M.I.A.: Völker, hört die Konsole!

5. Mai 2005, 17:43
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Die Rapperin sprengt auf "Arular" nicht nur mit Playstation-Sounds den Pop in die Luft - mit ihren Abzählreimen will sie auch den Dancefloor politisieren

Mit ihrer ersten Single "Galang" sorgte die junge Londonerin Maya Arulpragasam alias M.I.A. 2004 für ein ordentliches Rappeln im Karton der trotz selbstimmanenter Hysterisierung ohnehin nicht gerade innovationsarmen Undergroundszene der britischen Metropole. Nach Hardcore, Djungle, Drum'n'Bass, House, R'n'B, Technobrett, einer Rückwendung zu HipHop, jamaikanischem Stakkato-Rap-Raggamuffin' und Dancehall und der Erfindung der auf allem und jedem früheren Stil basierenden Garage und dem derzeit brutal-minimalistischen Grime setzt die junge Frau jetzt mit ihrem Albumdebüt zwar keine neuen Akzente. In einem Dancefloor-Genre, in dem ohnehin seit Jahren alles möglich scheint, ist das nur schwer möglich. Mit den 13 Tracks von Arular bringt die junge, aus Sri Lanka stammende Tamilin aus einer militant für die Unabhängigkeit kämpfenden und deshalb in der Heimat verfolgten Familie (ein Cousin von ihr tötete sich bei einem Selbstmordattentat) als Flüchtlingskind allerdings einige wesentliche Punkte zu einer schlagkräftigen Kunstform zusammen. Die wurden bisher gerade auch im Dancefloor konsequent verweigert.

Immerhin schließen sich - abgesehen weniger Ausnahmen wie dem Transglobal Underground oder Fundamental - auch in Großbritannien politisches Bewusstsein und hedonistische Agitation weitgehend aus. Speziell nach dem Niedergang US-amerikanischer Vorbilder im HipHop der ethnischen Minderheit(en) wie Public Enemy oder Niggers With Attitude hin zum mit Goldketten behangenen Hardcore-Kapitalismus eines P. Diddy, Jay-Z oder 50 Cent und deren in Videos hinlänglich betriebener Zurschaustellung von willigen halb nackten Frauenkörpern als weiteres Handelsgut am so genannten freien Markt der Kapitalströme ist das Erscheinen einer Frau wie M.I.A. doch äußerst bemerkenswert.

Nicht nur dass die Musik von M.I.A. trotz aller im Gegensatz dazu vorgetragener scheinbarer Unschuld im textlichen Abzählreimvortrag eines kleinen Mädchens mit dünner Stimme mit geradezu militanter Konsequenz einschlägt wie eine Splitterbombe. Gebrochene und zerstückelte Beats aus der Spiele-Konsole treffen hier auf nörgelnde, nervös machende Bassläufe und Soundeffekte von Abschussspielen aus dem Internet: "They say river's gonna run through, work is gonna save you, pray and you will pull through, suck-a-dick will help you, don't let 'em get you . . ."

Brutale HipHop-Beats schnalzen dazu mit übersteuerten, indischen Tabla-Trommeln ebenso um die Wette, wie der elektronische Toyland-Park von Missy Elliott und Timbaland mehr oder weniger abseits konventioneller Harmonievorgaben durch den Fleischwolf gedreht wird. Auf dem Track Fire Fire rattert M.I.A. dieses Überangebot aller verfügbaren Einflüsse dann auch beherzt wie eine Registrierkasse vor der Freistellung in die Langzeitarbeitslosigkeit herunter: "Swinging out to Swing Beats, laying low and jacking up to Lou Reed, chasin' out to the Pixies and the Beasties, being Acid with hair cut like geek freaks . . ."

Bei allem auch optisch zur Schau gestellten Terroristen-Chic inklusive Maschinenpistolen, Handgranaten, Panzern und PLO-Motiven als T-Shirt-Logos und Schmuckbestandteilen und einer oft reichlich oberflächlichen oder eiligen Behandlung politischer Themen unter dem Bann von Reimzwang und Plakataktion ist Maya Arulpragasam dennoch eine der seit Langem zwingendsten Arbeiten im Popbereich gelungen. Mit so unterschiedlichen Produzenten wie dem Londoner House-Duo Switch, den auf dem Dancefloor mit ihren Big Beats keine Gefangenen machenden Fat Truckers, Richard X oder Steve Mackey, dem einstigen Bassisten der intellektuellen Brit-Pop-Institution Pulp, wird an vorderster Front geforscht, wenn es darum geht, Pop zu schaffen, der im Hier und Heute steht und ohne sonst grassierende Nostalgie Neues eben auch als Neues definiert.

Ob dieses Modell einerseits haltbar, andererseits ausbaufähig sein wird, bleibt abzuwarten. Einverleibungsversuche der ungeduldig nach neuem Futter suchenden US-HipHop-Industrie, etwa seitens des oben erwähnten Jay-Z, sind jetzt schon zu orten. M.I.A. lehnt als über- zeugte Londoner Weltbürgerin angetragene Kooperationsdeals bis jetzt brüsk ab. 2005 haben wir es in ihrem Fall mit der tatsächlich modernsten Form zu tun, die im Pop zu haben ist. Den Rest wird dann auf lange Sicht nicht die Weltrevolution, sondern der Markt regeln. So pragmatisch wie zynisch sieht das auch M.I.A. selbst.
(Christian Schachinger, DER STANDARD, rondo/29/04/2005)

  • M.I.A. Arular (XL Recordings/Edel)
    foto: plattencover

    M.I.A.
    Arular
    (XL Recordings/Edel)

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