Und immer wieder geht die Sonne auf

8. April 2005, 08:28
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Die großartigen Londoner Melancholiker "Flotation Toy Warning" machen uns mit ihrem zu Tränen rührenden Debüt zu besseren Menschen. Der Weltfriede kann kommen

"Trying, trying to understand it all, to understand it all just makes your head hurt!" Doch es ist nicht der Kopf, wo der wahre Schmerz wohnt. Es ist natürlich das Herz. Das wird spätestens klar, wenn man diese mit heiserer Kopfstimme gelittenen Textzeilen tatsächlich aus dem Mund von Paul Carter hört. Paul Carter ist Schmerzensmann des Londoner Quintetts Flotation Toy Warning. Und mit Bluffer's Guide To The Flight Deck ist den vier Herren und einer Frau eines der herzerweiterndsten, beziehungsweise herzzerreißendsten Stücke aktueller Musik gelungen, die parallel zum Debüt der kanadischen Trauerkaiser The Arcade Fire (Funeral) ab sofort auch regulär in Österreich zu haben ist. Beide Bands veröffentlichten ihre Werke ursprünglich schon im Herbst 2004, wurden aber jetzt erst für den deutschsprachigen Raum lizensiert. Und beiden Bands eignet in ihren innigsten Momenten die Intensität eines Weltschmerzes, der die abgrundtiefe Verzweiflung wie auch die wonnige Süße desselben kennt.

Von der britischen Kritik nicht unzutreffend als Symbiose aus den großen traurigen Spacerock-Eskapisten Grandaddy, der Abgeklärtheit des Country-Mystizisten Mark Linkous von Sparklehorse und natürlich vor allem auch den melodramatischen Psychedelikern Flaming Lips beschrieben, wenn diese bei einem Begräbnis auf die ernsten Herren von den Tindersticks treffen würden, wird hier an einer ebenso erhabenen wie abgehobenen Form von Tristesse gearbeitet. Dabei ist der musikalische Ansatz wider Erwarten keinesfalls nostalgisch ausgefallen. Immerhin könnte man durch die Coverkunst der CD und die auf der Homepage im Stile von komplett drogenverseuchten Monty Pythons verfasste Bandgeschichte leicht auf eine falsche Fährte gelockt werden. Es geht dort zurück in frühere Jahrhunderte, als sich westlicher Forschungsgeist von der erstmaligen Erreichung des Nordpols neben diversen Rohstofffunden mindestens auch noch den Eingang zur Hohlwelt versprach. Immerhin aber interessieren sich die fünf Londoner Polar-Eskapisten nicht nur für den höchsten Norden. Neben "astrophonischen" Forschungen hinsichtlich der Klangschwingungen von Himmelskörpern geht es hier auch um eine bis dato "nicht da gewesene musikalische Dokumentation menschlicher Gefühle auf unerhörten Instrumenten".

Nachdem sich der Cannabisrauch jetzt wieder verzogen hat: Flotation Toy Warning sind keinesfalls die Ironiker, als die sie sich vielleicht auch in Form einer taktischen Schutzmaßnahme vor allzu viel Offenheit bezüglich dem Herz, das hier auf der Zunge getragen wird, darstellen. Wie heißt es im neunminütigen Donald Pleasance, dem zentralen Song des Albums: "Growing pains and empty days/ Records played and certain shades of blue remind me still of you/ But I know you won't be bringing me down this time . . . This is the funeral of our love/ I came here only to say goodbye. "

So wie beim eingangs zitierten Popstar Researching Oblivion mit seinen himmelhochfahrenden Trunkenboldchören und schiefen Bläsersätzen, wie man sie zuletzt beim Grazer Schlagertragöden Christian Anders in Geh nicht vorbei hörte, handelt es sich bei Donald Pleasance um einen Jahrhundertsong. Dass diese beiden noch dazu auf einem Götteralbum enthalten sind, freut zusätzlich. Knien wir also nieder und bedenken, dass man beim Hören von Bluffer's Guide To The Flight Deck wissenschaftlich erwiesen ein besserer Mensch wird.

Flotation Toy Warning, auch auf den blödeligen Bandnamen wollen wir jetzt nicht mehr näher eingehen, benutzen für ihre hohe Kunst der Traurigkeit, der Rührung und selbstverständlich Weltverbesserung grundsätzlich im mittleren Tempobereich angesiedelt, neben einem traditionellen Instrumentarium durchaus modernes Equipment. Neben Streicher- und Bläsersätzen und freundlich das Ohr frottierenden Hammerklavieren aus der Miss Marple-Reihe oder guten alten Tonband-Collagen hören wie neben elektronischen Handclaps, singenden Sägen, im verhallten Hintergrund knödelnden Gemeindesaal-Tenören und krachenden Auslaufrillen von Schallplatten auch Knusperelektronik aus dem Laptop und Rhythmus-Loops wie man sie in London gerne beim Dance-Label Mo'Wax bastelt. Hören Sie diese CD. Sie wird ihr Leben verändern. (Christian Schachinger, DER STANDARD, RONDO vom 8.4.2005)

  • Flotation Toy Warning Bluffer's Guide To The Flight Deck (Hoanzl)
    foto: cd-cover

    Flotation Toy Warning
    Bluffer's Guide To The Flight Deck
    (Hoanzl)

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