"Der Schmerz ist der tiefste Goldgräber"

18. April 2005, 18:30
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Mit einem "Abgesang '45" beschließt der deutsche Dichter Walter Kempowski sein monumentales kollektives Tagebuch

... - das gerade jetzt als Gegen-Text zu hohlem Zeitgeschichts-Pathos wie in "Der Untergang" Sinn macht. Anmerkungen von Claus Philipp


"Heimlichkeit und Einsamkeit! Es versteht sich, dass die zahllosen Tagebücher, die in Kasernen, Krankenhäusern und Gefängnissen oder in Verstecken während Kriegen und Revolutionen, unter Diktaturen oder in der Emigration geschrieben wurden, Ausbrüche unterdrückter Kritik und Meinungsfreiheit sind. In dieser Hinsicht wird vor allem das echte Tagebuch in Krisenzeiten zur Manifestation eines immanenten Ausdruckszwanges.c . ."
Gustav René Hocke: Europäische Tagebücher aus vier Jahrhunderten

Stettin, am 20. April 1945. Der Volkssturmmann Fritz Steffen notiert: "Um 19 Uhr müssen wir zur ,Feier des Geburtstages des Führers' im Kasino des Landeshauses erscheinen. Ein Kreisleiter redet über den Endsieg! Die spendierte Flasche Rotwein und die kleine Portion Schinken und Wurst mit Brot haben uns nicht vom Sieg überzeugen können."

Derweilen, am selben Tag, vermerkt der Schriftsteller Heimito von Doderer, als Hauptmann in Aalborg stationiert: "Gestern vor dem Schlafengehen und heute beim Aufstehen musste ich mich des Rauchens enthalten, weil mir die Streichhölzer fehlten: das hat zur Folge, dass mir die Frühstücks-Zigarette einen kleinen Schwips erzeugt." Theodor Morell, Hitlers Leibarzt notiert in der Reichskanzlei zu Berlin: "Strophantose, Betabion forte i. v. plus Harmin s.c. - durch Dr. Stumpfegger machen lassen, da ich zu zittrig war." Ernst Jünger hingegen, bereits 1944 aus der Wehrmacht entlassen, über Lektüren in Kirchhorst: "Weiter im Hiob. Mehr erfasst keine Philosophie; der Schmerz ist der tiefste Goldgräber."

Schmerz, Schwindelgefühle, heftiges Zittern: Vier Zitate aus den ersten acht von insgesamt 492 Seiten des zehnten und letzten Bandes, im insgesamt vierten Teil von Walter Kempowskis sich über Tausende Seiten erstreckendem "kollektiven Tagebuch" "Das Echolot". 2059 Tage sind in "Abgesang '45" seit Kriegsbeginn verstrichen, 18 Tage werden noch bis Kriegsende vergehen - die, die da Tagebuch führen, können es selbstverständlich nicht wissen, aber der Chronist hält es mit peinigender Inständigkeit fest -, und immer unverhohlener bricht sich das Unbehagen Bahn, bis hin zu bitterer Häme. Wie notiert der dänische Journalist Jacob Kronika in Berlin: "Hitlers Geburtstag! Diesmal der ist es der letzte Führergeburtstag, sagen die Berliner. Vor Jahren riefen sie ,Heil!' (. . .) Unbekannte Hände haben in der vergangenen Nacht an der Ruine am Lützowplatz ein großes primitives Plakat angebracht. Die Inschrift prangt in Höhe des ersten Stockwerkes und lautet: ,Das danken wir dem Führer!' Der Text ist bekannt. Sein Erfinder ist Dr. Goebbels. Unzählige Male wurden diese Worte schon verwendet. Allerdings waren sie nicht als Grabschrift für Deutschlands Ruinen gedacht!"

20. April, 25. April, 30. April, schließlich das Kriegsende am 8./9. Mai: Über 200 Tagebücher, Textsammlungen, Autobiographien zitiert Walter Kempowski als "veröffentlichte Quellen" im Anhang zu diesem "Abgesang '45". Insgesamt 29 Archive haben den Schriftsteller und "Bibliothekar der Erinnerung" (so die Süddeutsche) bei seiner Recherche unterstützt. Fortwährend stehen Einträge prominenter "Zeitzeugen", Politiker, Intellektueller geradezu auf gleicher (Blick-)Höhe neben unbekannten Männern und Frauen, die in über ganz Europa verstreut, für sich selbst Symptome und Verwerfungen der großen Krisis notieren, kommentieren und nun in Kempowskis Zusammenstellung zu Stimmen eines großen Chores werden, in dem das Triviale sich im Extremen bricht und umgekehrt.

