Vassilakou: "Ich merke, wie es mich raus aus Österreich zieht"

    Interview13. Juni 2019, 09:55
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    Die Flüchtlingskrise 2015 sei die größte Herausforderung gewesen, sagt die scheidende Wiener Vizebürgermeisterin Maria Vassilakou. Nach einer Pause sieht sie ihren künftigen Job im Ausland

    Nach rund 24 Jahren in der Kommunalpolitik Wiens, davon acht Jahre als Vizebürgermeisterin und Planungsstadträtin, übergibt Maria Vassilakou am 26. Juni die Agenden an ihre Nachfolgerin Birgit Hebein. Der politische Abschied war nach parteiinternen Querelen rund um die Umgestaltung des Heumarkts nicht ganz freiwillig. Den Zeitpunkt der Übergabe konnte Vassilakou aber selbst bestimmen. Zum Heumarkt-Projekt inklusive Hochhaus in der Unesco-Welterbezone steht sie übrigens nach wie vor.

    foto: regine hendrich
    Maria Vassilakou über den Herbst 2015: "Die Flüchtlingskrise war die größte Herausforderung, die die Stadt in den vergangenen 25 Jahren gemeistert hat."

    STANDARD: Sind Sie Peter Pilz dankbar?

    Vassilakou: Nein, wieso?

    STANDARD: Er hat Sie 1995 in den Klub der Grünen im Wiener Rathaus geholt.

    Vassilakou: Ja. Dafür bin ich ihm dankbar.

    STANDARD: Was ist nach 24 Jahren Kommunalpolitik in Wien das Vermächtnis Maria Vassilakous?

    Vassilakou: Vermächtnis klingt sehr pathetisch. Worauf ich stolz bin, sind neue Stadtteile, die öffentliche Räume mit viel Grün haben, die leistbar sind, wo junge Familien gerne leben. Mit innovativen Wohnprojekten, belebten Erdgeschoßzonen und tollen Bedingungen für Kinder. Das ist qualitative Stadtentwicklung. Wenn ich weg bin, wird genauso weitergebaut. Das kann man nicht mehr rückgängig machen.

    STANDARD: Der ehemalige Bürgermeister Michael Häupl nannte die Flüchtlingskrise 2015 die größte Herausforderung seiner Amtszeit. Wie ist diesbezüglich Ihre Bilanz?

    Vassilakou: Da sind wir zwei. Es war die größte Herausforderung, die die Stadt in den vergangenen 25 Jahren gemeistert hat. Und das waren wir alle gemeinsam: Politik, Administration und die Zivilgesellschaft. Wir alle haben bewiesen, dass die Stadt zusammenhält, anzahn kann und deshalb fähig ist, jede Krise zu meistern.

    STANDARD: ÖVP und FPÖ finden, dass zu viele Flüchtlinge kamen.

    Vassilakou: Dann reden wir darüber, welche Lebensbedingungen Millionen Menschen in die Flucht treiben: In Teilen der Welt herrscht Dürre und das Wasser wird knapp. Stichwort Klimakrise. Reden wir darüber, dass in Syrien immer noch Städte zerbombt werden und niemand mehr hinschaut. Reden wir darüber, welchen winzigen Beitrag Österreich in der internationalen Zusammenarbeit leistet. Es ist verlogen, zu sagen, das sind zu viele, während man keine Taten setzt, um Fluchtgründe zu verringern.

    STANDARD: Als Sie die Mariahilfer Straße angegangen sind, gab es viele Gegner. Was würden Sie heute anders machen?

    Vassilakou: Gleich nach der Einigung mit den Bezirken einen kurzen Abschnitt umzubauen, sodass sich jeder ein Bild machen kann, wie die Umgestaltung aussieht. Das ist ein Risiko.

    STANDARD: Nun wird die Rotenturmstraße zur Begegnungszone. Ist Verkehrsberuhigung inzwischen stärker akzeptiert?

    Vassilakou: Seit der Mariahilfer Straße sind Verkehrsberuhigungsprojekte nicht mehr kontroversiell. Vielmehr gibt es den Ruf nach solchen Projekten in der ganzen Stadt.

