Bitte Lebensräume schützen!

    10. Juni 2019, 08:00
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    In Mitteleuropa, sagt die Biologin Daniela Lehner von der Bioforschung Austria, ist die unberührte Natur praktisch verschwunden. Wie man es wieder besser machen kann.

    Als Kind verbrachte Daniela Lehner ihre Sommer im Kleingarten der Familie beim Hörndlwald, dem größten Naturdenkmal Wiens, wo man noch den europaweit geschützten Hirschkäfer finden kann. Bald war klar, dass Biodiversität ihre Sache sein würde, obwohl das Fach noch nicht so trendy war, als sie ihr Studium der Umweltwissenschaften begann.

    war das etwas für "schräge Vögel", aber dann kam die Krefeldstudie. Sie besagte, dass 75 Prozent der Insekten verschwunden sind, und das in den Naturschutzgebieten. Wie also muss es erst außerhalb davon aussehen? "Ganz schlecht!", sagt Frau Lehner, die mitreißend über Insekten reden kann. "Wir steuern mit Karacho in Richtung Abgrund!"

    Zuerst aber führt mich die 28-jährige Biologin, die ihr Studium vor einem Jahr als Master abschloß, lachend auf die Wiesen der Bioforschung-Austria, wo sie mit ihren Kollegen in die Gegenrichtung steuert, weg vom Abgrund. Ingenieur Ableidinger, der Gartenbauchef, hat die Wiesen hier extra für Schmetterlinge, Wildbienen und andere Insekten angelegt.

    In Mitteleuropa, sagt Frau Lehner, sei die "unberührte Natur" nämlich praktisch verschwunden, es gebe kaum mehr Lebensräume, in die der Mensch nicht schon eingegriffen habe. "Vielleicht noch die eine Baumgruppe im Urwald Rothwald oder die Kernzone im Wienerwald mit den 400 Jahre alten Eichen. Und vielleicht noch irgendwo in den Alpen, wo der Mensch nicht g'scheit Ski fahren kann (...)."

    Stattdessen ist alles Thuje, obwohl schon Weiden oder Mandelbäume ein Fortschritt wären, deren Blüten die erste Nahrung des Jahres für viele Wildbienenarten liefern.

    Nicht hineinlatschen!

    "Nicht hineinlatschen!", mahnt mich der Gartenbauchef, als wir zur Wiese kommen, sonst würde ich die Kopfnelke zertreten, die unscheinbar, aber kerzengerade in die Höhe steht, mit kleiner rosa Blüte dran. Keiner beachtet sie, auf Schotterbegleitstraßen wird sie abgemäht. "Die für den Naturschutz interessanten Pflanzen sind aber Erstbesiedler auf mageren, sandigen Böden", sagt Frau Lehner. "Pflanzen, die sich durchkämpfen müssen."

    Wir sehen ein Pfarrerkapperl, das oft komplett mit Raupen eingesponnen ist, und einen Kreuzdorn, der nicht besonders attraktiv ist, aber dem Zitronenfalter erstklassige Nahrung bietet. Immerhin 134 Wildbienenarten wurden in dieser Wiese und in den anderen Versuchsfeldern der Bioforschung mittlerweile nachgewiesen, erzählt Frau Lehner, das sind 20 Prozent der in Wien insgesamt vorkommenden. Von denen sind 40 Prozent Strukturnutzer, die im Holz, in Bienenhäuschen oder in dürren Stängeln brüten, der Rest sind Bodennister.

    Manche sind nur ameisengroß, die Holzbiene hingegen ist der größte Waschel und bringt mehr Gewicht auf die Waage als die Hornisse. Viele Wildbienen sind spezialisiert auf bestimmte Pflanzen, wohingegen die Honigbiene "quasi wie eine Kuh ist, die für den Menschen gezüchtet wird, damit sie den Honig bringt".

    Ihr genügt auch der Kalifornische Mohn oder das eingewanderte Japanische Springkraut, von dem manche sagen: "Jö schau, so viele Bienen drum herum!" Dabei überwuchert es die heimischen Wildblumen für die Wildbienen, wodurch früher oder später der ganze Lebensraum verödet. Wie man es besser machen kann, erfährt man bei zahlreichen Veranstaltungen im Garten der Bioforschung.

