Inventur der österreichischen Sprache

8. April 2005, 19:30
5 Postings

Wiener Germanisten arbeiten an einem umfassenden Wörterbuch zur Phraseologie

Im Leben geht nicht alles mit der linken Maustaste. - Eine Einsicht, die sich in dieser Form vor allem in der Rede der computerverwachsenen Jugend immer mehr einnistet. Zur Aufklärung der älteren Semester, denen diese nagelneue Phrase ein böhmisches Dorf ist: Sie gibt uns trendig zu verstehen, dass man ob der komplexen Umstände auch einmal einen Fehler machen darf . . . Ja, die Sprache passt sich den veränderten Verhältnissen an - gerade die bequemen Fertigteile der Rede. Neue entstehen, andere verschwinden allmählich, bis sie schließlich kaum noch jemand kennt. Oder wer weiß heute noch, was es bedeutet, wenn jemand dem Kaiser aus dem Land schaut?

"Dieser etwas böse, typisch österreichische Phraseologismus zur Beschreibung eines schielenden Menschen beziehungsweise einer massiven Augenfehlstellung ist vielen unserer älteren Gewährspersonen durchaus geläufig", beteuert Elke Peyerl, die unter der Projektleitung des Wiener Germanisten Peter Ernst gemeinsam mit Greta Qello, Alexandra Gröller und Michael Peyerl am ersten Wörterbuch zur österreichischen Phraseologie federführend mitarbeitet. Rund 5000 Redewendungen hat die Forscherin mit ihren Kollegen bisher gesammelt und in einer Datenbank erfasst. "Ein wesentlicher Teil unserer Arbeit ist zudem die Überprüfung, ob die von uns erhobenen Phraseologismen auch tatsächlich von den Österreichern verwendet werden", erklärt Peyerl.

Zur Begriffsklärung: Ein Phraseologismus ist eine Redewendung, die aus mindestens zwei syntaktisch verbundenen (Wort-)Komponenten besteht und die wendungsintern eine andere Bedeutung hat als wendungsextern. So bedeutet beispielsweise die Wendung, jemand ist aalglatt, nicht - wie die wendungsinterne Bedeutung nahe legt -, dass jemand eine besonders glatte Haut hat, sondern sie beschreibt jemanden als hinterlistig, doppelzüngig und schwer festzumachen. Phrasen machen die Kommunikation nicht nur rationeller, sondern auch zu einem bedeutungsreichen Zusammenspiel von Worten und ihren Inhalten. "Von einem österreichischen Phraseologismus sprechen wir dann, wenn er von Personen, die seit ihrer Geburt in Österreich leben, als in der Standardsprache bekannt und gebräuchlich angegeben wird", erklärt Elke Peyerl.

Die Auseinandersetzung mit Redewendungen hat sich in den vergangenen drei Jahrzehnten zu einem neuen Teilgebiet der Sprachwissenschaft entwickelt, auch zur österreichischen Phraseologie wurden Untersuchungen durchgeführt. "Dabei", erklärt Projektleiter Peter Ernst, "wurde bisher jedoch noch nie die Gesamtheit der in der österreichischen Standardsprache vorkommenden Phraseologismen erfasst und auch keine Primärerhebung durchgeführt. Eine Novität unserer Arbeit ist außerdem die Überprüfung der erfassten Redewendungen mit Hilfe von Gewährspersonen." Und wie gehen die Phrasen-Sammler konkret vor? "Rund ein Jahr lang haben wir in Österreich erscheinende Zeitungen und Zeitschriften sowie die wenigen, einschlägigen Wörterbücher auf Redewendungen durchforstet", berichtet Peyerl. "Nun beginnen wir mit der österreichischen Literatur." Das Internet als Quelle ist für die Forscher übrigens weitgehend tabu, "da man hier nie sicher sein kann, ob der Autor eines Textes auch wirklich Österreicher ist.

