Kurz vorm Abheben

4. April 2005, 15:55
122 Postings

Strache wäre zur Übernahme der FPÖ bereit – Kärntner bereiten sich auf Neugründung vor

Wiens FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache gilt den "Destruktiven" in der FPÖ als idealer Nachfolger Jörg Haiders. Die ÖVP will ihn nicht. Für Haider ist er ein gefährlicher Gegner. Er repräsentiert alles, was er selber wieder sein will: jung, flott und fesch.

*****

Wien - Heinz-Christian Strache ist heiser, und das ärgert ihn, weil es so gar nicht zu dem Bild in der Öffentlichkeit passt, das er in den letzten Wochen peinlich genau choreografiert hat. Heiserkeit klingt nach Schwäche. "H.C.", wie er sich auf Plakaten nennt, ganz so, als wäre er bereits ein Potentat und kein Nachwuchspolitiker mit Potenzial, H.C. also darf keine Schwäche zeigen. Auch keine Fehler. Das ist derzeit seine oberste Maxime. H.C. muss so sein wie "H.C.-Man", jener Superman-Verschnitt mit blitzblauem Anzug und gelbem Umhang, als der er sich zuletzt für seine jüngeren Wiener Wähler zeichnen ließ.

Geht es nach den so genannten "destruktiven" Kräften in der FPÖ, also jenen, die mit Jörg Haiders Idee einer Neugründung der Partei nichts anfangen können, hat Strache das Zeug zum Retter der Partei. Das ist eine Einschätzung, die sich weniger aus der Persönlichkeit Straches selbst als aus einem Mangel an anderen Alternativen generiert. Der Wiener Parteichef verfügt über ein gefälliges Äußeres, ist medientauglich, ehrgeizig - und vor allem jung.

Anders als jene Garde, die im Windschatten Haiders in Kärnten existiert, hat sich der 35-jährige Strache außerdem ein eigenes Profil innerhalb der Partei erarbeitet. Das gefällt dem nationalen Flügel rund um Zur Zeit-Herausgeber Andreas Mölzer und Volksanwalt Ewald Stadler, die wissen, dass mit ihren zerschnittenen Gesichtern keine Stimmen zu holen sind. Und das ist viel wert in einer Bewegung, die fast ausschließlich auf ihr mittlerweile 55-jähriges und trotz Sonnenbank und Fitnessstudio sichtbar gealtertes, einfaches Mitglied fixiert ist.

Weil es Haider stets vermieden hat, einen Kronprinzen zu züchten und damit die Verantwortung für die Partei aus der Hand zu geben, hat Strache eine Zeit lang bewusst versucht, ihn als seinen politischen Ziehvater zu vereinnahmen. Eine Adoption, die nicht funktionierte. Aus dem angestrebten Vater-Sohn-Verhältnis ist, spätestens seitdem Strache offen mit einer Gegenkandidatur am FPÖ-Parteitag am 23. April droht, ein klassischer Fall von politischem Vater-Sohn-Konflikt geworden.

Strache mag den Vergleich mit Haider, der ihm früher schmeichelte, inzwischen gar nicht mehr. "Ich bin nicht der neue Haider, auch nicht Haider zwei, sondern Strache eins", sagt er selbstbewusst. Mit gleicher Verve hat er sich als Retter der Partei positioniert. "Man kann sich nicht verweigern, wenn die FPÖ in eine Phase der existenziellen Bedrohung gerät."

Strache pokert hoch, und das weiß er. Die Machtverhältnisse in der FPÖ sind unüberschaubar, es gelten die Regeln der polit-psychologischen Kriegsführung. Bei jener Vorstandssitzung in Klagenfurt Anfang März, die auch als "Knittelfeld von oben" in die jüngere blaue Parteigeschichte einging, meinte Haider rotzig: "Und dann soll der H.C. Obmann werden, die fünf Millionen Schulden übernehmen und der macht das dann." Strache, gerade einmal seit Juli 2004 auf Vorschlag Haiders als Vizeobmann im Amt, zog sich freiwillig zurück, weil er glaubte, dass Haider mit diesem Angebot nur einen Vorwand für die Parteispaltung suchte. Dann nämlich hätte er von einem Putsch des rechten Flügels sprechen können, auf den er durch Austritt und Neugründung seiner "Orangen" antwortet.

