Eine Musikselbstbehinderung

15. April 2005, 19:47
posten

Neue Oper Wien mit der Uraufführung von Christoph Cechs "Orfeo" in der Remise

Wien - Es tut einem ein bisschen Leid um die interessanten Momente, die bei diesem Orfeo aus dem Orchestergraben aufstiegen. Unzweideutig war an ihnen zu erkennen, zu welch atmosphärischer Dichte und spannungsaufladender Verschachtelung von Linien und Rhythmen Komponist Christoph Cech fähig ist. Als Inseln des Substanzvollen gingen sie jedoch im Meer jener langatmigen Richtungs-und Stilwechsel unter, die Cech in das Monteverdi-Original implantiert hatte.

Herausgekommen ist eine Art verkrampfter Nummernoper im Sinne des Third Stream - jenes Stils, der einst versuchte, Klassik und Jazz zu versöhnen. Cech hat Claudio Monteverdi übermalt, hat sich auch selbst übermalt, indem er gegensätzliche Musiken übereinander geschichtet hat. Da kracht Tonales auf Freitonales, werden Minimal Music und Kammermusikjazz bemüht.

Statt einen dramaturgisch belebenden Gesamtfluss zu erzeugen, scheinen die Elemente einander indes unentwegt zu behindern. So mutiert der lange Abend zu einer Demonstration polyglotten Handwerks, zur stilistischen Modeschau. Als Orfeo-Suite wäre das Ganze lebensfähig. Als Oper ist es ein Fall für die kompositorische Intensivstation. Sollte sie dort landen und wieder heil herauskommen, wäre auch ein Regiewechsel nicht von Nachteil.

In der Remise jedenfalls versetzt ihr Carlos Wagner mit einer Mischung aus Archaik, statischen Ritualen und plakativer Drastik den inszenatorischen Rest - samt symptomatischem Finale: In der käfigartigen Holzkonstruktion (Bühnenbild: Christof Cremer) wird zum Schluss eine Orfeo-Puppe von den Bacchantinnen zerlegt - hernach dürfen die Gliedmaßen auch noch zu autoerotischen Versuchen herangezogen werden. Nun ja. Es hätte wohl subtilere Wege gegeben, der mythologischen Wahrheit gerecht zu werden.

An der Arbeit von Dirigent Walter Kobera und dem Amadeus Ensemble Wien gibt es nichts zu bekritteln; wacker auch die vokale Seite des Unterfangens: Rebecca Nelsen (als Euridice) überzeugt, durchaus auch Milena Georgieva (als La Musica und als Apollo). Durchaus solide auch Alexander Kaimbacher als die Unterwelt durchwandernder Sänger, dem - und das war kein übler Einfall - zum Schluss hin ob des Euridice-Verlustes der Gesang abhanden kommt. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.04.2005)

Von
Ljubisa Tosic

Weitere Vorstellungen: 16., 20., 22. und 23.4., 20 Uhr
Karten: (01) 218 25 67.
  • Artikelbild
    foto: plakat
Share if you care.