    Vielfältig und spezialisiert

    "Ist eh gut, wenn die Insekten aussterben, dann gibt es keine Gelsen mehr", hört Frau Lehner manchmal, wenn sie jeden Morgen zwei Stunden lang mit den Öffis von Liesing im Süden Wiens nach Essling im Norden unterwegs ist. Manchmal mit ihren Behältnissen auf dem Schoß, in denen sie ein paar Raupen mitführt. Andere wiederum fordern im Ton eines Prüfenden: "Ah, du bist also Insektenforscher? Dann sag mir, was das ist, los!"

    Dabei machen Insekten 74 Prozent aller Tierarten in Österreich aus, das sind mehr als 40.000 Insektenarten. Wer soll sie alle kennen? "Manche Bienen sind nur über die Zellen in ihren Flügeladern zu bestimmen", sagt Frau Lehner und erzählt, dass Insektenforscher selbst so vielfältig und spezialisiert wären wie die Objekte ihrer Forschung: Manche sammeln Insekten wie Pokémons; andere gehen auf die Taxonomie und wollen viele neue Arten beschreiben; manche beobachten allein; viele schätzen das gemütliche Beisammensein beim Käferbestimmen im Wirtshaus oder das gemeinsame Spazierengehen und schauen, was sich herumtreibt.

    In den Wiesen hier sieht man lange nichts, weil es regnet, aber dann: "Ein Schmetterling!" Wir laufen ihm nach, und Frau Lehner erkennt an den gefiederten Fühlern, mit denen es die Weibchen riechen kann, sofort ein tagaktives Nachtfaltermännchen. Tagfaltermännchen hingegen hätten kolbenförmige Fühler, und manche von denen würden echtes Revierverhalten an den Tag legen.

    Der größte Schmetterling Europas ist ein Wiener. Das Wiener Nachtpfauenauge bringt es auf 16 Zentimeter Flügelspannweite, und wie die meisten Nachtfalter hört es als Erwachsener auf zu essen. "Darum ist die Nahrungspflanze der Raupe so viel wichtiger als die für den Schmetterling!", sagt Frau Lehner. Manche überwintern als Ei, manche als Puppe, manche als Raupe, die von den heimischen Gartlern und Bauern oft nicht sehr geschätzt wird.

    "Aber bitte!", sagt Frau Lehner. "Wie soll denn eine Raupe einen Baum auffressen? Die Landwirtschaft braucht standortgerechte Sortenwahl", erklärt sie die Basics nachhaltigen Wirtschaftens, Lokales und Robustes mit natürlicher Abwehr gegen Schädlinge müsste angebaut werden – oder Holunder neben den Acker gestellt. Es gibt Insekten, die fressen zunächst Unmengen der Holunderlaus, und wenn nebenan die Blattlaus im Acker auftaucht, dann fressen sie halt dort weiter.

    Jedenfalls ist Frau Lehner überzeugt, dass es ohne Pestizide funktioniert. "Ist halt mal der Wurm drin im Apfel! Schneidet man ihn halt heraus! Schmeckt immer noch besser als der Apfel im Supermarkt!" Wenn man diese seltsame Erwartung an den Menschen hätte, dass nämlich alle gleich ausschauen müssten wie das Obst im Supermarkt – "Das ist ja nicht normal!"

    Alles, was Flügel hat ...

    Weil sie die Grundlage der Nahrungskette bilden, müssen Insekten immer in einem Populationsnetzwerk erhalten bleiben. Egal ob auf dem Boden, wo sich Fliegen und Käfer entwickeln und beim Umsatz des toten Pflanzenmaterials helfen, oder an Gewässern, wo räuberische Libellen Gelsenlarven fressen und in der Rinde von Weidenzweigen, die übers Wasser hängen, ihre Eier ablegen.

    Jetzt im Juni müsste eigentlich alles fliegen, was Flügel hat, aber heute sind alle Insekten in Ritzen und Spalten oder sitzen mit zusammengefalteten Flügeln auf dem Boden oder an Stängeln in der hohen Wiese und warten auf besseres Wetter. Manche sind auch in ihren Insektenhotels, die hier gezeigt werden und die grundsätzlich eine gute Sache wären.

