Gewinneinbruch trotz steigender Umsätze

9. Mai 2005, 14:15
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Die Bilanz 2004 der ÖBB zeigt erheblichen Handlungsbedarf. Jetzt sollen jährlich 1,2 Milliarden Euro in den Schienenausbau fließen

Wien - Die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) wollen bis 2010 rund 10 Mrd. Euro in neue Strecken und Züge investieren, damit ihre Marktanteile in Österreich zumindest halten und Richtung Zentral-Europa expandieren, weitere tausende Mitarbeiter abbauen und flexiblere Arbeitszeiten erreichen. Das ist im groben die Strategie, die ÖBB-Chef Martin Huber am Freitag verkündet hat, nachdem das Unternehmen im Vorjahr trotz steigender Umsätze einen Gewinneinbruch hinnehmen hatte müssen.

EGT brach um 80 Prozent ein

Die Umsätze im Personen- und Güterverkehr haben sich im Vorjahr zwar um 1,3 Prozent auf 2,095 Mrd. Euro leicht erhöht. Vor allem aber weil die ÖBB-Alt - nicht zuletzt wohl in Hinblick auf die Teilung des Unternehmens, die vor zehn Tagen abgeschlossen wurde - deutlich weniger Immobilien verkauft hat, brach der Ertrag aus der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit (EGT) 2004 um rund 80 Prozent von 100 auf 21,4 Mio. Euro ein. Rückstellungen für weitere Sozialpläne, Prämienprogramme und sonstige Ausgaben eingerechnet, stand in der Vorjahresbilanz im Jahresergebnis sogar ein dickes Minus von knapp 130 Mio. Euro (nach noch 100 Mio. Euro plus im Jahr davor).

Mit einem umfangreichen Investitionsprogramm will ÖBB-Chef Huber die nun bis 2010 "unter die Top-Bahnen Europas" bringen. Vor allem im Personenverkehr sei "jahrzehntelang devestiert" worden, klagte ÖBB-Aufsichstratschef Wolfgang Reithofer. Im Durchschnitt sollen jetzt jährlich rund 1,2 Mrd. Euro in den Schienenausbau fließen. Der Rest auf 10 Mrd. Euro soll in neue Züge und Waggons investiert werden.

Bessere Abstimmung von Bus und Bahn

Außerdem versprach Huber auch eine Verbesserung der Fahrpläne - zunächst vor allem eine bessere Abstimmung von Bus und Bahn. Auch die Wiedereinführung eines Taktfahrplans schließt der neue ÖBB-Chef nicht aus. Das sei in drei bis fünf Jahren realistisch. In Summe wollen die ÖBB damit in Österreich ihre Marktanteile zumindest halten. Die Fahrgastzahlen sind im Vorjahr um 5 Millionen auf 433 Millionen gestiegen, das transportierte Gütervolumen erhöhte sich um 4,5 Prozent auf 92 Millionen Tonnen.

Umsatz und Ertrag in Richtung Zentral-Europa sollen im Personenverkehr verdoppelt werden. Ähnliches gilt im Güterverkehr, wo die ÖBB als Europas derzeit schon viertgrößte Güterbahn Europas ebenfalls ein Wachstum Richtung Zentraleuropa anstreben. Bei der im Mai erwarteten Ausschreibung des slowakischen Güterverkehrs werden sich die ÖBB laut Huber bewerben. Über weitere Zukäufe will der ÖBB-Chef noch nichts sagen.

Verhandlungen Arbeitszeit

Trotz dieser umfangreichen Investitionspläne will die Bahn wie vom Eigentümer vorgegeben im laufenden Betrieb bis 2010 um eine Mrd. Euro billiger werden. In den nächsten Wochen werde es Verhandlungen mit der Gewerkschaft über das Thema Arbeitszeit geben, kündigte Huber an. Ziel ist, die Ende des Vorjahres auf Grund von EU-Vorgaben von maximal 12 auf 10 Stunden reduzierte Tagesarbeitszeit wieder auszudehnen. Ähnlich wie bei den AUA-Piloten verlangt Huber auch für die Lokführer und Zugbegleiter eine Ausnahme vom allgemeinen Arbeitszeit- und Arbeitsruhegesetz. Ziel sei es, die hohen Überstundenbestände und Resturlaube abzubauen. Aber auch die Bediensteten seien mit den neuen Regeln nicht glücklich, weil sie jetzt wesentlich öfter Dienst hätten, so Huber.

