STANDARD-Interview: "Haben Sie nichts verschwiegen?"

25. November 2005, 18:26
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Der Hitler-Biograf Joachim Fest über seine Beziehung zu Hitlers Architekten Albert Speer

STANDARD: Sie waren der Lektor von Albert Speer bei der Abfassung seiner "Erinnerungen". Warum haben Sie diese Aufgabe übernommen?

Fest: Mein Freund, der Verleger Wolf Jobst Siedler hatte mich gefragt, ob ich die Redaktion übernehmen würde. Da ich damals gerade mit dem Gedanken spielte, eine große Hitler-Biografie zu schreiben, dachte ich mir, dass natürlich Speer ein allererster Zeuge ist. Das hat auch meine Entscheidung, das Buch über Hitler zu schreiben, ein bisschen mitbefördert.

STANDARD: Man sagt Speer großes Charisma nach.

Fest:Das hat er gehabt. Auf mich weniger. Man konnte ihm das anfühlen, dass er auf Menschen einen außerordentlichen Eindruck machte.

STANDARD: In den "Spandauer Tagebüchern" schreibt Speer, dass ein amerikanischer Verlag ihn noch in den Vierzigerjahren dazu bewegen wollte, seine Erinnerungen zu schreiben. Als das Buch 1969 erschien, wurde es ein Welterfolg. Rückblickend erscheint es als "kalkulierter Schwindel" (Götz Aly). Hätte man nicht auch darauf verzichten können, Speer diese große Bühne einzuräumen?

Fest: Nein, das glaube ich nicht. Ich habe nie davon gehört, dass jemand der Auffassung war, Speer hätte das nicht schreiben sollen.

STANDARD: Welche Stadien der Textbearbeitung gab es?

Fest: Der Text ist weitgehend sein eigener Wortlaut. Das Hauptproblem waren die Kürzungen. Es gab ungefähr 2000 Seiten aus der Schreibmaschine. Das musste auf 800 Typoskriptseiten reduziert werden. Die zweite Aufgabe war, Speer dazu zu bringen, über etwas zu reden, wovon er ungern geredet hat. Ein Teil, der sehr bekannt geworden ist, betrifft die so genannte Reichskristallnacht. Speer war Zeuge, und ich habe gesagt, er muss das behandeln. Er hat auch gesagt: Nein, ich will das nicht. Dann wollte er nicht. Das hatte nicht unbedingt mit Schuldfragen zu tun. Jeder Mensch hat einen anderen Begriff von Intimität. Da wollte er einfach verschiedene Dinge nicht dargestellt sehen.

STANDARD: Sechs Jahre nach den "Erinnerungen" erschienen die "Spandauer Tagebücher", die auf Notizen beruhen, die Speer aus der Haft schmuggeln ließ. Werden wir davon eines Tages auch eine historisch-kritische Ausgabe lesen können?

Fest: Das kann ich mir nicht vorstellen. Vieles war damals schon kaum mehr lesbar. Speer hat mit Bleistift auf Toilettenpapier geschrieben.

STANDARD: Jedenfalls haben diese Bestseller wesentlich zur "Speer-Legende" (Volker Ullrich) beigetragen.

Fest: Sicher haben viele daraus Trost gezogen, dass man ein Nazi, ein Regimediener sein konnte und dennoch anständig bleiben konnte. Das haben sie wohl zu Unrecht getan. Das Buch hatte so eine katalysierende Kraft gehabt.

STANDARD: Heute spielt Geschichtsfernsehen eine zentrale Rolle. Große Kontroversen wie die um Speer sind aber selten geworden.

Fest: Es wird zu viel gemacht. Man kann in einer Woche 32 Sendungen zählen, die sich mit dem "Dritten Reich" beschäftigten. Dazu kommen die Talkshows, in denen Leute von ihren Erfahrungen berichten. Wenn viele in Deutschland sagen, es soll ein Schlussstrich gezogen werden, dann meinen sie vielleicht, es soll mit den gebetsmühligen Schuld- und Reueallüren ein Ende haben. Alles verfällt in einen Routineton.

