"Samaria": Dienstleisterinnen mit hehren Motiven

15. April 2005, 19:24
4 Postings

"Samaria", der neue Film des Koreaners Kim Ki-duk, erzählt von drei Menschen, die sich in einem Kreislauf von Schuld, Sühne und Opfertum verlieren

Wien - Für weite Reisen benötigt man Geld. Yeo-Yin und Jae-Young, zwei koreanische Schulmädchen, haben sich ein ungewöhnliches Finanzierungsmodell überlegt, um einmal nach Amerika zu gelangen. Yeo-Yin schläft mit Männern in billigen Motels. Die Treffen fädelt Jae-Young ein, sie steht auch Schmiere, obwohl sie die Idee ihrer Freundin eigentlich missbilligt. Yeo-Yin ist ein seltsames Mädchen. Sie findet Gefallen an dem, was sie tut. Moralische Hemmungen hat sie keine. Nach dem Sex beißt sie gerne in eine Schweinshaxe.

Der koreanische Regisseur Kim Ki-duk hat seinen Film Samaria in drei Kapitel unterteilt, die unterschiedliche Perspektiven auf das Geschehens werfen. Das erste trägt den Titel "Vasumitra", nach einer indischen Hetäre, die ihre Kunden über ihre Zuwendungen zum Buddhismus bekehrte. Für Yeo-Yin wird sie zum Vorbild, aber erst Jae-Young gelingt es, dem Sex gegen Bezahlung eine Art Ökonomie des Herzens entgegenzusetzen, die religiöse Züge trägt.

Eine unglückliche Wendung geht dieser Ablöse voraus. Yeo-Yin wird von Polizisten mit einem Freier entdeckt, springt mit einem Lächeln aus dem Fenster und stirbt wenig später an den Verletzungen. In einem altruistischen Akt der Buße sucht ihre Freundin jeden der Kunden nochmals auf, schläft diesmal selbst mit ihnen und gibt ihnen das Geld zurück. Kim überträgt damit in diesem zweiten Teil dem Mädchen die Gewalt, über die Ausrichtung dieses Tauschgeschäfts zu entscheiden. Die verwunderten Männer danken es ihr mit spontaner Güte.

Wunder und Glaube

Diese christliche Konnotation findet sich in Samaria auch an anderer Stelle wieder, insofern nimmt er gegenüber Kims vorangegangenem Film, der kryptobuddhistischen Parabel Frühling, Sommer, Herbst, Winter . . . Frühling, die Rolle einer Art Fortsetzung ein. Der Vater von Jae-Young ist etwa ein gläubiger Mann, der ihr täglich eine Geschichte über ein Wunder erzählt. Er ist aber auch Polizist. Als er eines Tages in einem Prostituiertenmord ermittelt, erblickt er zu seinem Entsetzen seine Tochter mit einem Freier. Mit dieser Entdeckung wechselt auch der Film erneut die Perspektive. Der Vater beginnt der Tochter zu folgen, er stellt den Kunden nach und wird vom einen zum anderen in der Gangart aggressiver. Einmal konfrontiert er einen Mann vor versammelter Familie mit seiner Tat, das nächste Mal wird er schon handgreiflich. Jae-Young und ihr Vater bewegen sich in unterschiedlichen Systemen, die Kim unbedingt zusammenführen will. Aber erst im letzten Teil des Films, der einen heilsamen Ausflug aufs Land beschreibt, gelingen ihm für die Unvereinbarkeit ihrer Welten (und Anschauungen) eindringliche Szenen.

Samaria bedeutet im Werk Kims, der als ein Enfant terrible des koreanischen Kinos gilt, einen weiteren Schritt in Richtung eines gleichsam überkonfessionellen Kinos. In Filmen wie The Isle oder Address Unknown, mit denen er auch im Westen bekannt wurde, war Kim noch stärker an der soziokulturellen Befindlichkeit seines Landes interessiert. Mit der Ausrichtung auf den globalen Markt scheinen seine Filme zunehmend an Schärfe zu verlieren.

Ein brisantes Thema wie die Prostitution von Minderjährigen mündet in Samaria in kein realistisches Drama mehr - es erscheint mehr wie der berechnet anstößige Aufhänger für eine Fabel um Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne. (DER STANDARD, Printausgabe, 16./17.04.2005)

Von
Dominik Kamalzadeh

Derzeit im Kino
  • Zwei Freundinnen und ein sonderbares Projekt der käuflichen Liebe: Yeo-Yin und Jae-Young, die beiden Schul- 
mädchen aus Kim Ki-duks Drama "Samaria".
    foto: polyfilm

    Zwei Freundinnen und ein sonderbares Projekt der käuflichen Liebe: Yeo-Yin und Jae-Young, die beiden Schul- mädchen aus Kim Ki-duks Drama "Samaria".

Share if you care.