Im Vorjahr hat die Bahn rund 3.000 Mitarbeiter abgebaut, 577 davon wurden betriebsbedingt in Frühpension geschickt. Der Personalstand reduzierte sich damit um 6 Prozent auf 44.721 Eisenbahner. Für die Zukunft schließt Huber weitere Frühpensionierungen nicht aus. Ob der natürliche Abgang von 1.300 bis 1.500 pro Jahr zur Kostensenkung ausreichen werde, werde vom Geschäftsverlauf abhängen, so der Bahnchef.

Sonderabfertigungsmodell

Zusätzlich soll ein bereits eingeleitetes Sonderabfertigungsmodell über Mai hinaus verlängert werden. Seit Februar haben 385 Mitarbeiter den "Golden Handshake" angenommen und rund 500 Mitarbeiter ihr Interesse an einem ebenfalls angebotenen Wechsel in den Bereich der Justizanstalten angemeldet. Die Hauptalternative zur Frühpensionierung - eine gesetzliche Lockerung des Kündigungsschutzes - überlässt der ÖBB-Chef aber der Politik. Aus seiner Sicht sei zwar mehr Flexibilität beim Personaleinsatz notwendig. Ob es tatsächlich zu der Dienstrechtsänderung komme, die von der Gewerkschaft kategorisch abgelehnt wird, müsse die Regierung entscheiden.

Weitere Einsparungen also bei der Bahn, neue Jobs aber für die Bauindustrie, heißt die Devise. Vor dem großen Arbeitsmarktgipfel an diesem Sonntag hat der ÖBB-Chef eine "drastische Verkürzung" der Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte gefordert. Vorgezogen werden sollten dann vor allem der Ausbau der Westbahn", der Strecke Wien-Bratislava und der Pottendorfer Linie von Wien Richtung Ungarn. "Wir müssen darauf achten, dass wir Prioritäten im Sinne der Infrastruktur und nicht im Sinne der anderen setzen", meinte Huber. Würden die Bewilligungen nicht beschleunigt, würde aber auch die Vorziehung der Infrastrukturvorhaben kurzfristig nicht mehr Beschäftigung bringen.

Kukacka: "Bewährungsprobe bestanden"

In den Augen von Verkehrsstaatssekretär Helmut Kukacka (V) hat die ÖBB-Reform ihre Bewährungsprobe bestanden: "Die heute vorgelegte 'ÖBB-Bilanz 2004' zeigt, dass die ÖBB den richtigen Weg eingeschlagen haben." Die Zielvorstellungen für die einzelnen Unternehmensbereiche seien nun klar definiert, die einzelnen operativen Gesellschaften finanziell transparent und überschaubar geworden, wie Kukacka am Freitag in einer Presseaussendung meinte. "Die ÖBB sind durch die Reform zu einem "Unternehmen mit Zukunft" geworden." Es sei gelungen, die Pro-Kopf-Produktivität deutlich zu steigern. Dieser Weg müsse nun weiter verfolgt werden.

Kukacka räumte freilich ein, es sei klar gewesen, dass 2004 ein "heikles Jahr des Überganges" sein würde. "Dennoch sind all die Untergangszenarien, wie sie von der Opposition an die Wand gemalt wurden, überhaupt nicht eingetreten." Im Gegenteil: Die ÖBB stehe besser da als vor der Reform, betonte der Staatssekretär. Es seien nicht nur eigene unternehmensrechtlich getrennte Aktiengesellschaften, die sich nun am Markt behaupten müssten, geschaffen worden, sondern es gebe jetzt auch transparente Finanzierungsströme und klare Entscheidungs- und Verantwortungsstrukturen. (APA)

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