Großer Bruder als Phantom einer Oper

10. Mai 2005, 21:47
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Uraufführung von Lorin Maazels Oper "1984" nach Orwells Roman an der Royal Opera Covent Garden in London

Die Uraufführung von Lorin Maazels Oper "1984" nach Orwells Roman an der Royal Opera Covent Garden in London brachte dem Komponisten nicht mehr als einen Achtungserfolg.


Trotz der immer lauter und in immer kürzeren Intervallen erschallenden Rufe nach mehr Flexibilität gilt diese in den westlichen Wertekodex neu integrierte Kardinaltugend im Bereich der Künste nach wie vor eher als vermeidenswerte Unart.

Wehe, einer, der nun - wie Lorin Maazel - ein für alle Mal im allgemein gültigen Kunstkataster als schätzenswerter Dirigent eingetragen ist, kommt am Ende auf die Idee zu komponieren. Ein solches Delikt wird zunächst einmal grundsätzlich als Störung der öffentlichen Betrachtungs-und Bewertungsruhe unerbittlich geahndet.

Üblicherweise mit dem Argument, dass einer, der sein, im Falle Maazel schon 75 Jahre währendes, Leben hindurch etwas sehr gut gemacht hat, das andere nur weniger gut oder eben ganz schlecht machen können. Insofern ist Lorin Maazel als erfolgreicher Orchesterarrangeur von Richard Wagners Ring und als Komponist eines Violinkonzertes schon seit Längerem für die beobachtende und kommentierende Branche ein Störenfried, dessen kompositorische Ausritte man ihm in Hinblick auf seinen unbestrittenen Rang als Dirigent großmütig nachgesehen hat.

Aber gleich eine Oper. Obendrein noch auf George Orwells sozialkritischen Kalauer 1984. Und auch gleich in Covent Garden in London uraufgeführt. Da ist Schluss mit lustig - und die Langmut zu Ende. Da kann Maazel die Töne so geschickt setzen, wie er will. Und auch so locker und so elegant, wie er als Dirigent agiert. Doch nicht nur am Pult, sondern auch komponierend erweist sich der nun verbal und medial vielfach Gesteinigte in vielen Stilen bestens zu Hause.

Respektable Leistung

Was er da auffächert, verdient Respekt. Bald lässt er als eigener Uraufführungsdirigent das Orchester schmissig und mit raffiniertem harmonischem Know-how à la Leonard Bernstein rumoren, dann wieder beschwört er mit einem A-cappella-Satz melodische Einfalt, die beinah an Wilhelm Kienzls berühmten Evangelimann erinnert.

Und die Hymne, die er die unterdrückten Bürger des Orwell-Staates Ozeanien anstimmen lässt, hätte mit ihren satztechnisch routiniert kadenzierenden Strophenschlüssen von Adolf Hitler über Josef Stalin bis Augusto Pinochet das Herz eines jeden Diktators höher schlagen lassen. Dazu kommt, dass Maazel allein durch seine Pulterfahrung um die Farben eines Orchesters und deren wirkungsvollen Einsatz besser Bescheid weiß als so mancher hauptamtliche Komponist. Was genauso für die Abstimmung zwischen Orchester und Solostimmen gilt.

Doch letztlich hat dieser Londoner Opernabend trotz aller genannten Insignien von Professionalität verblüffenderweise nur eines bewiesen: dass Musikkunst offenbar doch nicht - nur - von Können kommt. Alle richtig eingesetzten Mittel vermochten es nämlich nicht, den szenischen Abläufen auch nur den Hauch an atmosphärischer Intensität und musikdramatischer Plastizität zu verleihen. Vielmehr war Fadesse das niederschmetternde Ergebnis.

Und das in solchem Ausmaß, dass man sich nach der Pause nur aus Respekt vor Maazel zur Rückkehr in den Zuschauerraum aufraffte. Dies allein der szenischen Realisierung zuzuschreiben wäre zu einfach.

In den von Carl Fillion im Hinblick auf Nachnutzung in anderen Opernhäusern praktikabel gestalteten Dekorationen begnügt sich der berühmte kanadische Regisseur und Bilderzauberer Robert Lepage damit, Orwells von zwei routinierten Librettisten (J.D. McClatchy und Thomas Meechan) dramatisierte Story in stimmigen, niemals überraschenden Abläufen nachzuerzählen.

Dies ist im Fall dieser Musikdramatisierung von Orwells 1984 zweifellos zu wenig. Transportiert doch die Handlung ähnlich wie Wagners Fliegender Holländer oder Marschners Hans Heiling letztlich nichts als balladeske Unwirklichkeit. Daran konnte auch ein exzellentes Ensemble nichts ändern. In der zentralen Rolle des im inneren Widerstand gegen das Regime des Großen Bruders lebenden Winston Smith, der schließlich von allen seinen Konspiranten denunziert und psychisch und physisch gebrochen wird, zieht der auch in Wien nicht mehr unbekannte britische Starbariton Simon Keenlyside alle Register seines Könnens.

Überragender Einsatz

Keine geringere als Nancy Gustafson bemüht sich in der Rolle von Julia, Smiths Geliebter, mit überragendem Stimmeinsatz um dramatische Eindringlichkeit.

Doch alle Mühen bleiben vergeblich. Da mag ein gehenkter Delinquent noch so malerisch am Strick zappeln. Der Fehler des Unternehmens liegt im falschen Glauben, dass George Orwells Roman heute noch aktuell ist und dass es einfach genügt, ihn szenisch nachzustellen, um im Publikum, das am Schluss höflich unenthusiastisch applaudierte, Anteilnahme zu wecken.

George Orwell, der zu diesem Buch (mit dem bezeichnenden Erscheinungsjahr 1949) vor allem durch seine Tätigkeit bei der damals noch dem britischen Informationsministerium unterstellten BBC inspiriert wurde, hat sich in der Entwicklung der Menschen, vor allem jener des Westens, grob getäuscht.

Ein im Programmheft zur Uraufführung mit respektabler Courage veröffentlichter Aufsatz von Gus Hosein, politischer Konsulent zahlreicher Institutionen, darunter auch der Europäischen Kommission und der Unesco, stellt diesbezüglich die schmerzliche Diagnose:

"Wir gehorchen dem Großen Bruder nicht, wir erschaffen ihn uns. Ich sorge mich sehr wenig um den Großen Bruder; ich sorge mich mehr um eine Gesellschaft, die eine solche Regierung hochkommen lässt und ihre Lügen glaubt." Zwei Tage vor den gestrigen Unterhauswahlen ein kräftiges Lebenszeichen der britischen Demokratie. Wenn schon nicht auf der Bühne, so wenigstens im Programmheft.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6.5.2005)

Peter Vujica aus London
  • "Big Brother is watching you" - Maazels "1984"-Oper als Massenspektakel in Zeiten repressiver Toleranz.
    foto: the royal opera house / bill cooper

    "Big Brother is watching you" - Maazels "1984"-Oper als Massenspektakel in Zeiten repressiver Toleranz.

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