"Wir schlafen wieder im Keller des Pfarramts. Luise auf einem Stuhl. Ich auf einem Kinderdrahtbettgestell. Wir trinken noch vorher mit dem Onkel P. und Frl. L. unsere letzte Flasche Wein. Bald darauf trage ich mit dem Kirchendiener die Leiche eines Mannes, der soeben gestorben ist, in den Vorraum der Kirche." (Ein Unbekannter, 25. 4. 1945, Kaulsdorf/östlich Berlin) "Um 12:00 Einzug der Russen! Die Schule wurde belegt, wir im Keller, Aufforderung des Russen - mit Maschinenpistole - nicht Folge geleistet, schoss nicht. Verkleidet, verstellt." (Margit Röhrich, 25. 4., Berlin)

Wie sagte Kempowski 1999 in einem Gespräch mit dem STANDARD, anlässlich des Erscheinens der zweiten "Echolot"-Sammlung "Fuga furiosa": "Wenn man Wind darstellen will, kann man das nur im Kornfeld, wo Millionen von Halmen hin- und hergewiegt werden. Der einzelne Halm ist nicht genug."

Seit 1980 arbeitete Kempowski "praktisch ununterbrochen" an der Zusammenführung dieser Halme/Stimmen/Texte, die einander auch oft widersprechen - beispielhaft gleich zu Beginn die diversen Reaktionen auf eine Goebbels-Rede, und selbst aus der Beengtheit des Führerbunkers prallen im "Echolot" sehr unterschiedliche Versionen ein und derselben Situation aufeinander. Schon im Vorwort zum "Abgesang '45" beschwört Kempowski Bilder einer mörderischen Massenbewegung und Konfusion, sei es in Zitaten aus der Malerei - Breughels Turmbau zu Babel oder Altdorfers Alexanderschlacht, "ein Gemälde, auf dem Tausende Krieger auszumachen sind, die einander umbringen" -, sei es in persönlichen Erinnerungsbildern: "Die Kamera schwenkt über das zerstörte Warschau, über die Leichenhaufen von Bergen-Belsen und über eine Gefängnismauer, die mit Einschüssen gesprenkelt ist, und noch immer werden Massengräber geöffnet und Tote exhumiert. In Hiroshima läutet die Glocke."

Eine ungeheure Erschöpftheit (vielleicht auch des "Autors", der da in weiterer Folge einmal mehr ausschließlich mit fremden Zungen spricht/sprechen lässt) lastet auf diesem "Abgesang '45". Wenn in den vergangenen Jahren Guido Knopp und Co. sich im deutschsprachigen Fernsehen zum selben Thema in raunender Erregtheit ergingen und Bernd Eichingers Der Untergang "große" Zeitgeschichte beschwor, so ist Kempowskis "Echolot" dazu das gegenwärtig größtmögliche Beispiel unspekulativer Geschichtsschreibung (abgesehen davon, dass auch er natürlich mit einer ungewöhnlichen monumentalen Epik spekuliert). Wahrscheinlich wird man erst in voller Tragweite ermessen können, was hier Auswahl bedeutete und welche Editionsprinzipien zum Tragen kamen, wenn "Das Echolot" auf CD-Rom erhältlich oder per Internet abrufbar ist. Wenn der Leser für sich eigene Wege durch Tagebücher ziehen kann.

Denn, wohlgemerkt: Kempowskis Text-Montage, so ausufernd sie auch immer scheinen mag, ist straff komponiert. Andererseits dürften die gesamten zehn Bände "Echolot" (plus der Zusatzband Culpa) wohl nur von ausgewiesenen Experten und Spezialisten und Fans in vollem Umfang studiert werden. Der Rest der Leser bleibt gewissermaßen außen vor, wenn sie nicht selbst die Initiative ergreifen und wie wild querfeldein zu suchen und zu assoziieren beginnen. Als "Arbeitsbuch" sei das Epos, und speziell der "Abgesang '45" denn auch jeder Schul- und Lehrmittelbibliothek empfohlen - nur, angesichts des Bedarfs an eigener Auswahl wird auch spürbar: Kempowskis Projekt mag als Antwort auf modische Geschichtsschreibungen in jedem Wortsinn Gewicht haben. Gleichzeitig beschleicht einen in diesem ganzen Wust nicht selten das Gefühl, der Autor und Textsammler habe uns letztlich vor allem vor Augen geführt, dass man sich im Sammelwahn auch verirren und verzetteln kann. Dass man so, wenn man schon die Sprachverwirrung zu Babel herbeibeschwört, eher selbst zum Turmbauingenieur wird, als die Verwirrtheiten wirklich zu klären.

