"Intime Fremde". Therapiestunden mit einer Unbekannten

28. April 2005, 18:37
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Patrice Lecontes romantisches Kammerspiel "Intime Fremde" lotet sublimes Begehren aus

Wien - Eine Frau tritt durch die falsche Tür. Sie sucht Rat bei einem Psychotherapeuten, um ihre Eheprobleme in den Griff zu bekommen. Sie gelangt aber ins Büro eines Steuerberaters, dessen Couch ihr suggeriert, am richtigen Ort zu sein. Sie zögert nicht lange und beginnt zu erzählen. Ihr Gegenüber kommt nicht dazu, den Irrtum aufzuklären. Also hört er ihr zu, ist schnell gebannt und zögert das klärende Wort so lange hinaus, bis es erst einmal zu spät ist.

Patrice Lecontes neuer Film Intime Fremde - der französische Titel Confidences trop intimes weist bereits subtiler auf die Ebene der Vertraulichkeiten hin - nimmt somit eine Verwechslung als Ausgangspunkt seiner Erzählung. Der Beruf des Steuerberaters ist dem des Therapeuten nahe genug - auch er übernimmt Informationen und bringt sie in geordnete Verhältnisse -, um ihren Fortgang zu garantieren.

Pikante Geständnisse einer attraktiven Frau sind freilich um vieles reizvoller als das Auflisten von Einkommensverhältnissen. Deshalb nimmt sich der Steuerberater der mysteriöse Klientin an. Deshalb begehrt er, mehr über sie zu erfahren. Das altertümliche Setting seiner Kanzlei erlaubt es ihm, statthaft zu wirken und der Fremden zugleich recht nahe zu kommen.

Die Konstellation von Intime Fremde erinnert ein wenig an jene aus Filmen von Hitchcock, in denen auch einander Unbekannte Pakte schlossen oder schlicht für jemand anders gehalten wurden. Leconte bastelt daraus aber keinen Thriller, sondern ein erotisches Kammerspiel, das nie explizit wird, sich vielmehr äußerst diskret gibt.

Mit geheimnisvollen Andeutungen und prekären Bekenntnissen weckt Anne, von Sandrine Bonnaire einmal als kühle Femme fatale, dann wieder ganz als verunsicherte Ehefrau verkörpert, Williams (Fabrice Luchini) Faszination. Was sie an ihm findet, und zwar noch dann, als er bereits seine wahre Identität preisgegeben hat, bleibt indes rätselhafter. Meist beobachtet er sie nur mit weit aufgerissenen Augen, immer etwas nervös und unsicher ob ihrer Gegenwart, während Eduardo Serras Kamera Annes Körper verliebt umtänzelt.

Intime Fremde spielt mit dem Umstand, dass Annes Probleme - ein impotenter Mann, der sie zu Sex mit anderen Männern drängt - vielleicht nur erlogen sind. In William hätte sie dann ein willfähriges Opfer gefunden, der ihre Fantasien für bare Münze nimmt. Dass sein eigenes Leben nicht sehr authentisch wirkt, macht ihn nur noch geeigneter für diese Täuschung. Immer noch lebt er in der Wohnung seiner Eltern und führt den ererbten Beruf seines Vaters fort.

Leconte hat kein Interesse daran, diese Konstellation zum Äußersten zu treiben. Der Film weist viele Fährten auf, nimmt aber keine richtig auf. Ein Maß an Manierismus ist diesem Zugang zu eigen, das auch andere Arbeiten des Regisseurs (Die Verlobung des M. Hire) charakterisiert. Das Begehren wird in der Schwebe gehalten, die Figuren werden nicht richtig ausgelotet, sondern eher von einer Position zur nächsten verschoben.

Es liegt nicht zuletzt an den beiden Hauptdarstellern, dass bei diesem wechselseitigen Austaxieren die Spannung erhalten bleibt. Denn immer dann, wenn Leconte den engen Raum des Büros verlässt und etwas blasse Nebenfiguren einführt, wirkt Intime Fremde verdächtig hohl. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.04.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Internetseite zum Film "Intime Fremde"Ab Freitag (29.4.) im Kino
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    foto: arsenal film
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