Kommentar: Tiroler Schulinquisitoren

22. März 2006, 16:06
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Es steht der Kirche frei, im eigenen Rahmen strengere Maßstäbe anzulegen - im eigenen Haus, im öffentlichen Raum darf niemand dazu gezwungen werden

Das Pech ist: Die mittelalterliche Strenge der römisch-katholischen Amtskirche steht mit ihren realen Möglichkeiten und Ansprüchen in Einklang. Die Kirche hat einer Religionslehrerin die Lehrerlaubnis auf drei Jahre entzogen, weil sie geschieden und wieder verliebt ist. Die Bannerträger der wahren Lehre haben glasklar lebensfremd entschieden. Ärgerlich daran (neben den Konsequenzen für die unmittelbar Betroffene) ist, dass die Möglichkeiten dazu weiter existieren.

Klar, die Kirche darf sich wie jeder andere Arbeitgeber oder Verein seine Mitarbeiter aussuchen. Was den Schulbetrieb angeht, wäre jedoch festzuhalten, dass die Kirche eben nicht Arbeitgeber ist. An öffentlichen Schulen werden die Pädagogen mit Steuergeld bezahlt, sie sind deshalb auch wie jeder andere öffentliche Angestellte zu behandeln. Ihr Privatleben hat niemanden zu interessieren, solange es nicht kriminell ist. Vielleicht ist der Hinweis an dieser Stelle angebracht: Die Ehescheidung existiert im österreichischen Rechtssystem bereits, wer eine solche betreibt, macht sich nicht strafbar.

Es steht der Kirche frei, im eigenen Rahmen strengere Maßstäbe anzulegen - im eigenen Haus, im öffentlichen Raum darf niemand dazu gezwungen werden. Eine saubere Lösung ist ganz einfach: Wer Religionsstunden mit ihm genehmen Lehrern haben will, soll diese gerne anbieten - außerhalb des Schule. Wer einschlägigen Unterricht auf öffentliche Kosten haben möchte, hat die geltenden Spielregeln zu akzeptieren.

Nebenbei, die Schulinquisitoren bewegen sich auf dünnem Eis. In Lienz mag eine "schlampige" Beziehung einer Religionsprofessorin auffallen, im Großraum Wien wird so etwas ungleich schwerer zu bemerken sein. Vernadern als Grundlage der Sicherung religiöser Werte, das kann die Kirche nicht wollen. (DER STANDARD-Printausgabe, 14.4.05)

Von Otto Ranftl
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