Strache traut sich offensichtlich zu, die FPÖ zu führen - er will es aber unter geordneten Umständen tun. Gleich mehrmals hatte er sich seit jener Klagenfurter Nacht mit Haider getroffen, um über einen Kompromiss zu verhandeln. Strache, neolinguistisch geschult, spricht beharrlich von einem "Schulterschluss" und davon, dass er will, dass man sich "die Hände reicht". Ein Ehrenobmann Haider mit einem geschäftsführenden Obmann Strache wäre etwa ein mögliches Machtteilungsmodell. Haider soll ihm bislang bloß den geschäftsführenden Obmann unter Parteichefin Ursula Haubner angeboten haben - was aus Haiders Sicht den Vorteil hätte, dass seine Schwester Strache jederzeit entlassen könnte. Strache wäre in jedem Fall kein einfacher Partner für die ÖVP. "Das Regierungsprogramm ist keine Bibel. Ich stehe zum Arbeitsübereinkommen, bei aktuellen Problemen muss man es aber optimieren können", gibt er sich angriffig. Familiensteuersplitting, ein 1000 Euro Dankeschönscheck für die Aufbaugeneration - Strache hat viele populistische Ideen.

Kommt es schon beim Sonderparteitag der Kärntner FPÖ am 14. April zur Haider'schen Neugründung, ist Strache überhaupt kaltgestellt. Als Parteichef einer Rumpf-FPÖ steht er nicht zur Verfügung. Dann wäre er wieder auf das Schicksal eines Lokalpolitikers zurückgeworfen.

Vielleicht entsprechender für einen Mann mit seiner Biografie, werden die Altvorderen in der FPÖ ätzen, denen der gelernter Zahntechniker immer schon suspekt war. Straches Lebensweg ist der eines sozialen Aufsteigers - Menschen wie er waren für die Stimmenmaximierung Haiders verantwortlich. Sie wählten die FPÖ nicht wegen ihrer alten, ideologischen Wurzeln, sondern wegen des feschen Images, das sie vor der Regierungsbeteiligung hatte. Strache steht zu seiner Herkunft: "Die Menschen sollen sagen, das ist einer von uns, der es geschafft hat."

Mit großem Werbeaufwand, den sich die Wiener FPÖ dank großzügiger Parteienförderung in der Hauptstadt und minimaler Parteiinfrastruktur auch leisten kann, hat Strache versucht, sich das Image eines ultimativen blauen Kandidaten zu verpassen. "Hart aber herzlich" will er sein, hart gegenüber Ausländern, herzlich zu den Österreichern und vor allem zu den Frauen. Seine Frau Daniela, Tochter des Wiener Tafelspitznobelwirtens Plachutta, sorgt für Straches Societykompatibilität. H.C. am Opernball, H.C. beim "After Work" mit "Wein&Co", H.C. am Pannoniaring im Ferrari S 360 Modena.

Das mit dem Ferrari war ein "Bubentraum". In Straches Umfeld interpretiert man die Eile, die die "Orangen" rund um Haider bei der Neugründung an den Tag legen, auch als bewussten Versuch, ihn auszubremsen. Auch dass die ÖVP sich plötzlich offen gegen einen Parteiobmann Strache ausspricht, obwohl sie zuvor immer Gleichgültigkeit gegenüber den blauen Turbulenzen gezeigt hat, wird als bewusstes Manöver gegen ihn interpretiert. Die bösen Mächte sind offenbar stärker als gedacht. "H.C.-Man" muss jetzt stark sein. (DER STANDARD, Printausgabe, 2./3.4.2005)

Von Barbara Tóth
  • Wiens FPÖ-Chef Heinz- Christian Strache will nicht „Haider zwei“, sondern "Strache eins" sein.
    foto: der standard/corn

    Wiens FPÖ-Chef Heinz- Christian Strache will nicht „Haider zwei“, sondern "Strache eins" sein.

Share if you care.