Spiel kommt von Freude

19. April 2005, 19:55
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Freistilkonzert zwischen irrlichterndem Jazz, Folk und Funk: US-Hardcore-Veteran Mike Watt begeisterte in der Szene Wien

Mike Watt, der bereits mit 47 Jahren große alte Mann der US-Hardcore- und Punk-Szene (Minutemen, fIREHOSE), begeisterte in der Szene Wien mit einem intensiven und ungewöhnlich besetzten Freistilkonzert zwischen irrlichterndem Jazz, Folk und Funk.


Wien – "Spiel", ein für das Amerikanische adaptierter deutscher Begriff, kennzeichnet den Auftritt des aus dem südkalifornischen San Pedro stammenden Mike Watt auch heute noch. "Spiel" im Sinne eines nachbarschaftlichen Verhältnisses zur Freude. Der Bassist von heute längst legendären Bands wie den vor ihrer Zeit den im Kern freisinnigen Punk Richtung offene Songstrukturen deutenden und politisch links geerdeten Minutemen und später in den ausgehenden 80ern den Freejazz, Folkrock und Funk kurzschließenden fIREHOSE ist nach langer, lebensbedrohender Krankheit auch heute noch ein Erlebnis.

Nachdem er im Vorjahr als Bassmann der nicht zuletzt aufgrund seiner Initiative wiederbelebten Punkväter The Stooges um Iggy Pop ("Search an' destroy!") für ein unerwartet sensationelles Konzert im burgenländischen Wiesen sorgte, wütete der 47-jährige Ausnahmemusiker jetzt in der Szene Wien mit seinem aktuellen Programm The Second man's Middle Stand.

Ein Album, das er selbst als "Punkoper" bezeichnet und auf dem er zwischen geradlinigen Popstrukturen ("Pluckin', Pedalin' And Paddlin'"), harschen Rhythmuswechsel- und Umgreif-Monstern ("Pissbags And Tubing") sowie einem versöhnlichen Balladenausklang ("Pelicanman") unter dem Richtwert P wie in Punk seine durch- und überlebte Krankheit verhandelt.

Und es ist immer noch ein außerordentliches Fest, diesen richtungweisenden großen alten Mann der Hardcore-Szene tatsächlich im wahrsten Wortsinn spielen, mit rauchiger Stimme japsen und die Töne aus seinem Instrument herausreißen und -pumpen zu sehen. Mike Watt war parallel zu Peter Hook von den britischen Joy Division und New Order immerhin einst Ende der 70er-Jahre federführend mit dabei, als es darum ging, den Bass im gitarrendominierten Genre ähnlich wie zuvor im Jazz eben auch als gleichberechtigtes Lead- und Melodie-Instrument zu emanzipieren.

Er bevorzugt dabei bis heute das handlich mit Zahnbürste und Verstärkern in einen Kleinbus passende Trioformat. Nur dass er dieses Mal zum vorerst großen Schreck seiner mit ihm grau gewordenen Kundschaft keinen Gitarristen beschäftigt.

Auf der Bühne erscheint neben dem blutjungen Schlagzeugkind Raul Morales mit Paul Roessler immerhin ein Mann, der nicht nur einst reichlich zweifelhaft in der Band von Nina Hagen beschäftigt war. Und zwar als diese nicht mehr ganz auf der Höhe ihrer Kunst extemporierte und akustische Landebahnen für UFOs legte. Der mit drastischen goldenen Kuhketten Richtung Gusto-Bubi aus dem Prater behängte Roessler malträtiert auch noch ein schon rein optisch in diesem Zusammenhang schreckliches Multifunktionskeyboard. Immerhin gilt schon seit den Tagen von Johnny Rotten, dass man mit Tasten Lederjacken töten kann. Dennoch: Toll, das es jemanden wie Mike Watt immer noch gibt. Oder auch: Long may you run!
(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 13.4.2005)

Von
Christian Schachinger

Konzerttipp

Mike Watt
Do., 14. 4., 20.30
5020 Salzburg, Schallmooser Hauptstraße 46,
(0662) 88 49 14

  • Mike Watt
    foto: standard/fischer

    Mike Watt

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