Nachwirkungen, Ausblicke

2. Mai 2005, 00:22
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Das Filmfestival lud zum zweiten Mal erfolgreich zu einer filmischen Begehung des Kontinents und profilierte sich mit historischen und aktuellen Sehenswürdigkeiten

Linz - Eine Flugaufnahme der besonderen Art: Gegen blauen, Wölkchen durchflockten Himmel heben sich dunkle, metallische Körper - Tragflächen, Cockpits - ab. Man wähnt sich mit ihnen kurz in Schwebe, aber das Gerät ist fix am Boden vertäut, nur die Perspektive der Kamera und die Off-Musik haben es eine Sequenz lang abheben lassen.

Derartig verfremdete Einsprengsel ziehen sich durch Peter Braatz' DDR - ohne Titel aus dem Jahr 1990. Sie sind bezeichnend für einen dokumentarischen Blick, der mit einem subjektiven Interesse am Bildermachen in Beziehung steht: DDR - ohne Titel ist eine experimentelle dokumentarische Fahrt durchs ostdeutsche Hinterland, kurz nach dem Fall der Mauer. Im Berliner Wiedervereinigungstrubel nimmt sie ihren Ausgang, nur um sich dann rasch an Orte zu begeben, an denen sich die im Raum stehenden Veränderungen mit größerer Langsamkeit vollziehen.

Der aus Solingen stammende Braatz, auch bekannt unter dem Namen Harry Rag sowie als Frontmann der deutschen Punkpioniere S.Y.P.H., und seine Frau, die slowenische Regisseurin Maja Weiss, wurden dieses Jahr bei Crossing Europe mit einer Werkschau gewürdigt beziehungsweise erstmals in größerem Rahmen hier zu Lande vorgestellt.

Aus dem selben Jahr wie DDR - ohne Titel datiert auch der österreichische Dokumentarfilm Postadresse 2640 Schlöglmühl von Egon Humer. In der Zusammenschau, die ein kompetent programmiertes Festival wie dieses ermöglicht, tut sich der Eindruck paralleler Welten auf - ein Abgesang und eine ungewisse Zukunft, beide essenziell mit politischen und ökonomischen Prozessen verknüpft.

Das im zweiten Crossing-Europe-Jahr weitergeführte Special "Arbeitswelten" stellte Humers Film, der die Langzeitfolgen einer Fabriksschließung in der gleichnamigen niederösterreichischen Ortschaft beschreibt, drei aktuelle, thematisch verwandte Arbeiten gegenüber und insgesamt außerdem dokumentarische Bezugspunkte zu manchem Spielfilm im Hauptprogramm her.

Verkehrte Welt

Netto von Robert Thalheim etwa verkehrte im Blick auf zeitgenössische existenzielle Schieflagen Kompetenzen und Rollen. "So geht das nicht, Papa!", sagt der fünfzehnjährige Sohn eines arbeitslosen Berliners, nachdem er einen Blick auf dessen Bewerbungsunterlagen geworfen hat. Dann beginnt der Schüler seinen Vater in den pragmatischen Anforderungen des Marktes zu unterweisen, lernt allerdings auch die ökonomisch nicht nutzbaren Qualitäten des vermeintlichen Losers als solche zu erkennen und zu schätzen.

Netto war nur ein gelungenes Beispiel für jene Art von zeitgenössischem europäischem Kino, um das es dem Linzer Festival zu tun ist: Ein Kino abseits des Euro-Mainstreams, das sich in unterschiedlichster Form ganz explizit mit seinem jeweiligen Umfeld auseinander setzt - bis hin zu den HipHop-Videos aus ganz Europa, die das Programm "Conscious Rap!" versammelte - und gerade darin mit den jeweilig spezifischen Gegebenheiten andernorts (zum Beispiel in Linz und Umgebung) kommuniziert.

Zur Preisverleihung am Samstagabend war auch der oberösterreichische Landeshauptmann Pühringer angereist, um anlässlich der Vergabe des diesjährigen Förderpreises (Gesamtwert 6000 Euro) für einen "local artist" an den Avantgardefilmemacher Siegfried A. Fruhauf den Stellenwert des Festivals für den Filmnachwuchs des Landes zu betonen.

Fruhaufs prämierte Arbeit Mirror Mechanics wird demnächst auch bei den Internationalen Filmfestspielen in Cannes gezeigt. Der mit 10.000 Euro dotierte Hauptpreis ging an die junge Französin Isild Le Besco für ihr Debüt Demi-tarif (Halbpreis) über das der STANDARD bereits berichtete.

Blick voraus

Abschließend kann das Festival, das für die kommenden Jahre die Notwendigkeit einer verbesserten "Basisfinanzierung" betont, auf deutlich gesteigerten Publikumsandrang verweisen (22 Prozent mehr Kinobesucher als 2004). Die nächste Ausgabe von Crossing Europe wird von 25. bis 30. April 2006 stattfinden. Die Filme von Peter Braatz und Maja Weiss kann man bereits diese Woche, von 6. bis 10. Mai, im cinemagic in Wien (noch einmal) sehen. (Der Standard, Printausgabe, 2.5.2005)

Von
Isabella Reicher
  • "Hypnotisches Spiel um Verdoppelung, Brechung": "Mirror Mechanics" von Siegfried A. Fruhauf gewann bei Crossing Europe den Local-Artist-Preis 2005.
    foto: crossing europe

    "Hypnotisches Spiel um Verdoppelung, Brechung": "Mirror Mechanics" von Siegfried A. Fruhauf gewann bei Crossing Europe den Local-Artist-Preis 2005.

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