Frauen beim Tanz und im Bad

8. April 2005, 12:11
posten

"Mit Renoir und das Frauenbild des Impressionismus" bietet die Kunsthalle Krems einen Einblick in das Paris zwischen Impressionismus und der Belle Epoque

Ein Raum mit Salonmalerei zeigt den offiziellen Kunstgeschmack der damaligen Zeit.


Krems - Einer der von heute aus gesehen wesentlichsten Unterschiede zwischen Rubens und Renoir ist das Geburtsdatum: Der eine wurde 1577 ins westfälische Siegen geboren, zweiterer 1841 ins französische Limoges. Zumindest die Reihenfolge der Geburten kann allgemein vorausgesetzt werden. Und: Die Tatsache, dass beider Bilder nicht nur von untadeliger Qualität und hohem kunsthistorischem Wert sind, sondern auch überaus ansprechend und g'schmackig. Zumal beide auch noch ihren Pinsel zum Lob schöner Frauen erhoben, gelten sie zurecht als populär.

Eine der von heute aus gesehen größten Gemeinsamkeiten zwischen Kunsthallen und Museen ist die Pflicht, in die sie entlassen wurden, ein möglichst breites Vieles an Publikum anzusprechen. Die auch zu erfüllen, taugen die Maler Rubens und Renoir gerade so gut, wie nur wenige andere, etwa manche aus der Zeit zwischen Goya und Picasso. Zum Beispiel René Magritte, der mit der Pfeife.

Es sind das alles Maler mit Werken von hohem Wiedererkennungswert, Maler, die ihren Bildern einen Aha-Effekt mit auf die Reise durch die Kunstgeschichte gegeben haben, Maler, die nicht nur stilprägend, sondern eben auch zugkräftig gewirkt haben. Und immer noch wirken.

Und also ist es kaum verwunderlich, diese Maler stets aufs Neue ausgestellt anzutreffen. Die Kunsthalle Krems tut das eben mit Renoir. Dessen Damenbildnisse sind dort pastell-zart eingebettet in delikate Beispiele des überlieferten Frauenbildes des Impressionismus.

Renoir zur Seite hängt Edgar Hilaire Germain Degas. Der war ob seiner großbürgerlichen Herkunft zeitlebens nie auf den Verkauf seiner Bildwerke angewiesen. Und konnte sich demnach umso intensiver der Recherche widmen. Den Tänzerinnen galt sein Interesse, später im Leben auch den Bügler- und Wäscherinnen. Und ganz spät, als seine Sehkraft und Gelenkigkeit schon nachgelassen haben, wechselte er vom Öl- ins Pastellfach. Und umso leichter hüpften ihm die Eleven von der Hand.

Schätze aus Belgrad

Das Besondere an der Kremser Präsentation, die neben Werken der genannten auch beachtliche Arbeiten Pierre Bonards, Mary Cassetts, Maurice Denis', Paul Gaugins, Camille Pissarros oder Éduard Vuillards an den Donauradweg bringt, sind weniger die Leihgaben international renommierter Häuser wie des Metropolitan Museum of Art in New York, des Pariser Musée d'Orsay oder Petit Palais, sonder jene aus dem seit Jahren geschlossenen Nationalmuseum in Belgrad. Krems-Direktor Tayfun Belgin hat keine simple Best-of-Verfügbar-Schau zusammengestellt, sondern weit mehr eine Möglichkeit geschaffen, einige bisher kaum verfügbare Werke im Original zu sehen. Etwa: Renoirs wunderbare kleine Ölskizze einer im Schlaf versunkenen Badenden von 1861, eine Reihe von Degas-Pastellen, oder Paul Signacs Trinkende Frau von 1886/87, eine Studie zu seinem Frühstück.

Die Ausstellung spannt einen Bogen vom Impressionismus zur Belle Epoque. Sie zeigt neben der Pariser Avantgarde jener Tage auch Beispiele der Salonmalerei, des offiziellen Kunstgeschmacks. Die Stelle der nicht verfügbaren "Ikone" Edgar Degas' aus dem Pariser Musée d'Orsay - Im Café (1875/76) - nimmt Jean Bérauds Interpretation der Absinth-Szene von 1908/09 ein. Im selben Raum zeigen Joseph Marius Avy mit seinem Damenball (1903) oder Henri Gervex mit Armenoville am Abend des Grand Prix (1905) wie impressionistische Maltechniken und Stilmittel als Effekte mit der üblichen zeitlichen Verzögerung Einzug in den bürgerlichen Zeitgeschmack hielten.

Als Entdeckung im Rahmen der Schau kann man, weit jenseits von Renoirs Bildauffassung, die Arbeiten von Fernand Pelez (1848-1913) werten: Dessen Kleine Statistinnen von 1911/13 etwa geben einen annähernd zeitgenössischen, voyeuristischen Blick wider.

Bis 31. Juli sind die etwa 120 Arbeiten aus 30 internationale Museen und Privatsammlungen in der Kremser Kunsthalle zu sehen. (DER STANDARD, Printausgabe, 02./03.04.2005)

Von Markus Mittringer

Links

Link

Kunsthalle Krems

Musée d'Orsay
  • Äußerst typisch für das verklärte Frauenbild des Impressionismus: die verhaltene Erotik der traumversunkenen Badenden. Hier interpretiert von Pierre-Auguste Renoir: "Die Quelle", 1902.
    foto: galerie beyeler, basel

    Äußerst typisch für das verklärte Frauenbild des Impressionismus: die verhaltene Erotik der traumversunkenen Badenden. Hier interpretiert von Pierre-Auguste Renoir: "Die Quelle", 1902.

Share if you care.