Tour de Force (quer) durchs Weltkulturerbe

23. Juni 2005, 18:36
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Wiens wichtigste Radwege im großen STANDARD-Test - "Citydurchfahrt"

Die "Citydurchfahrt" mag Wiens attraktivster Radweg sein, allerdings sollte man, um zügig zum Schottentor zu gelangen, nicht nur auf die Sehenswürdigkeiten schauen.

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Eines gleich vorweg: Den perfekten Radweg, der die Bedürfnissen aller Radfahrer unter einen Hut bringt, gibt es nicht. Während der geübte Radler auf seinem täglichen Weg zur Arbeit auf ausreichende Breite, glatte Oberfläche und möglichst wenig Querverkehr picht, soll die Strecke für den Freizeitfahrer hochgradig attraktiv und gut beschildert sein. Ängstliche Naturen hingegen schwören auf bauliche Anlagen, wenn möglich in beiden Fahrtrichtungen.

Um die Wiener Radwege möglichst aus allen Blickwinkeln beurteilen zu können, flossen sämtliche Anforderungen in den Kriterienkatalog mit ein. Neben Sicherheit und Komfort der Radwege, standen auch die Faktoren Nutzen und Streckenführung im Vordergrund. Leitsystem, Bodenbeschaffenheit und Anbindung an das übergeordnete Radwegenetz waren weitere Kriterien. Getestet wurden die Radanlagen bei Tag und Nacht, im Stoßverkehr und in der Freizeit, natürlich auch in Gegenrichtung.

Heuer wird der 1000-ste Radkilometer fertig gestellt

Die Stadt Wien ist bemüht, der umweltbewussten Bevölkerung und seinen sportlichen Gästen ein hochwertiges und attraktives Radverkehrsnetz zur Verfügung zu stellen. Noch heuer wird der 1000-ste Radkilometer fertig gestellt - eine im internationalen Vergleich bemerkenswerte Zahl. So bringen es andere radfreundliche Großstädte, wie München oder Berlin, gerade einmal auf bescheidende 700 Kilometer. Grund für den zügigen Ausbau der Radstrecken ist die breite Akzeptanz in der Öffentlichkeit. Das Rad ist vor allem auf kurzen Distanzen ein attraktives und durchaus schnelles Verkehrsmittel darstellt. Es ist zudem umweltfreundlich und hält seine Benutzer fit.

Klassische Freizeitroute

Ein besonderes Juwel unter den Wiener Radwegen ist die so genannte "Citydurchfahrt". Schon die Streckenführung liest sich wie das "Who-is-who" prunkvoller Stadt- und Kulturgeschichte: Staatsoper, Albertina, Josefsplatz, Hofreitschule, Michaelerplatz, Freyung, Schottenstift. Gespickt mit so klangvollen Destinationen, kann die Anlage locker mit dem "Ring-Rund", Europas erster Adresse in Sachen "Kulturradeln", mithalten. Was eines vorwegnimmt: die "Citydurchfahrt" ist eine klassische Freizeitroute. Soweit so gut.

Leitsystem

Von allen Vorschußlorbeeren unbeeindruckt, wurde der Radweg gleich am nächsten Feiertag unter die Lupe genommen. Bereits am Startpunkt "Oper" wird die "Citydurchfahrt" mit einem grünen Wegweiser prominent angekündigt. Die Tafel ist Teil eines durchgehenden Leitsystems, das sich vor allem in Gegenrichtung, durch exakte Meterangaben zum nächsten Teilstück, bestens bewährt. Bis zum Michaelerplatz fährt man, dank durchgehender Bodenmarkierung, quasi auf Schienen und braucht die Schilder somit nicht wirklich. Ein erster Höhepunkt ist die knapp bemessene Vorbeifahrt am Fiakerstand bei der Albertina. Hier kommt man den behuften Vierbeinern fast näher als einem lieb ist, auch mit aufgescheuchten Touristen hat man seine liebe Not.

Auf den Nebenschauplätzen herrscht hingegen hektische Treiben: Taxis, Touristenbusse und Fiaker prägen das Straßenbild. Als Radfahrer ist man froh, seine eigene Spur zu haben, die jedoch bei der Einfahrt in den Josefsplatz um einiges enger wird. Dafür entschädigt der gute Bodenbelag, der flugs zu einer höheren Geschwindigkeit verleitet. Die Strecke ist gut einsehbar, gespickt mit Sehenswürdigkeiten und dahinwuselnden Touristenmassen. Da man jedoch den potentiellen Gefahren entgegenfährt, und ständig mit anderen Verkehrsteilnehmern in Sichtkontakt ist, lassen sich Konfliktsituationen relativ gut vermeiden.

Das tadellose Bild eines hochwertigen und sicheren Radweges ändert sich jedoch am Michaelerplatz schlagartig. Und das im wahrsten Sinne des Wortes. Nicht nur, dass man plötzlich das Leitband (Markierung) unter seinen Rädern verliert, auch der Bodenbelag wechselt abrupt auf historisches Kopfsteinpflaster. Eine Qual für jeden Radfahrer. Der Kreisverkehr hat auch seine Tücken, und spätestens ab jetzt gestaltet sich der Ride durchs Weltkulturerbe zu einer einzigen Mutprobe. Die grünen Wegweiser lassen zwar schon von weitem erkennen wohin die Reise führt, dennoch sehnt man sich nach der einen oder anderen Bodenmarkierung. Gefahr droht vor allem von abbiegenden Autofahrern und Fiakern aus der Strauchgasse beim Cafe Central. Auf der Fahrt durch die enge Herrengasse darf man sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, auch wenn die Autofahrer hinter einem anderer Ansicht sind.

Zum Ausrasten gibt’s jedoch keine Gelegenheit, denn jetzt wartet die kniffligste Aufgabe entlang der Strecke: Obwohl man intuitiv weiß wo es langgeht, und auch ein Radweg auf der Gegenseite ausgemacht werden kann, ist die Kreuzung bei der Freyung (Teinfaltstraße/Schottengasse) alles andere als ein Kinderspiel. Diese neuralgische Zone kann nur mit viel Geduld und Übersicht gefahrlos durchfahren werden. Die größte Schwierigkeit besteht darin, umherirrende Fußgänger nicht nieder zu fahren. Der Adrenalinstoss verleiht dann die nötige Aufmerksamkeit auf den letzten Metern und nach knapp sieben Minuten ist das Abenteuer "Citydurchfahrt" schließlich überstanden.

"Tour de force"

Weitere Testfahrten zu Stoßverkehrszeiten und bei Nacht bestätigten das Prädikat "Tour de force". Vor allem in Gegenrichtung (Schottentor - Oper) schwimmt man förmlich mit dem Verkehr mit und muss die eine oder andere Wartezeit in Kauf nehmen. Auch wenn die Verkehrssicherheit an manchen Stellen zu wünschen übrig lässt, ist die mustergültig ausgeschilderte aber leider nicht durchgehend markierte Route quer durch die Wiener Altstadt, sowohl von der Streckenführung als auch von ihrer einzigartigen Kulisse her, eine willkommene und höchst attraktive Alternative zum Radweg am Ring mit bester Anbindung an das übergeordnete Radwegenetz. (DER STANDARD - Printausgabe, 13. Mai 2005)

Von Gerd Götzenbrucker

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Radfahren in Wien

Teil 2:

Radweg Marxergasse: Die kürzeste Verbindung zwischen Innenstadt und Prater besticht durch Komfort und einer attraktiven Streckenführung.

Diese Serie entsteht mit finanzieller Unterstützung der Stadt Wien
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    grafik: ma46
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