    Aber oft stellen die Leute zu Hause eines auf und sind dann enttäuscht, wenn niemand einzieht. Dann ist vielleicht der Eingang rissig, sodass die Insekten sich verletzen, oder die Löcher sind durchgängig, obwohl sie an deren Ende eine Wand brauchen. Nicht selten steht das Hotel auch vor einem perfekt gemähten Rasen, auf dem es nichts zu fressen gibt.

    "Oh! Zeige deine Fühler her!" Frau Lehner entdeckt dann trotz Regens etwas, das ich "Käfer" nennen würde, wenn es mir in all der Pflanzenvielfalt überhaupt aufgefallen wäre. "Also entweder ist es ein lustiger Blattkäfer, der so tut, als wäre er ein Marienkäfer. Oder es ist tatsächlich eine Variante eines Marienkäfers."

    Sie nimmt ihn mit hinein, wo sie einen Haufen Bestimmungsbücher auf dem Tisch liegen hat. Allein die "Käfer Mitteleuropas" umfassen 30 Bände und werden regelmäßig upgedatet. Die wirkliche Expertenliteratur ist meist alt und zeigt keine Fotos, sondern Illustrationen.

    Das Bestimmen eines Insektes geht dann ungefähr so: "Jedes Auge ist in zwei Teile geteilt, oder die Augen sind tief ausgerändert und nicht in zwei Teile geteilt. Wenn das Erste zutrifft, dann muss man bei Punkt zwei weitermachen usw." – "Das ist aufregend!", lacht Daniela Lehner begeistert, obwohl: "Experte wird man erst mit dem Alter".

    Bis dahin vertieft sie ihre eigene Erfahrung ehrenamtlich bei der Arbeitsgemeinschaft Österreichischer Entomologen. Ab nächstem Jahr wird sie im Rahmen des ersten österreichweiten Schmetterlingmonitorings Tagfalter beobachten. Wer will, ist eingeladen, ihr zu helfen.(Manfred Rebhandl, 8.6.2019)

    cover: verlag

    Josef H. Reichholf, "Schmetterlinge. Warum sie verschwinden und was das für uns bedeutet". 24 Euro / 288 Seiten. Hanser Verlag, 2018

    cover: verlag

    Johann G. Zaller, "Unser täglich Gift". 20 Euro / 240 Seiten. Deuticke-Verlag, Wien 2018

    cover: verlag

    Andreas H. Segerer / Eva Rosenkranz, "Das große Insektensterben. Was es bedeutet und was wir jetzt tun müssen". 20 Euro / 208 Seiten. Oekom-Verlag, München 2018

    cover: verlag

    Regina Hofer / Leopold Maurer, "Insekten". Graphic Novel. 23,70 Euro / 240 Seiten. Luftschacht-Verlag, 2019

    cover: verlag

    Volker Angres / Claus-Peter Hutter, "Das Verstummen der Natur". 20,60 Euro / 336 Seiten. Ludwig-Verlag, 2018

    cover: verlag

    Jean-Henri Fabre, "Erinnerungen eines Insektenforschers IX". 36,90 Euro / 352 Seiten. Illustration: Christian Thanhäuser. Matthes-&-Seitz-Verlag, 2018

    Link: austrianbutterflyconservation.at

    Die Tage der Artenvielfalt finden von 14. bis 15. Juni in Pressbaum und von 21. bis 22. Juni bei der Knödelhüttenstraße statt.

    • Von der Insektenexpertin Daniela Lehner kann man viel lernen, zum Beispiel dass Insekten 74 Prozent aller Tierarten in Österreich ausmachen, das sind mehr als 40.000 Insektenarten. Wer soll sie alle kennen?
      foto: christian fischer foto@fischerfoto.com

      Von der Insektenexpertin Daniela Lehner kann man viel lernen, zum Beispiel dass Insekten 74 Prozent aller Tierarten in Österreich ausmachen, das sind mehr als 40.000 Insektenarten. Wer soll sie alle kennen?

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