Made namens Himmler

27. April 2005, 21:15
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Zwischen Faschismus und Extravaganz oszillierend Curzio Malapartes "Kaputt" neu aufgelegt

Wien - Die Obszönität von Curzio Malapartes (1898-1957) jüngst bei Zsolnay wieder aufgelegter Weltkriegsprosa in dem Roman Kaputt liegt nicht etwa darin, dass er die deutschen Massenkriegsmörder, in deren Offiziersmessen der Autor die rätselhaft plaudernde Sphinx gibt, wie bleiche, blauäugige, verängstigte Tiere anschaut. Der dissidente Faschist Malaparte, der sich 1941/42 als halluzinierender Kriegsreporter in Lappland, Moldawien oder in der Ukraine herumtreibt, denkt in tierischen Kategorien.

Er erzählt von Pferden, die in einer finnischen Seenplatte gefroren feststecken - Statuen ihrer selbst, die der Ästhetizist zu Opfern eines grassierenden Unglücks namens "Krieg" erklärt. Während die deutsche Luftwaffe Belgrad 1941 in Schutt und Asche legt, die Menschen wie von Sinnen über glosende Trümmer kriechen, zeigt sich Malaparte, der fliegende Reporter, einzig über den "reinrassigen" Jagdhund des italienischen Botschafters besorgt: Der rollt sich, was offenbar mehr wiegt als jeder Humanschaden, angesichts des Bombenhagels zum Angstbündel zusammen.

Ein echter Parvenu

Malapartes wirksam werdender Wertekanon ist der Aberwitz des bekennenden Parvenus, der am zusehends verrohenden Krieg wie an einem Punschglas mit abgeschlagenem Rand nippt. Rund um ihn, den zwischenzeitlich in Ungnade gefallenen Marktschreier Mussolinis, sinkt das Europa der Botschaftsempfänge absehbar in Asche.

Er selbst sitzt mit trinkfesten Finnen in Lappland zusammen und muss im weißen Licht der Polarnacht das Feuerwasser humpenweise wegkippen - wenn er sich nicht gerade in rumänischen Betten wälzt oder in Hurenhäusern der SS Mitgefühl für die zum Tode verurteilten, zur Hurerei gepressten Jüdinnen mimt. Er wärmt sich am Kamin des polnischen "Generalgouverneurs" Frank mit zweideutigen Sprüchen und lauscht dem pathologischen Renaissance-Geschwätz des Massenmörders in Warschau, als würde dort der Geist in Unzen aufgewogen.

Er erblickt den nackten Himmler in einer finnischen Saunabretterbude und beschreibt den weichen, käsigen "Herrenmenschen" als widerlichen Engerling, der von seinen Subalternen mit Ruten gepeitscht wird. Malaparte ist das ungerührte, im Ekel erstarrte Auge einer mutmaßlich alteuropäischen Humanität. Der unübertroffene Ästhet gibt sich als Pornograf einer (angeblich unfreiwilligen) Society-Berichterstattung - und tut dabei so, als bedürfe es "harter Kerle" wie seiner, die mit paradoxen Sprüchen die Vertreter der "Achsenmächte" zum Besten halten. Das Europa aber, dem Mala- parte anno 1943/44 als bekennender Sozialrevolutionär und Wendehals mit Lust am nekrophilen Detail die Leviten liest, fährt in die ganz tiefe Grube: Es bereitet gerade mit Pogromen diejenigen Anstalten vor, die unter dem Namen "Endlösung" das unübertroffene Maß der Menschenfeindlichkeit festlegen werden.

Curzio Malaparte: in Prato geborener Sohn eines deutschen Textilingenieurs, der sich als Freiwilliger des Ersten Weltkriegs in Frankreich die Lungen ruiniert, mit den "Republikanern" gegen das Großbürgertum husst und als Pamphletist Mussolinis der faschistischen Gesellschaftsumwälzung mit Lust an der bourgeoisen Selbstverachtung den Boden bereitet.

Malaparte, der geschäftstüchtige Dandy, ließ sich auf Capri jene karmesinrote Villa bauen, auf der einst Brigitte Bardot ihr makelloses Gesäß der gleichgültigen Sonne der Verachtung (in Godards Le Mépris) darbieten sollte. Er war kein Faschist - so man darunter den Willen zur Gleichschaltung mit genozitärem Endziel versteht. Malaparte war gar nichts Eigenes - außer jenem Willen zur Zeugenschaft, dessen Unbedingtheit eine Hartherzigkeit verhehlt, die sich auf alles einlässt, um sich in nichts von außen beschmutzen zu lassen. Der spätere Verbindungsoffizier der Alliierten wird noch Die Haut schreiben - den elendskomischen Hymnus auf die Hymen jener Frauen, die sich an die US-"Besatzer" feilschend verkaufen. Den verrückten Prosastilisten Malaparte vermochte nichts vor sich selbst zu retten. Das bewahrte ihn aber auch davor, seine vereiste Seele an die Käfer und deren Sektion zu verschenken. Malaparte war nicht Ernst Jünger. Er war der Jünger seiner selbst. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.04.2005)

Von
Ronald Pohl

"Literarische Soiree"
am Mi., 20.4., 19 Uhr
im ORF KulturCafé:
Über Curzio Malaparte diskutieren u. a. Eva Rossmann, Daniela Strigl und Klaus Kastberger
4., Argentinierstr. 30a
  • Artikelbild
    foto: zsolnay
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