Wieder Frühjahr - und womit soll man das bestreiten?

17. April 2005, 19:33
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Stellen Sie sich vor, man stirbt, ohne sich zuvor genug Feinde gemacht zu haben - was richtet man an! Jetzt sterben die Leut', sagt Dr. S., und eigentlich haben sie ja Recht. Mit letzter Kraft hat man sich über den Winter gerettet, aber jetzt sind die Vorräte verzehrt und die emotionalen Reserven aufgebraucht. Wieder Frühjahr - und womit soll man das bestreiten? H. meint auch, irgendwann sieht man nicht mehr ein, dass man den ganzen Zyklus noch einmal mitmachen soll. Was sollte besser laufen als letztes, vorletztes, vorvorletztes Jahr? Soll man Hilfe bei fröhlichen Pharmaka suchen? Oder sich auf die Seite legen und schreien: Assez, Messieurs? Und dann wieder die Frage: Hat man sich genug Feinde gemacht, dass es sich lohnt? Hinterlässt man genug Erleichterung? Der Stoff, aus dem die schönen Grabreden gemacht werden? Oder steht Herr K. von der R-Bank fassungslos am Grabhügelchen und fragt sich: Was wollte sie mir eigentlich sagen? Soll ich hier noch kurz mit der Theorie kommen, dass ich glaube, dass meine Tochter deshalb so schlecht in Mathematik ist, weil Herr K. von der R-Bank heimlich in seiner Freizeit die Mathematikbücher dieses Landes verfasst, damit Rechnen lernen allen von Anbeginn an verleidet wird?

Seine Feindschaften kann man sich ja ausrechnen. Als ein Freund neulich von einer Jury gründlich übergangen wurde, schaute sich die Namen der Spaßbremsen an. Schau an: Die Hälfte der Jury bestand aus Leuten, die einmal bei ihm gearbeitet hatten, und die andere Hälfte hatte sich zwar beworben, war aber gar nicht erst eingestellt worden. Schwer zu entscheiden, welches Schicksal schlimmer ist. Ich würde auch gerne noch Folgendes berechnen: Haben Leute, mit denen man einmal das Bett teilte, eine gewisse Beißhemmung - oder lädt man sie offen dazu ein, die verwundbare Stelle am Schulterblatt zu finden? Zum Glück gibt es dieses Frühjahr "Kinsey" im Kino. Welche Lichtgestalt! Er hat sich unzählige Feinde allein dadurch geschaffen, dass er - u.a. im heldenhaften Selbstversuch - die Logik dessen untersuchte, was Testosteronproduzenten und Östrogenproduzentinnen einander anzutun pflegen. Leider, Alfred, sind diese Leute kybernetische Schildkröten und selbstlernende Roboter - kaum kommt man ihnen auf die Schliche, schon ändern sie sich und lernen eine neue, unbekannte Bosheit.

Jedes Frühjahr neue Strategien. By the way - sollten Sie im April oder Mai einer neugierigen, kleinen Dame begegnen, die ihre vor Wissensdurst schwimmenden grünen Augen tief in die Ihren taucht, dann sollten Sie sich freimütig hingeben und Ihren Körper für ein paar Stündchen der Wissenschaft überlassen. Sie haben nichts zu verlieren, außer einer gepflegten Feindschaft.

Ihre Cosima Reif, Zufallskolumnistin (Der Standard/rondo/08/04/2005)

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