Ärztemangel gefährdet Drogen-Substitutionstherapie

    11. Juni 2019, 14:57
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    Der drohende Ärztemangel könnte das Therapieangebot für an sich schon benachteiligte Patientengruppen in Österreich "ausfransen" lassen, warnen Experten

    Wien – Laut dem neuen Bericht der Europäischen Drogenbeobachtungsstelle EMCDDA befinden sich in Österreich rund 50 Prozent der Opiatabhängigen in Drogenersatztherapie. Doch der zunehmende Ärztemangel droht dieses für die Betroffenen wichtige System brüchig zu machen, hieß es am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Initiative "Eine neue Chance" soll gegensteuern.

    "Die Substitutionstherapie ist in Österreich eine Erfolgsgeschichte", sagte Norbert Jachimowicz, Leiter des Referats für Substitutionsangelegenheiten der Österreichischen Ärztekammer. Die Situation ist in Österreich vor allem aus gesundheitspolitischen Gründen extrem unterschiedlich. In Wien sind derzeit 310 niedergelassene Ärzte in der Substitutionstherapie aktiv und betreuen rund 80 Prozent der etwa 6.500 Patienten in der Bundeshauptstadt. Nur 18 Prozent der Behandelten werden in Wien in Institutionen versorgt. In Österreich gibt es rund 18.600 Substitutionspatienten.

    In Tirol existieren auf diesem Gebiet vier Institutionen, drei Bezirke sind ohne Versorgung. In Kärnten gibt es faktisch ausschließlich eine Betreuung in Institutionen. In der Steiermark sind es nur 50 Ärzte in der Substitutionstherapie. In Graz sind 900 Patienten für acht niedergelassene Ärzte und wenige Einrichtungen vorgesehen. In Oberösterreich betreuten beispielsweise im Jahr 2017 60 niedergelassene Ärzte 1.733 Substitutionspatienten.

    Immer weniger Ärzte

    Sowohl auf die Institutionen (Ambulanzen, Vereine mit entsprechenden Einrichtungen etc.) als auch bei den niedergelassenen Ärzten beginnt der demografisch bedingte Ärztemangel durchzuschlagen. "Der Anteil der über 55-jährigen Ärzte liegt in Wien bei 30 Prozent. Es wird schwieriger, Nachfolger für die Betreuung dieser Patientengruppe zu finden", sagte Jachimowicz.

    Ein aktuelles Beispiel: In Wien-Margareten ging beispielsweise ein Kassen-Allgemeinmediziner, der diese Drogenkranken betreute, in Pension. Bei der ersten Neuausschreibung des Kassenvertrages fand sich kein Arzt. In der zweiten Ausschreibung wurde die Durchführung der Substitutionstherapie nicht mehr verlangt.

    Mangel beim ärztlichen Personal ist zunehmend an der Tagesordnung. Jachimowicz sagte: "Viele Ärzte haben die Ausbildung für die Drogen-Substitutionstherapie, sind dann aber darin nicht tätig." Hans Haltmayer, Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für arzneimittelgestützte Behandlung der Suchtkrankheit, führte für Wien an: "Für die Institutionen wird es schwieriger, Ärzte zu finden."

    Entkriminalisierung durch Substitutionstherapie

    Damit könnte die demografische Entwicklung in der Ärzteschaft das Therapieangebot für an sich schon benachteiligte Patientengruppen in Österreich "ausfransen" lassen. Dabei ist gerade die Drogenersatztherapie für Opiatabhängige gesundheits- und gesellschaftspolitisch ein extrem wichtiger Punkt.

    "Rund ein Prozent der Bevölkerung in Österreich entwickelt im Laufe ihres Lebens eine Opiatabhängigkeit. Das ist ein Zehntel der Alkoholabhängigen", sagte Haltmayer. Der Ersatz der illegalen Drogen durch lege artis verschriebene Opioid-Arzneimittel im Rahmen der ärztlichen Behandlung verhindere Schäden. Was ebenfalls extrem bedeutsam sei: "Die Patienten müssen nicht mehr strafbare Handlungen begehen, um an illegale Substanzen heranzukommen."

    Während weltweit die "US-Opiatkrise" für Aufsehen sorgt, sei die seit 1987 in Österreich etablierte Substitutionstherapie gerade ein wirksames Gegenmittel, betonte der Wiener Suchtspezialist Alfred Springer: "Die Zugänglichkeit zur Substitutionstherapie trägt dazu bei, solche Krisen wie in den USA zu verhindern."

    Ärzte als "Buddies"

    Auch Martin Schaffenrath von der Österreichischen Gesundheitskasse betonte den Wert der Behandlung: "Jeder einzelne Patient wird zu einem Erfolg, wenn wir ihn wieder in den Arbeitsprozess bekommen." Das könne durch die Stabilisierung von Opiatabhängigen im Rahmen der Substitutionstherapie erreicht werden. "Wir müssen wegkommen von der latenten Kriminalisierung der Patienten."

    Jachimowicz und die übrigen verantwortlichen Proponenten der Drogenersatztherapie wollen mit einer Initiative "Eine neue Chance" ab dem Herbst speziell Ärzte ansprechen, sich auch in dieser Behandlungsform zu engagieren. Erfahrene Ärzte sollen als "Buddies" jeweils für Unterstützung sorgen. Was noch Hoffnung macht: Im neuen Kassengesamtvertrag für die Primärversorgungszentren ist die Durchführung der Opioid-Ersatztherapie als Leistung vorgesehen. (APA, 11.6.2019)

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