Kombinierte Erdschwerefeldmessungen liefern bisher präziseste Werte

    14. Juni 2019, 06:00
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    Gesammelte Daten liefern unter anderem auch Grundlagen für Fragen der Klimaforschung

    Graz – Aus dem Schwerefeld der Erde lassen sich auch Rückschlüsse auf das Wachsen und Schmelzen von Gletschern ziehen – und damit auf die Folgen der Klimaerwärmung. Mit bisher unerreichter Präzision haben nun Wissenschafter der Technischen Universität Graz im Rahmen der Initiative Gravity Observation Combination (GOCO) mit internationalen Partnern das Schwerefeld der Erde errechnet. Es soll unter anderem wertvolles Wissen für die Klimaforschung liefern.

    Die Anziehungskraft eines Körpers hängt von seiner Masse ab. Das bringt mit sich, dass die ungleiche Massenverteilung unseres Planeten ein ungleichförmiges Feld der Gravitation hervorbringt. Die Alpen üben beispielsweise eine höhere Anziehungskraft aus als die ungarische Tiefebene. Überfliegt ein Satellit eine Region mit erhöhter Schwerkraft, wird er leicht angezogen und dadurch beschleunigt. Wenn er die massereiche Region hinter sich lässt verlangsamt er sich. Räumliche und zeitliche Masseverlagerungen – wie beispielsweise durch den Verlust von Eismasse oder glutflüssige Gesteinsmassen im Inneren – manifestieren sich wiederum in räumlichen und zeitlichen Schwere-Schwankungen und so machen sich Eismassenveränderung in Grönland und der Antarktis auch im Schwerefeld der Erde deutlich bemerkbar.

    Daten mit vielfachem Nutzen

    Dieses Phänomen nutzen Geodäsie-Fachleute, um weitere geodynamische und klimatologische Prozesse zu beobachten. Mithilfe solcher satellitengestützter Aufzeichnungen können sie Schwankungen des Erdschwerefeldes dokumentieren. Aus den daraus berechneten Schwerefeldmodellen können sie unter anderem den Anstieg des Meeresspiegels oder das Abschmelzen der Gletscher verfolgen, regionale Grundwasservorkommen untersuchen oder die Ozeanströmungen analysieren. Verbesserte Klimamodelle werden damit ebenso möglich wie genauere Aussagen über die Bewegung der Erdkruste, die Meeresströmungen sowie die Eismasse der Polkappen.

    Ein Team des Instituts für Geodäsie der TU Graz hat ein neues, kombiniertes Schwerefeldmodell namens GOCO06S erstellt. Es soll Massenänderungen auf und unter der Oberfläche unseres Planeten so genau wie bisher noch nie darstellen können. Entwickelt wurde es gemeinsam mit europäischen Partnern. Dabei hat das Konsortium Daten von nicht weniger als 1,16 Milliarden Messdaten von Missionen wie u.a. GOCE und GRACE, die von insgesamt 19 Satelliten aufgezeichnet wurden, zusammengeführt.

    Hochgenaue Messwerte

    "Durch die Kombination der Daten können die Stärken der einzelnen Messverfahren optimal ausgenutzt werden. Damit ist es uns möglich, Änderungen im Schwerefeld in der Größenordnung von einem Millionstel der mittleren Erdanziehungskraft zu detektieren", schilderte Torsten Mayer-Gürr, Leiter der Abteilung Theoretische Geodäsie und Satellitengeodäsie am Institut für Geodäsie der TU Graz. Auf terrestrische Daten greifen die Forscher bewusst nicht zurück, um global eine gleichmäßige Genauigkeit zu gewährleisten. Im Vergleich zum Vorgängermodell hätten sich dadurch die Ergebnisse um 25 Prozent verbessert.

    Die Arbeitsgruppe beschäftigte sich unter anderem mit der Bestimmung der zeitlichen Veränderung des Erdschwerefeldes sowie mit der Auswertung von Schwerefeldmessungen. Kooperationspartner waren die TU München und Universität Bonn, die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Universität Bern. Das Grazer Team prozessierte dabei die Rohdaten aus den Satellitenmissionen und stellte der wissenschaftlichen Gemeinschaft die Schwerefeldlösungen zur Verfügung. "Unsere Modelle werden zum Beispiel auch in der Erforschung großer Hochwasserereignisse verwendet", führte Mayer-Gürr aus. Die GOCO-Initiative wurde 2009 begründet. Ziel ist es, durch die Kombination vieler verschiedener Datenquellen hoch genaue und hoch aufgelöste globale Schwerefeldmodelle zu errechnen. (red, APA, 14.6.2019)

    • Basierend auf dem Schwerefeldmodell GOCO06S zeigt die Grafik den Eismassenverlust in Grönland.
      foto: ifg – tu graz

      Basierend auf dem Schwerefeldmodell GOCO06S zeigt die Grafik den Eismassenverlust in Grönland.

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