Amazon-Mitarbeiter prangert harsche Bedingungen in Austro-Niederlassung an

    12. Juni 2019, 14:46
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    Überwachung, Disziplinierung, entwürdigende Vorschriften: Im Verteilzentrum in Niederösterreich weht laut einem Mitarbeiter ein rauer Wind. Amazon lässt das nicht auf sich sitzen.

    Wien – Maarten N. ist bei Amazon nicht mehr erwünscht: So sieht es zumindest der Niederländer selbst. Beim erst im vergangenen Herbst eröffneten Amazon-Verteilzentrum in Großebersdorf war er von Anfang an dabei. Jetzt hat er genug. Vor einigen Tagen hat er sich an die Gewerkschaft gewandt, weil ihm die Arbeitsbedingungen außerordentlich gegen den Strich gingen. Der Mann erhebt schwere Vorwürfe gegen den Onlineriesen, berichtet von Überwachung, Disziplinierungsmaßnahmen und erniedrigenden Vorschriften.

    Maarten N. ist bei Amazon als Leiharbeitskraft beschäftigt, wie mehr als 150 Beschäftigte vor Ort. Nur 16 Filialmanager seien bei Amazon direkt angestellt, sagt Barbara Teiber, Vorsitzende der Privatangestellten-Gewerkschaft GPA-djp, bei einem Pressegespräch in Wien. Operativ arbeite der Onlineriese ausschließlich mit Leiharbeitern.

    Produktiv genug

    Das Problem dabei laut N.: Beschwere man sich bei den Vorgesetzten vor Ort, werde die Verantwortung hin und her geschoben – zwischen dem unmittelbaren Arbeitgeber, der Leiharbeitsfirma, der Amazon-Zentrale in Seattle und dem für den Österreich-Ableger zuständigen Amazon Deutschland. Die Beschwerden liefen deswegen ins Leere.

    Dabei hat N. einiges anzumerken. Der Scanner, der als Arbeitsgerät benützt wird, registriere exakt die Arbeitsleistung der einzelnen Mitarbeiter, sagt er. Seien diese nicht produktiv genug, so müssten sie gehen. "Letzthin wurden vier gekündigt, weil die Leistung nicht stimmt." Dabei seien die Vorgaben, die Amazon mache, gar nicht zu erfüllen. Das Bemühen, dies doch zu schaffen, hätte bereits zu Unfällen geführt.

    Unsicherer Job

    Dazu komme, dass er nur ein einziges Mal auf das Gehalt gekommen sei, mit dem er eingestiegen ist. Denn nach dem Hoch zu Weihnachten sei eben weniger zu tun gewesen. "Am schlimmsten ist, dass man am Anfang der Woche nicht weiß, ob man am Ende der Woche noch einen Job hat", so N. Im November 2018 habe er einen 25-Stunden-Vertrag unterzeichnet. Nach dem Weihnachtsgeschäft sei seine Arbeitszeit reduziert worden. Mitarbeiter seien unter der Androhung von Personalreduktion ersucht worden, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Doch trotz Stundenreduktionen seien Beschäftigte gekündigt worden, erzählt N.

    Klage jemand, dass das so nicht gehe, heiße es: "Es steht jedem frei zu kündigen." So schildert N. seine Wahrnehmung. Dazu komme, dass die Anforderungen an die Produktion seit Anbeginn ständig gestiegen seien. Die via Scanner gemessene Leistung werde – davon ist N. fest überzeugt – herangezogen zur Beurteilung, wer weiterbeschäftigt wird und wer nicht. Nur: "Einsehen durften wir unsere Daten nicht."

    Was Maarten N. noch beklagt: Während der Arbeitszeit dürften die Beschäftigten im Verteilzentrum keine Gegenstände wie Handys, Uhren oder Gürtel bei sich haben – nicht einmal Kaugummis. "Wer etwas dabeihat, steht unter Pauschalverdacht, es womöglich aus einem Paket entwendet zu haben." Abgesehen von den Umkleideräumen gebe es überall Überwachungskameras.

    Ständig unter Druck

    Druck, Druck, ständiger Druck: So beschreibt er das Arbeitsklima. Unter dem litten nicht nur die unmittelbar bei Amazon Beschäftigten – auch die ausliefernden Fahrer seien diesem Druck ausgesetzt. Dazu kämen die unwürdigen Disziplinierungsmaßnahmen bei Fehlverhalten, beispielsweise bei falscher Bekleidung (keine Warnweste, unsichere Schuhe). Zur Strafe müssten sie dann jedes Paket unter Aufsicht einzeln scannen, obwohl es die Möglichkeit eines gruppierten Scannens gebe.

    Barbara Teiber ortet hier ein System, gegen das es vorzugehen gelte. "Wir wollen nicht, dass Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen bei uns respektlos und menschenunwürdig behandelt werden", sagt sie. Die Gewerkschaft will nun Arbeitsinspektorat, Gebietskrankenkasse und Sozialministerium anrufen. Erstere in Sachen Arbeitsplatzsituation, Zweitere soll überprüfen, ob Scheinselbstständigkeit vorliege.Beim Sozialministerium will die Gewerkschaft eine Verordnung anregen, um die Anzahl der Leiharbeiter zu beschränken.

    Amazon kontert: Mitarbeiter wichtig

    Allzu viel Hoffnung macht man sich offenbar nicht: "Amazon ist sehr geschickt darin, die Grenzen auszuloten, in denen sie agieren können. Sie handeln aber unmoralisch, respektlos und menschenunwürdig", sagt Teiber.

    Amazon sieht das alles naturgemäß ganz anders. "Wir denken nicht, dass die Vorwürfe die Wirklichkeit in unseren Gebäuden widerspiegeln. An allen unseren Standorten sind seit dem Start von Amazon sichere und attraktive Arbeitsplätze entstanden. Die Gesundheit und Sicherheit unserer Mitarbeiter haben dabei immer die höchste Priorität", heißt es in einem Statement. Wie jedes Unternehmen erwarte man eine bestimmte Leistung von den Mitarbeitern. Aber: "Unsere Manager arbeiten eng mit den Mitarbeitern zusammen, um sie zu fördern und zu unterstützen." (Regina Bruckner, 12.6.2019)

    • Druck, Druck, ständiger Druck: So beschreibt ein Mitarbeiter das Arbeitsklima in Großebersdorf.
      foto: apa/techt

      Druck, Druck, ständiger Druck: So beschreibt ein Mitarbeiter das Arbeitsklima in Großebersdorf.

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