"Es gibt nicht viele von uns ..."

15. April 2005, 12:25
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Die Sopranistin Angela Gheorghiu, einer der wenigen CD-Stars der Klassikbranche, gastiert heute im Musikverein - Die Sängerin im STANDARD-Gespräch

Ein Gespräch über weinende Dirigenten, Schlangestehen um Zucker und Kartenwünsche an die Wiener Staatsoper.


Wien - Irgendwie erfrischend: Wenn man mit Angela Gheorghiu plaudert, bekommt man auch Kapriziöses als Selbstverständlichkeit serviert ("Ich war mit 18 komplett!") - und dies von einer zufriedenen Dame, deren Musikgeschäfte - gerade angeheizt durch das neue Puccini-Album (EMI) - sehr gut gehen. So vollkommen kann das selbstbewusste Glück indes gar nicht sein, dass sich die rumänische Sopranistin (Wohnort Genf) nicht eine Zeit vorstellen kann, in der sie noch lieber operngerecht den Bühnentod zelebriert hätte.

Die Epoche lässt sich zeitlich nicht eindeutig festmachen. Farbfotos gab es da jedoch sicher keine. Ja, wohl eher überhaupt keine Fotos: "Zurückbeamen würde ich mich in eine Phase, da Opernhäuser an Sänger glaubten, als die Häuser Stars machten und nicht zerstörten. Wir leben in einer Zeit, da die Sänger sich fürchten, ihre Position zu erkennen und Nein zu sagen. Wir sind keine Sklaven! Das Operngebäude ist nichts ohne die Leute auf der Bühne!"

Kein Zweifel allerdings, dass sie selbst einiges dafür tut, um das Rad der Zeit zurückzudrehen. An der New Yorker Met wurde aus einem Premierenauftritt nichts, da sie mit ihrem Mann, Tenor Roberto Alagna, versucht hatte, vertraglich auf das Bühnenbild Einfluss zu nehmen.

Das als Traumpaar vermarktete Duo, das sich jedoch längst auch Spitznamen wie die "Ceausescus" oder "Bonnie and Clyde" eingehandelt hat, stritt auch mit Ioan Holender und reiste schließlich für Romeo & Julia nicht an. Und auch bei den Salzburger Festspielen wurde es ungemütlich, als sich Gheorghiu bei Traviata einst auf Regiegeheiß etwas entkleiden sollte ...

Nur ein Brief von Gerard Mortier rettete den Auftritt - "einer der schönsten Briefe, die ich je bekommen habe! Die Produktion war trotzdem eigentlich nichts für mich: leere Bühne, nur ein Klavier drauf. Weiß, braun und dann schwarz. Ich will nichts Verrücktes machen, etwas Schönes ist mir lieber. Ich mache gerne neue Sachen, aber ich will nicht das Gefühl haben, dass die Oper vom Regisseur geschrieben wurde."

Aber wie gesagt, Gheorghiu ist an sich zufrieden. Und dies mag auch an ihrer Vergangenheit in Rumänien liegen. Vor ihrer internationalen Karriere war sie in der Zeit des Kommunismus schon ziemlich bekannt, aber es gab da Erfahrungen, die eine Cecilia Bartoli wohl noch nie gemacht hat:

"Das vergisst man nicht: Für ein Kilo Zucker stand ich mitunter mit meiner Familie eine ganze Nacht Schlange, bis das Geschäft öffnete. Als ich dann als Studentin mit einem Chor das erste Mal in Wien war, sah ich diese Schaufenster mit den Lebensmitteln! Wow! Ich machte Fotos, um das meinen Eltern zu zeigen. Glauben Sie mir: Alles, was sich tue, ist nun das komplette Glück! Die guten Hotels und Restaurants, das langweilt mich nie."

Wien hat den Appetit auch auf den Westen angeregt; Gheorghius Karriere begann allerdings über London groß zu werden. Zwei Monate nach Ende des Studiums sang sie dort vor, einige Jahre später dann die Begegnung mit Sir Georg Solti, der eine Traviata suchte, und sie, so heißt es, unter Tränen fand: "Es stimmt. Es waren auch andere Leute da, als ich vorsang, die es bezeugen konnten: Solti weinte wie ein Kind, verließ den Raum. Er war so süß! Ich habe nicht versucht, ihm zu zeigen, wie Traviata geht. Und er war auch nicht belehrend."

In diesem Kontext muss Riccardo Muti erwähnt werden: "Ich habe gute Erfahrungen mit Dirigenten gemacht, aber nicht mit ihm! Er versuchte, alles um ihn herum zu zerstören, damit er im Mittelpunkt steht!" Vielleicht gibt es in Wien ja eine zufällige Begegnung; die 40-Jährige singt nächste Saison in La Bohème. Hoffentlich . . . "Ich wollte unlängst an der Staatsoper eine Vorstellung besuchen. Sagten die: ,Gerne, die Karte kostet 4000 Euro.' Verzeihung! Natürlich kann ich das zahlen, aber es geht ums Prinzip. Es gibt nicht so viele von uns, und ich komme ja nicht jeden Tag hierher!" (DER STANDARD, Printausgabe, 12.04.2005)

Von Ljubisa Tosic

Siehe auch:
Spieglein, Spieglein an der Wand"
In harten CD-Zeiten setzen Firmen auf Qualität plus Aussehen
  • Angela Gheorghiu und die konservative Sehnsucht nach der Vergangenheit: "Zurückbeamen würde ich mich in eine Phase, da Opernhäuser Stars machten und nicht zerstörten."
    foto: emi

    Angela Gheorghiu und die konservative Sehnsucht nach der Vergangenheit: "Zurückbeamen würde ich mich in eine Phase, da Opernhäuser Stars machten und nicht zerstörten."

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