"Dallas Pashamende": Identität auf der Kippe

14. April 2005, 19:36
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Robert Adrian Pejos "Dallas Pashamende" ist der Versuch eines zeitgenössischen Melodrams um Identitätssuche

Robert Adrian Pejo hat mit "Dallas Pashamende" ein zeitgenössisches Melodram versucht das seinen Helden auf unfreiwillige Identitätssuche ins Dorf seiner Kindheit begleitet.


Wien – Einer kommt zurück ins Dorf seiner Kindheit, um den Vater zu begraben. Es ist heiß, laut und dreckig hier, und gleich neben ihren armseligen Hütten liegt der Arbeitsplatz der Roma: ein riesige Müllhalde.

Radu (Zsolt Bogdan) hat es einst mit seiner Mutter von hier weg geschafft. Er ist Lehrer geworden. Seine Verlobte wartet in der Stadt. Im Dorf warten sein Erbe – ein zahmer Bär – und seine Jugendliebe Oana (Dorka Gryllus), die inzwischen mit einem anderen unglücklich geworden ist. Radu will eigentlich nicht bleiben, äußere und innere Zwänge halten ihn fest. Bald nimmt er wieder teil am einzigen kollektiven Freizeitvergnügen, dem Ansehen von verwitterten VHS-Aufnahmen der Fernsehserie Dallas.

Daher hat der Film seinen Titel: Dallas Pashamende ist eine ungarisch-deutsch-österreichische Koproduktion. Regisseur Robert Adrian Pejo, als Achtjähriger mit seiner Familie aus Rumänien nach Österreich gekommen und inzwischen in New York ansässig, hat unter anderem mit den Dokumentarfilmen Rest in Pieces (1997) und Der Weg nach Eden (1995) auf sich aufmerksam gemacht.

Seither hat er vor allem fürs Fernsehen inszeniert, acht Jahre hat die Finanzierung seines kürzlich auf der Berlinale vorgestellten, zweiten Kinospielfilms gedauert. Auch die Dreharbeiten verliefen mit Komplikationen und mussten schließlich von Rumänien nach Ungarn verlegt werden.

Auflösungsprozess

Der Aufenthalt des Lehrers gestaltet sich jedenfalls im Film als ein Prozess der Auflösung und Verwandlung. Der Anzug und das weiße Hemd werden schmutzig. Auch seinem Auto fehlen schnell ein paar Teile, von Tag zu Tag wird es mehr zum Wrack – bis anhand des traurigen Vehikels schließlich ein Wendepunkt der Erzählung sichtbar wird: Radu stellt es der Allgemeinheit zur Verfügung, das Auto wird gemeinsam wieder fahrtüchtig gemacht, und es ermöglicht Unabhängigkeit vom mafiosen Zwischenhändler.

Dallas Pashamende arbeitet nicht nur hier mit metaphorischen Bezügen. Der Film, der unter anderem an die Arbeiten eines Emir Kusturica erinnert, ist ein Melodram und als solches liegen ihm überdeutliche Bilder nahe. Trotzdem wirkt beispielsweise sein Personal – die verwirrte Alte, die grelle Hure, der brutale Trinker, der freundliche Dorfnarr oder der schlitzohrige Wirt – wie eine Ansammlung von etwas verbrauchten Stereotypen. Die beiden im Vergleich stärker individualisierten Hauptfiguren nehmen sich in diesem Umfeld wie Fremdkörper aus.

Scheinbar ein bisschen außerhalb von Zeit und Raum gelegen, geht es in Dallas Pashamende doch um den Impuls zur Selbstermächtigung, um Fragen der Identität und der Verantwortung und um die Vermittlung des Stellenwerts von Bildung. Und mitunter verwischen sich deshalb auch die Grenzen zwischen melodramatischer Überhöhung und Anklängen an eine europäische Realität, die dann plötzlich eigenartig verkleidet und nicht ganz frei von Sozialkitsch (große dunkle Kinderaugen sehen uns an) daherkommt.

Am Ende, nachdem einiges gewonnen und anderes unwiederbringlich verloren ist, hat zumindest der Held seine neue Bestimmung gefunden. Der Film selbst bleibt zwischen den Anachronismen des Genres und seinen durchaus aufklärerischen Ansprüchen ein bisschen unentschlossen liegen.
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.4.2005)

Von Isabella Reicher

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