Wie schrieb Walter Benjamin einst in Über den Begriff der Geschichte: "In jeder Epoche muss versucht werden die Überlieferung (von Vergangenem) von neuem dem Konformismus abzugewinnen, der im Begriff steht, sie zu überwältigen." Nichts anderes versucht Walter Kempowski: Den taffen Themen-Kompilationen (Hitlers Manager, Luftkrieg, Stalingrad als Winterkriegskrimi, etc.) und den vereinfachenden Helden- und Bösewichts-Biographien versucht er in beispielloser Konsequenz die Darstellung einer Massenbewegung und eines Massenmords als Massen-Text entgegenzusetzen, der sich konformistischer, leichtfertiger Lektüre verweigert. Doch will es scheinen, als sei hier - ähnlich übrigens wie bei riesigen Interview-Archiven - eher der Weg von Interesse als das Resultat nachvollziehbar.

Der Dichter als Sammler ergeht sich in einer Extremtour durch Material, das letztlich nur er in aller Breite gekannt haben mag. Und der "normale" Leser? Er verhält sich zum "Echolot" letztlich vielleicht nur sporadisch weniger beliebig als bei der Sichtung einer Sendung von Guido Knopp. Er sucht sich, was ihm in den Kram passt. Er verliert den Überblick und manchmal, nein, sehr oft, findet er grandiose Episoden. Und dann war die unverdrossene Aufzeichnungstätigkeit der Tagebuchschreiber nicht umsonst.

"Abgesang '45" schließt etwa mit dem unbekannten Soldaten Popow: "Er war ein seltsamer Mensch. Er hatte nichts als Grillen im Kopf. So führte er ein Tagebuch in einem dicken, selbstgebundenen Heft mit weichem Zeitungspapier. Es war sein Stolz. (...) Kurz vor Berlin war es verschwunden. Er hat es heftig gesucht, hohe Belohnungen dafür versprochen. Er weinte! So grämte er sich etwa eine Woche lang, und eine feindliche Kugel hat ihn dann gefunden. Eine deutsche Panzereinheit war bei Erkner durchgebrochen, und unser Bataillon war schwer mitgenommen. In diesem Kampf fiel der Kriegstagebuchverfasser Popow. Am nächsten Morgen haben wir sein Heft hinter der Rückenlehne seines LKWs gefunden. Er hat es wohl selbst dorthin gesteckt und in der Hektik der Kämpfe vergessen."

"Jedes geschriebene Werk kann als Vorwort (oder eher als verlorene Wachsschicht) eines nie geschriebenen Werkes betrachtet werden, das notwendigerweise ungeschrieben bleibt, weil die auf es folgenden Werke, die ihrerseits Vorspiele oder Abdrucke von anderen abwesenden Werken sind, nichts als Splitter oder Totenmasken von ihm darstellen."
Giorgio Agamben, Kindheit und Geschichte
(DER STANDARD, Printausgabe vom 9./10.4.2005)


Walter Kempowski, 1929 in Rostock geboren, wurde 1971 mit seinem autobiographisch motivierten Roman Tadellöser & Wolff berühmt. Schon vorher hatte er mit seinen Gefängnis-Memoiren Im Block Aufsehen erregt: Kempowski war 1948 wegen Spionage in der sowjetischen Besatzungszone zu 25 Jahren Arbeitshaft verurteilt worden. 1956 entließ man ihn vorzeitig aus der gefürchteten Haftanstalt Bautzen. Er setzte sich in die BRD ab. Seit 1980 arbeitet Kempowski, der sich auch als Privatarchivar für Aufzeichnungen zur Alltagsgeschichte interessiert, am 10-bändigen "kollektiven Tagebuch" der Weltkriegsjahre, Echolot, das nun mit dem Abgesang '45 vollendet ist. Zuletzt erschien von ihm auch das Tagebuch Alkor und der Roman Letzte Grüße (alle im Albrecht Knaus Verlag).

  • Walter Kempowski, Das Echolot Abgesang '45. 
Ein kollektives Tagebuch. € 49,90/496 Seiten. 
Albrecht Knaus Verlag, München 2005.
    foto: buchcover

    Walter Kempowski, Das Echolot Abgesang '45. Ein kollektives Tagebuch. € 49,90/496 Seiten. Albrecht Knaus Verlag, München 2005.

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