Daniel Wissers Miniaturen – X: Filzastweide

    8. Juni 2019, 11:00
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    Der Satz, den der Trafikant Stasta am häufigsten sagte, lautete: "Wir haben keine Parkscheine." Sein zweithäufigster Satz war: "Wir haben keine Briefmarken." Der dritthäufigste: "Wir haben keine Fahrscheine." Und erst an vierter Stelle kam sein Lieblingssatz: "Sind Sie schon einmal am Millstätter See gewesen?" An diesem Punkt war es für den Kunden das Beste, den Kauf schnell abzuschließen oder mit dem Hinweis, man habe das Auto ohne Parkschein abgestellt und müsse schleunigst zurück, die Trafik zu verlassen. Ansonsten musste man mit dem Trafikanten Stasta die Fotos aus dem Jahr 1961, dem Jahr seines ersten Besuchs am Millstätter See, durchschauen. Nachdem er alle Fotos hergezeigt hatte, präsentierte Stasta seinen Kunden eine Ansichtskarte, die ein mit ihm befreundeter Fotograf 1961 gemacht hatte und die den Millstätter See im Hintergrund und im Vordergrund den Ausschnitt einer großen Filzastweide zeigte. Die Ansichtskarte gefiel dem Fotografen so gut, dass er, um andere Fotografen daran zu hindern, dasselbe Bild zu machen, in der Nacht mit seiner Motorsäge zum See ging, um die Filzastweide zu fällen. (Daniel Wisser, 8.6.2019)

    Daniel Wisser hat mit "Königin der Berge" (Jung und Jung, 2018) den Österreichischen Buchpreis gewonnen. Seine Miniaturen erscheinen bis Ende Juni im ALBUM.

    • Daniel Wisser schreibt bis Ende Juni Miniaturen für den STANDARD.
      foto: anke wälischmiller

      Daniel Wisser schreibt bis Ende Juni Miniaturen für den STANDARD.

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