Als der Kaiser noch mitmischte

19. April 2005, 18:11
9 Postings

Bei der Papstwahl geht es in erster Linie um Richtungsentscheidungen - erster Teil einer Serie zum Konklave

Bei der abhörsicheren Papstwahl geht es in erster Linie um Richtungsentscheidungen. Konservativ oder liberal? Aber auch um Funktionen wird gefeilscht. Und vor 100 Jahren kam sogar ein Veto aus Wien. Vom Hof. Gerfried Sperl berichtet.

***

Beim Konklave, der Papstwahl, geht es sehr oft nicht nur um die Person des Papstes. Konzeptionell wird mit dem neuen Mann an der Spitze der Kirche meistens auch die Frage verknüpft: Soll ein konservativer Kurs fortgesetzt (oder eingeschlagen) werden? Oder braucht die Kirche Erholung? Von einem zu forschen oder einem zu dogmatischen Pontifex.

Weniger politisch

Das hieße diesmal, dass alle jene Kandidaten eine Chance haben, die weniger politisch sind als der Wojtyla-Papst und in theologischen Fragen "liberaler". Einen solchen Nachfolger zu finden ist besonders schwer, weil Johannes Paul II. in seinen 27 Regierungsjahren genau darauf geschaut hat, keinen "Progressiven" in ein Erzbistum zu setzen. Also keinen erklärten Anhänger der Befreiungstheologie oder keinen Kompromissler in der Frauenfrage oder bei der Zulassung der Pille.

Der Mechanismus des Richtungswechsels hat Tradition.

Außer die Biologie spielt einen Streich. Da der im Alter von 54 Jahren als einfacher Bischof von Imola gewählte Pius IX. von 1846 an ganze 32 Jahre regierte, war man 1878 auf eine kürzere Amtszeit eingestellt. Man entschied sich für den Erzbischof von Perugia (das damals noch wie etwa Pisa einen Kardinal hatte). Er war bereits 68 Jahre alt, regierte aber trotzdem 25 Jahre lang. Das bedeutet für heute: Ein Wojtyla-Nachfolger mit knapp über siebzig kann gut und gern über 20 Jahre an der Macht bleiben.

Im konzeptionellen Bereich funktionierte der Wechsel meist. Auf den reaktionären Pius IX. folgte Leo XIII., Verfasser der ersten Sozialenzyklika Rerum Novarum. 1903 dann ein Pendelschlag zurück. Der venezianische Patriarch Giuseppe Sarto (Pius X.) war ein Stockkonservativer. Der Bologneser Kardinal della Chiesa, der als Benedikt XV. 1914 gewählt wurde, kehrte zur Linie Leos XIII. zurück. Da man 1914 sich für eine modernere Linie entschieden hatte und der neue Papst bereits als 67-Jähriger 1922 starb, ging es um eine Fortsetzung: Mit Achille Ratti kam ein noch progressiverer Mann ans Ruder, der als Pius XI. nicht nur die Sozialenzyklika Quadragesimo Anno herausgab, sondern auch scharf gegen Rassismus und Diktatur auftrat.

Nach der langen Amtszeit von Pius XII., dem umstrittenen und konservativen Pacelli-Papst, folgte 1958 der umgängliche Johannes XXIII., dem man, er war bei seiner Wahl bereits weit über siebzig, eine solche Kraftanstrengung wie das II. Vaticanum nicht zugetraut hatte. Paul VI. (1963 gewählt) war ein Übergangspapst, sein Nachfolger Johannes Paul I. ließ bereits am Beginn seiner kurzen Zeit aufhorchen, als er sich über die Weiblichkeit Gottes äußerte ...

Natürlich spielen sich im Konklave handfeste personelle Händel und Packeleien ab. Nicht mehr so massiv wie vor gut hundert Jahren, als Kaiser Franz Josef mithilfe des Krakauer Kardinals Kozielsko Puzyna (also einem Vorgänger Wojtylas) ein Veto gegen den Staatssekretär Rampolla, den Favoriten, deponieren ließ. Rampolla galt als frankophil. Ob das Veto 1903 tatsächlich wirkte, wurde nie geklärt.

1958 soll Kardinal Roncalli nur deshalb die Zweidrittelmehrheit geschafft haben, weil er der italienischen Kuriengruppe zusagte, Domenico Tardini zum Kardinal-Staatssekretär zu machen. Auch 1963, als es ein Patt zwischen Konservativen und Progressiven gab, wirkte sich eine Zusage des Mailänder Erzbischofs Montini, den reaktionären Staatssekretär Cicognani behalten zu wollen, wahlentscheidend aus.

Aber nicht Montini, sondern der armenische Kurienkardinal Gregorio Agagianian galt als Favorit. Er wurde noch vor Beginn des Konklaves vom italienischen Geheimdienst kalt "abgeschossen". Der Höflichkeitsbesuch eines sowjetischen Diplomaten bei Agagianians ebenfalls in Rom lebender Schwester wurde zu einem "Dossier" gegen Elisabeth Papik verarbeitet. Der manipulative Befund: Sie sei der Komplizenschaft mit Moskau verdächtig. Das Konvolut wurde zahlreichen Kardinälen zugespielt und verfehlte seine Wirkung nicht. (DER STANDARD, Printausgabe, 5.4.2005)

Wesentliche Informationen für diesen Text stammen aus Heiner Boberski: "Der nächste Papst". Otto Müller Verlag. 1999.
  • Infografik: So wählen die Kardinäle einen neuen Papst

    Infografik: So wählen die Kardinäle einen neuen Papst

  • Bild nicht mehr verfügbar

    So spartanisch mussten noch 1978 die Papstwähler nahe der Sixtinischen Kapelle übernachten. Jetzt steht ihnen ein eigenes Gästehaus zur Verfügung.

Share if you care.