallonien völlig artifiziell zusammengeschoben.

Bis ins 19. Jahrhundert war die Hauptsprache Französisch: Wenn zum Beispiel meine Mutter auf der Schule Flämisch sprach, wurde sie sofort bestraft. Eine echte Bauernkultur. Auch im Krieg besetzten die Franzosen die Leitungsstellen, und die flandrischen Bauernburschen wurden als Mannschaft eingezogen. Heute ist Antwerpen ein riesiger Umschlagplatz von Waffen und Drogen: Achtzig Prozent des Ecstasy-Handels laufen über diesen Hafen. Vom Waffenverschieben will ich erst gar nicht reden.

Das bedeutet nun freilich auch, dass die flämische Kultur erst zwischen den Weltkriegen überhaupt anerkannt wurde. Das Theater bei uns ist keine 50 Jahre alt! Das war auch unser Vorteil.

STANDARD: Weil Sie keine Tradition vor die Nase gesetzt bekamen?

Perceval: Wir hatten ganz einfach keine Theatermodelle, denen wir künstlerisch entsprechen mussten.

STANDARD: Nun gab es bis vor kurzem einen wahren Entdeckerboom in Sachen Osterschließung. Autoren etwa legten zu Fuß die Strecke von Berlin nach Moskau zurück und schrieben darüber. Wie gewinnt man ein Gefühl für diese "Randlage" mit ihren unendlichen Dimensionen?

Perceval: Das sind natürlich Dimensionen, wie man sie in Flandern nicht kennt. Da denkt man in 60-Kilometer-Sprüngen.

STANDARD: Aber es gibt einen ähnlichen Umgang mit den Ressourcen, etwa mit der Dimension der "Zeit"?

Perceval: Diese Fokussierung auf das Land ist, um auf Onkel Wanja zurückzukommen, das Nichteinverständnis Tschechows mit seinem Uraufführungsregisseur Stanislawski. Liest man dazu Tschechows Tagebucheinträge, versteht man sehr schnell, dass der Autor das romantische Bild Stanislawskis vom Leben auf dem Land nicht akzeptierte. Weil der Theatermann ja in einer Zeit lebte, in der er glaubte, die Arbeiter und Bauern idealisieren zu müssen. Dadurch hat nach Tschechows Gefühl der Humor gefehlt – und die wahre Tragik.

Punkt zwei: Weil unsere flandrische Theaterkultur so jung, unser Sprachgebiet obendrein so klein ist – Flämisch verhält sich zu Holländisch wie "Irländisch" zu Englisch –, die Flamen außerdem katholisch sind, wurden die Tschechow-Texte von holländischen Akademikern übersetzt. Wenn wir Flamen also Tschechow spielen, so wie er vor 60 Jahren übersetzt wurde, wird eine Bühnensprache verwendet, die für die Zuschauer fast wie Chinesisch klingt. Völlig der Wirklichkeit entfremdet. Das hat auch nichts mehr mit Naturalismus zu tun – mit der Beobachtung von Wirklichkeit, wie wir sie verstehen.

STANDARD: Die Wirklichkeit ist für Sie auf dem Theater ausschlaggebend?

Perceval: Ja, weil auf dem Theater stellvertretend für uns gelitten wird. Weil wir nur auf der Bühne die Schattenseiten des Lebens sehen und die Antwort auf Fragen erhalten, auf die es in Wahrheit keine Antwort gibt.

STANDARD: Die erste von Ihnen produzierte Arbeit bei den Festwochen ist die Uraufführung von Marius von Mayenburgs Turista ab kommendem Dienstag: Sie mischen belgische und deutsche Schauspieler. Erzählt wird von einem rätselhaften Mord an einem Kind auf einem Campingplatz – wobei sich alle Antworten aufzulösen scheinen...

Perceval: Auf einer ersten Ebene stellt das Stück die ganz einfache Frage: Wer ist der Täter? Und weil sich diese Frage nicht auflösen lässt, entwickelt das Stück eine beinahe spirituelle Antwort. Dazu kommt, dass ich 25 Schauspieler führen muss. 25 – das entspricht dem Gegenwert von zwei Fußballmannschaften.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2005)

  • Der Antwerpener 
 
Luk Perceval 
arbeitete sich als Regisseur zum Protagonisten der "flämischen Welle" in Belgiens Theatern empor. Mit seiner ersten deutschen Regiearbeit "Schlachten!" (nach Shakespeares Königsdramen) bei den Salzburger Festspielen wurde er 1999 ein Star. Zuletzt inszenierte er Fosse und Shakespeare (einen türkenzotigen "Othello") an den Münchner Kammerspielen. Er gibt heuer im Sommer die Leitung des "Het Toneelhuis" auf und bezieht in Berlins Schaubühne künstlerisches Quartier. (poh)
    foto: standard/cremer

    Der Antwerpener Luk Perceval arbeitete sich als Regisseur zum Protagonisten der "flämischen Welle" in Belgiens Theatern empor. Mit seiner ersten deutschen Regiearbeit "Schlachten!" (nach Shakespeares Königsdramen) bei den Salzburger Festspielen wurde er 1999 ein Star. Zuletzt inszenierte er Fosse und Shakespeare (einen türkenzotigen "Othello") an den Münchner Kammerspielen. Er gibt heuer im Sommer die Leitung des "Het Toneelhuis" auf und bezieht in Berlins Schaubühne künstlerisches Quartier. (poh)

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