    STANDARD: Auch die 365-Euro-Jahreskarte ist den Grünen zuzuschreiben. 2005 forderten Sie das Ticket um 100 Euro. Sind Sie zufrieden mit dem Kompromiss?

    Vassilakou: Wenn man als Juniorpartner zum allerersten Mal überhaupt in eine Regierungsfunktion geht, dann ist es ein Erfolg, die Jahreskarte zur billigsten weltweit zu machen. Wären wir in einer Alleinregierung, würde die Karte 100 Euro kosten.

    STANDARD: 2015 forderten Sie die Ausweitung der Jahreskarte auf das Umland. Sie blieb aus. Haben Sie zu viel versprochen?

    Vassilakou: Das ist das eine Projekt, bei dem ich es schade finde, dass die Zeit nicht mehr gereicht hat. Diese Maßnahme wäre nicht nur populär, sondern könnte auch die tägliche Blechlawine halbieren.

    STANDARD: Sie haben sich immer für ein wienweites Parkpickerl eingesetzt. Bald gibt es Parkpickerl in 19 von 23 Bezirken. Wann wird Ihr Wunsch Realität?

    Vassilakou: Ich kann mir vorstellen, dass der Gemeinderat nach den Wahlen 2020 die Parkraumbewirtschaftung adaptiert. Dann könnte es ein Modell für ganz Wien geben. Das derzeitige stammt aus den 1990er-Jahren. Dafür müssten 23 Bezirksvorsteher mitspielen. Dieser Fleckerlteppich, den wir jetzt haben, ist etwas, mit dem niemand zufrieden ist.

    foto: regine hendrich
    2009 kandidierte Maria Vassilakou auf der EU-Wahl-Liste der griechischen Grünen.

    STANDARD: 2010 haben Sie zum Lobautunnel gesagt, der Weg aus dem Dilemma sei eine Volksabstimmung. Warum kam sie nicht?

    Vassilakou: Weil sie keiner wollte. Ich bekam das Feedback, dass das nicht meine beste Idee war. Meine Haltung zum Projekt ist bekannt.

    STANDARD: Wird es den Baustart unter einer grünen Regierungsbeteiligung geben?

    Vassilakou: Ein Privileg des Aufhörens ist, dass ich solche Fragen nicht mehr beantworten muss.

    STANDARD: 2015 antworteten Sie, es gebe keinen Lobautunnel mit den Grünen.

    Vassilakou: 2019 höre ich am 26. Juni auf. Den Lobautunnel wird es bis dahin nicht geben.

    STANDARD: Bei den EU-Wahlen 2009 haben Sie auf einer unwählbaren Stelle für Griechenlands Grüne kandidiert. Könnten Sie sich das wieder vorstellen?

    Vassilakou: Es gibt keine Wahl, bei der ich von den griechischen Grünen nicht gefragt werde, ob ich für sie kandidieren will. Seit ich Wiener Vizebürgermeisterin bin, sage ich immer Nein. Da muss man eine saubere Trennung ziehen.

    STANDARD: Wäre das jetzt vorstellbar?

    Vassilakou: Fragen Sie mich in fünf Jahren.

    STANDARD: Ist das EU-Parlament etwas, das Sie interessieren würde?

    Vassilakou: Ab 27. Juni habe ich mir einmal eine Politikpause verordnet. Aber grundsätzlich gibt es für mich zwei Bereiche, denen mein Herz gehört. Das eine ist Lokalpolitik, das andere multilaterale Politik. Ich merke, wie es mich raus aus Österreich zieht. Dorthin, wo die Probleme sind: allen voran das Wohnen, das ist weltweit unleistbar geworden. Oder der allgegenwärtige Stau und die Klimakrise in den Metropolen.

    STANDARD: Gibt es Pläne?

    Vassilakou: Es wäre verfrüht, mehr darüber zu sagen. Ausgestattet mit meinen Erfahrungen aus Wien und meinem Stadtmanagement-Studium bin ich gut aufgestellt, um international in Städten mit NGOs oder Entwicklungsbanken zusammenarbeiten zu können.

