27. April 1945

9. Mai 2005, 18:58
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In existentiellen Situationen setzen sich moralische Größen durch - von RAU

Am Mittwoch vor 60 Jahren wurde die Republik wiedergegründet. Wien war von Bombardierungen und zehn Tagen Straßenkampf mitgenommen, in den Parks lagen Leichen - auch die von Nazis, die zuerst ihre Kinder, dann sich umgebracht hatten -, die Rote Armee plünderte und vergewaltigte, aber das große Morden war vorbei.

Die Sowjets hatten sich den alten Sozialdemokraten Karl Renner geschnappt, eine sehr österreichische Figur in ihrer Schläue, ihrem Opportunismus, aber auch in ihrer Fähigkeit, geistesgegenwärtig und mit hoher Verstellungskunst das Beste aus einer nahezu aussichtslosen Situation zu machen. Renner bildete eine Regierung und verfasste eine Unabhängigkeitserklärung, die von hohem Pathos und dem Gedanken "wir können nix dafür" getragen war (sie kann - im Gegensatz zum Staatsvertrag - nicht im Original besichtigt werden, weil sie "in Verlur" gegangen ist; Text: www.österreich istfrei.at). Er wandelte sich vom Anschlussfreund zum ersten Verkünder der österreichischen Nation - und sprach gleich von Milde für die "kleinen" Nazis.

Will sagen: In solchen existenziellen Situationen setzen sich eher die Überlebenskünstler als die moralischen Größen durch. (DER STANDARD, Printausgabe, 27.4.2005)

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