Im nächsten Schritt werden sämtliche Funde mit Quellenangabe, Erscheinungsdatum, Verfasser und Verweis auf das für Ende 2006 geplante Wörterbuch in eine Datenbank eingegeben. Ob es sich dabei tatsächlich um österreichische Phraseologismen handelt, wird für jeden einzelnen Fall im Kollegium entschieden. Wenn ja, kommt die Redewendung mit 199 anderen auf einen Fragebogen, der sowohl ins Internet als auch an verschiedene Institutionen und Einzelpersonen zur Überprüfung verschickt wird. "Pro Fragebogen", erklärt Peyerl, "müssen mindestens 1500 Gewährsleute befragt werden. Ins Wörterbuch kommt eine Wendung nur dann, wenn sie wirklich bekannt ist und im Alltag verwendet wird."

Kaum durchführbar ist die exakte Abgrenzung standardsprachlicher von umgangssprachlichen Redewendungen, dialektale Ausdrücke mit ihrem ortsspezifischen Charakter jedoch sind klar identifizierbar und werden ausgesondert: "Dadurch fällt von unseren Funden leider mehr als die Hälfte weg", bedauert die Germanistin. Es liegt ihr aber nicht allzu staglgrün auf (oberösterreichisch: der Ärger hält sich in Grenzen), denn auch wenn sie nicht ins Wörterbuch aufgenommen werden, sind sie für Interessierte nicht verloren: Werden sie doch in der Datenbank gemeinsam mit allen anderen Sammelstücken, welche die Hürde ins Wörterbuch nicht schaffen, verzeichnet. "Dieses Material", sagt Peter Ernst, "steht nach Beendigung des Projekts jedem zur Verfügung, der damit arbeiten will." Was die Überprüfung der gesammelten Redewendungen durch Gewährsleute betrifft, wartet auf die Forscher noch einiges an Arbeit, denn bis dato sind erst sechs Fragebögen ausgewertet. Da es sich um ein gesamtösterreichisches Wörterbuch handelt, ist auf eine ausgewogene geographische Verteilung der ehrenamtlichen Phrasen-Prüfer zu achten: So sollen Gewährspersonen aus sämtlichen Bundesländern sowie aus dem städtischen und dem ländlichen Umfeld möglichst zu gleichen Teilen in die Untersuchung einbezogen werden. Wobei der Eifer der Ehrenamtlichen zur Zeit noch ein gewisses Ost-West-Gefälle aufweist: "Während unsere Helfer in den östlichen Bundesländern ausgesprochen aktiv sind, haben wir in Westösterreich leider noch immer nicht genügend Gewährsleute", klagt Elke Peyerl.

Trotz der oft mühsamen Suche nach Material und freiwilligen Mitarbeitern ist der Arbeitsalltag der Phrasen-Detektive aber keine trockene Angelegenheit: "Bei unseren Recherchen machen wir oft recht amüsante Entdeckungen", berichtet Elke Peyerl. "Als wir etwa eine Reihe von Leuten befragten, wie sie zu jemandem sagen, den sie für verrückt halten, antworteten die meisten Männer: Sie spinnt. Die Frauen sagten durch die Bank: Er spinnt." Die genauere Analyse geschlechtsspezifischer Phrasen-Bildungsmechanismen würde natürlich den Rahmen dieses vom Wissenschaftsfonds geförderten Projekts sprengen - vielleicht aber werden sich künftige Forschungsarbeiten damit befassen: "Um die enorme Materialmenge, die wir zusammengetragen haben, nicht brach liegen zu lassen, wären entsprechende Folgeprojekte natürlich sinnvoll", hofft Elke Peyerl auf eine intensive Nutzung der bisher umfassendsten Datensammlung zur österreichischen Phraseologie. (Doris Griesser/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2. 4./3. 4. 2005)

  • Ungefähr ein Jahr lang durchforsteten Germanisten heimische Zeitungen und Magazine nach Redewendungen. Nun wird die Literatur unter die Lupe genommen. Am Schluss soll ein Wörterbuch der Phraseologie herauskommen.
    foto: standard/christian fischer

    Ungefähr ein Jahr lang durchforsteten Germanisten heimische Zeitungen und Magazine nach Redewendungen. Nun wird die Literatur unter die Lupe genommen. Am Schluss soll ein Wörterbuch der Phraseologie herauskommen.

Share if you care.