    STANDARD: Sind diese Jobs in der Privatwirtschaft angesiedelt?

    Vassilakou: Es gibt unterschiedliche Optionen. Die zentrale Frage ist: Nimmt man eine Stelle an und arbeitet für eine Stadt, oder ist man viel unterwegs und arbeitet mit verschiedenen Städten weltweit. Das sind die Dinge, die sich weisen werden.

    STANDARD: Im Herbst 2015 fuhren die Grünen bei der Wien-Wahl ein knappes Minus ein. Sie hatten zuvor angekündigt: Sollte es zu Verlusten kommen, dann soll die nächste Generation übernehmen. Trotzdem blieben Sie. War das die richtige Entscheidung?

    Vassilakou: Ich bin vorläufig geblieben. Nun gehe ich. Jetzt übernimmt die nächste Generation. Das ist keine Frage des Alters, sondern wie lange jemand schon in der Politik ist. Und es ist kaum jemand so lange in Wien dabei wie ich. Insofern löse ich den Generationenwechsel ein.

    STANDARD: Allerdings ist man nicht davon ausgegangen, dass es länger als drei Jahre dauern wird.

    Vassilakou: Die Moral von der Geschichte ist: Man soll sein Herz nicht auf der Zunge tragen.

    STANDARD: Sie mussten nicht nur mit Kritik umgehen, sondern wurden auch oft angegriffen, waren Häme und Hasspostings ausgesetzt. Hatten Sie je das Gefühl, eine der meistgehassten Personen Wiens zu sein?

    Vassilakou: Ich konnte das hinnehmen. Ich habe keine Kontroverse gescheut. Im Gegenteil: Bisweilen hatten manche den Eindruck, dass ich auf der Suche danach bin. Ich konnte damit umgehen.

    foto: regine hendrich
    "Ich habe sicher alles vereint, was bestimmte Menschen hassen können: Frau, Migrantin und eine, die Dinge anpackt" – Maria Vassilakou über Attacken auf ihre Person.

    STANDARD: Wie haben Sie die persönlichen Angriffe weggesteckt?

    Vassilakou: Ich habe sicher alles vereint, was bestimmte Menschen hassen können: Frau, Migrantin – und dann bin ich noch dazu eine, die Dinge anpackt und nicht nur artig grüßt. Aber ich konnte immer gut zwischen mir als Person und der öffentlichen Figur unterscheiden. Viele Attacken, die ich kassiert habe, hatten mit mir selbst zu tun und hatte ich verdient. Anderes wiederum war eher eine Aussage über den Geistes- und Gemütszustand des Gegenübers.

    STANDARD: Gibt es ein Projekt, das sich in Ihrer Amtsperiode nicht mehr ausgegangen ist, das Sie noch gerne verwirklicht hätten?

    Vassilakou: Eine Markthalle. Die wäre eine Bereicherung für die Stadt. Ich glaube, dass es ein großartiger Ort der Begegnung wäre, wo man den Puls der Stadt spüren kann.

    STANDARD: Was ist der Unterschied zwischen den deutschen und den österreichischen Grünen? In Deutschland redet man von 27 Prozent in Umfragen, in Österreich sitzen die Grünen nicht im Nationalrat.

    Vassilakou: Der Unterschied liegt im Timing. Die deutschen Grünen kamen viel früher als wir in Regierungen. Sie kamen vor uns in eine Krise. Sie lernten sehr viel daraus und feiern ein Comeback. Wir kamen später in die Krise, haben auch daraus gelernt, die richtigen Schlüsse gezogen und sind wieder da. (Oona Kroisleitner, David Krutzler, 12.6.2019)

    Maria Vassilakou (50) begann 1991 ihre politische Karriere in der Hochschülerschaft. Fünf Jahre später zog sie für die Grünen in den Wiener Gemeinderat ein. 2005 führte die Politikerin mit griechischen Wurzeln die Partei als Spitzenkandidatin in die Wien-Wahl. Seit 2010 ist sie Vizebürgermeisterin und Planungsstadträtin.

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