Schaumayer: "Österreich hat Leid begriffen"

15. Mai 2005, 11:03
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Opfer-Vertreter Eckhaus: "Viel Papier bedruckt, aber weniges exekutiert"

Wien - Die Regierungsbeauftrage für die Zwangsarbeiter-Entschädigung, Maria Schaumayer, betonte bei der Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Parlament, dass es beim Versöhnungsfonds nicht nur um Geld gehe. "Die Leistungen des österreichischen Versöhnungsfonds sollen den Opfern der NS-Sklaven- und Zwangsarbeit dokumentieren, dass Österreich ihr Leid begriffen hat, dass es ihnen Mitgefühl entgegenbringt und um dauerhafte Versöhnung bemüht bleibt."

Schaumayer wies darauf hin, dass es sich um eine freiwillige Leistung des heutigen Österreich handle. Allerdings hätte Regierung und Parlament diese Leistungen als ihre moralische Verpflichtung angesehen. Das komme auch im Motto des Fonds "Versöhnung, Frieden und Zusammenarbeit" zum Ausdruck.

Durch das getrennte Verhandeln von Menschenschicksalen und restlichen Restitutionsfragen sei es auch gelungen, in Sachen Sklaven- und Zwangsarbeit rasch Rechtsfrieden in den USA zu erlangen. Dadurch habe der österreichische Versöhnungsfonds unverzüglich nach Abweisung der letzten Sammelklage im Jahr 2001 mit den Auszahlungen beginnen können.

Nach Angaben von Schaumayer haben bisher rund 132.000 ehemalige Sklaven und Zwangsarbeiter in mehr als 60 Ländern Leistungen aus dem österreichischen Versöhnungsfonds erhalten. Einschließlich der Einmalzahlung an die Claims Conference seien dafür 352 Millionen Euro aufgewendet worden.

In zehn Jahren Nationalfonds "ist viel Papier bedruckt worden, aber weniges exekutiert worden", merkte Gideon Eckhaus vom Zentralkomitee der Juden aus Österreich an. Er bedauerte, dass die Mittel aus der 2001 vereinbarten Restitutionslösung noch nicht ausbezahlt werden können. Tausende würden nach wie vor auf das ihnen zustehende Geld warten. Und viele würden die Auszahlung vermutlich nicht mehr erleben, "wenn sich die Republik Österreich nicht noch einer weniger bürokratischen Auslegung des Vertrages besinnt".

Geld sei aber kein Weg der Versöhnung, sondern nur ein bisschen Gerechtigkeit, so Eckhaus. Versöhnung könne nur von Herz und Geist ausgehen. "Versöhnen können wir uns mit den Österreichern, die erkannt haben, was uns in diesem Land angetan worden ist". Die den jungen Menschen heute erklären würden, wie das damals geschehen konnte. "Wie wir unseren Kindern erklären und zeigen können wollen, dass Österreicher heute verantwortungsbewusste Demokraten sind."

Moshe Jahoda von der Operorganisation Claims Conference wies ebenso wie Eckhaus darauf hin, dass Österreich "offiziell" zwar erobert wurde. "Aber viele hier kooperierten willig mit jenen Bestien in Menschengestalt, die sich - dem Trugbild 'Messias' Adolf Hitler hörig - zu Herren über Leben und Tod aufschwangen."

Österreich habe sich in den vergangenen Jahren bemüht, den Lebensabend der österreichischen Opfer überall auf der Welt zu erleichtern. "Das kam spät. Aber es war dennoch ein tapferer Schritt. Viele von uns schätzen es: sie schätzen den Nationalfonds, den Versöhnungsfonds und die führenden Gestalten, die Menschenliebe bewiesen haben." Auch er wies auf die noch ausstehende Rechtssicherheit hin. "Trotz des guten Willens: Die Sache zieht sich in die Länge." Und täglich würden im Durchschnitt zwei österreichische Überlebende der Shoah sterben. Er hoffe daher auf eine baldige Lösung durch den "guten Willen aller Verantwortlichen und Beteiligten".

Ex-Staatssekretär Ludwig Steiner, Vorsitzender des Versöhnungsfonds und für die Abwicklung der Zwangsarbeiter-Entschädigung zuständig, betonte, dass der materielle Teil niemals das zugefügte Leid wiedergutmachen könne. Die tägliche Arbeit des Fonds mache deutlich, wie wichtig den Betroffenen aber das Erinnern an ihr Leid und die Anerkennung ihres harten Schicksals sei. Steiner zeigte sich auch überzeugt, dass die Zwangsarbeiter-Entschädigung nach anfänglichen Diskussionen heute auch "in breitesten Kreisen der Bevölkerung" auf Verständnis stoße, sogar "eine Selbstverständlichkeit" sei, dass "eine moralische Verpflichtung gegenüber den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern" besteht. (APA)

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