Interview: Dospel zur Lage der Austria

10. Mai 2005, 13:50
49 Postings

"Großer Knall hat sich abgezeichnet, etliche Spieler haben so etwas noch nie erlebt"

Wien - Ernst Dospel (28) spielt seit seinem 14. Lebensjahr für die Wiener Austria und ist mit den "Veilchen" durch dick und dünn gegangen. Der Niederösterreicher hat in Wien-Favoriten bereits einiges miterlebt, die Vorfälle am Donnerstag (GAK-Heimspiel nach Platzsturm abgebrochen) haben aber selbst Dospel sichtlich zugesetzt. Im Interview sprach der ÖFB-Teamverteidiger über die Zustände bei der am Boden liegenden Austria und das bevorstehende, harte Saisonfinale.

Sie sind seit Ihrer Jugend bei der Austria, wie ordnen Sie die unglaublichen Ereignisse im Horr-Stadion ein?

Dospel:"Ich kann diese Vorfälle sehr gut einordnen. Ich muss ehrlich sagen: Es hat sich abgezeichnet, der große Knall war vorprogrammiert. Das Ganze spiegelt die derzeitige Situation innerhalb des Vereins sehr gut wider. Das ist bitter für jeden Fußballer, die Fans und den österreichischen Fußball."

Vor wenigen Wochen wurde die Austria noch euphorisch gefeiert, jetzt liegt der Klub auf dem Boden. Gibt es so etwas nur in Wien-Favoriten?

Dospel:"Für mich schwer zu sagen, denn ich habe immer bei der Austria gespielt. Aber ich habe mit etlichen Spielern gesprochen, die schon für große Vereine gespielt haben. Sie schütteln nur noch den Kopf - nicht wegen des GAK-Spiels, sondern auf Grund der Gesamt-Situation. Sie alle haben so etwas noch nie erlebt und sie wollen so etwas auch nicht mehr erleben."

Vor dem GAK-Spiel haben die Austria-Fans auf den berühmten Ruck in der Mannschaft gehofft, wieso hat es nicht geklappt?

Dospel:"Das Problem ist das dicht gedrängte Programm, seit Bilbao haben wir jeden dritten Tag ein Spiel absolviert. Dazu kommen die unbefriedigenden Situationen - dadurch sind die Spieler im Kopf total müde. Jeder, der einmal Fußball gespielt hat, wird das verstehen. Wir geben alles, aber es geht nicht mehr. Wir probieren alles, aber es geht kein Doppelpass. Die Mannschaft ist leer."

Hat die Aussprache mit den Trainern und dem General Manager nicht die erwünschte reinigende Wirkung gezeigt?

Dospel:"Wir haben nur ein paar Sachen angeschnitten. Eine richtige Aussprache war es aber nicht, es ist noch lange nicht alles geklärt. Das können wir Spieler auch gar nicht, für das sind wir nicht zuständig. Das ist Aufgabe des Klubs. Das Wichtigste ist, dass Einigkeit im Verein herrscht. Es muss klare Ansagen geben, wer was zu tun hat. Jede gute Mannschaft braucht den entsprechenden Rückhalt. Dass, wenn es nicht so gut läuft, von Fans und Presse Druck kommt, ist normal. Aber das hier bei uns hat schön langsam mit Druck nichts mehr zu tun."

Was kann die Austria im Saisonfinish noch bewegen?

Dospel:"Wir sind jetzt fünf Punkte hinter Rapid. Aufgeben werden wir sicher nicht, der Meistertitel ist aber in weite Ferne gerückt. Den Schalter von heute auf morgen umzulegen, das funktioniert leider nicht. Wir werden alles mobilisieren, es bleibt aber fast keine Zeit mehr. Wenn wir nicht Meister werden, dann wollen wir wenigstens den Cup holen. Das ist realistisch und wäre ein versöhnliches Ende. Wir müssen schauen, dass wir da rauskommen."(APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Das ist bitter für jeden Fußballer, die Fans und den österreichischen Fußball"

Share if you care.