STANDARD: Aber durch TV-Filme wie Heinrich Breloers "Speer und er" wird auch spezifische historische Literatur populär, wie etwa die Untersuchungen von Susanne Willems über die "entsiedelten" Juden Berlins, die Speer weghaben wollte, weil sie seinen Plänen im Weg standen.

Fest: Ja, aber wer liest das? Es ist sehr schwer, den Leuten etwas, das sie unter keinen Umständen wollen, aufzunötigen. Nur wenn etwas sehr gut gemacht ist oder einen neuen Ton bringt, bekommt es Aufmerksamkeit.

STANDARD: Der Film "Der Untergang", der auf einem Sachbuch von Ihnen beruht, wurde vielfach wie ein historisches Dokument besprochen - und gelobt. Haben Sie sich da nicht ein wenig gewundert?

Fest: Der ideale Zuschauer des Films wäre für mich einer, der danach ein Buch nimmt und beginnt, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Ob das nun Fiktion ist oder nicht, das wäre für mich eine zweitrangige Frage. Irgendjemand hat geschrieben, der Film liefere keine neuen historischen Erkenntnisse. Es hat mich verwundert, wie man so eine Dummheit schreiben kann. Auch ein Film über Alexander den Großen liefert keine neuen Erkenntnisse.

STANDARD: Wie fanden Sie das Speer-Bild im "Untergang"?

Fest: Die Rolle war mir ein bisschen zu klein geraten.

STANDARD: Wird er nicht mehr oder weniger freigesprochen?

Fest: Nein. Es sind die letzten paar Tage, um die es geht. Er erklärt Hitler, dass er gegen seine Befehle gehandelt habe. Das ist nicht der ganze Speer, der da erscheint. Es ist schwer, eine ganze Persönlichkeit, die außerdem eine Nebenrolle spielt, umfassend darzustellen.

STANDARD: Marcel Reich-Ranicki hat jüngst seine Begegnung mit Albert Speer noch einmal erzählt - auf einem Empfang aus Anlass des Erscheinens Ihrer Hitler-Biografie 1973 hätte Wolf Jobst Siedler ihn in die Arme von Speer "geschubst".

Fest: Das ist eine reine Erfindung. Herr Siedler hat noch niemanden geschubst. Das ist grotesk und absurd. Es ist 30 Jahre zwischen uns von dieser empörenden Begegnung nie die Rede gewesen, obwohl wir viele Auseinandersetzungen hatten. Es kam aus heiterem Himmel. Er wollte mir eins auswischen. Ich hatte gerade meine Speer-Biografie geschrieben, und da hat er aus der Tatsache, dass ich mit Speer etwas zu tun hatte, versucht, einen Skandal zu machen.

STANDARD: Aber auch Sie selbst schreiben in Ihrem neuen Buch "Die unbeantwortbaren Fragen", dass Sie sich von Speer betrogen fühlten.

Fest: Am Ende der Arbeit an den Manuskripten mit Speer habe ich ihn noch einmal gefragt: "Haben Sie nichts verschwiegen, nichts verkleinert, woran Ihre Mitschuld viel größer war?" Und dann stellte sich ein Vierteljahr nach seinem Tod heraus, dass er mir einiges nicht gesagt hatte. Da hatte ich das Gefühl, dass er mir - oder seinen Lesern - eine Nase gedreht hatte.

STANDARD: Begann die Faszination für die Tätergeschichte, die bis heute anhält, mit Speers Büchern?

Fest: Ich höre immer nur, die Deutschen gefielen sich nur in der Opferrolle.

STANDARD: Vielleicht ist das nur die andere Facette des gleichen Zusammenhangs?

Fest: Natürlich sind Täter meist interessanter als Opfer. Über Dschingis Khan oder Nero können Sie eine bessere Biografie schreiben als über Gandhi. Aber dass diese Täterrolle übermäßig stark ausgespielt würde, kann ich nicht beurteilen, weil ich diese Sendungen nicht sehe. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 30. 4./1. 5. 2005)

Das Interview führte Bert Rebhandl
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