OnePlus 7 Pro im Test: Kompromisslos gut, aber ...

    10. Juni 2019, 09:22
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    Der einstige Underdog zeigt mit seinem Handy groß auf, auch wenn es ein paar Kritikpunkte gibt

    Das Anziehen der Preise im Segment der Premium-Smartphones hat Platz gemacht für neue Player. Im Segment von 500 bis 700 Euro, in dem sich einst etwa Samsungs Galaxy S-Reihe tummelte, heißen die Konkurrenten nun Honor, Xiaomi und OnePlus. Letzteres Unternehmen hat als eines der letzten sein Flaggschiff für die erste Hälfte der Techsaison vorgestellt: Das OnePlus 7.

    Erstmals folgt man den anderen Herstellern mit der Taktik, ein "Basis"-Modell auch eine "erweiterte" Version vorzustellen – und zwar in Form des OnePlus 7 Pro, das in Österreich ab 699 Euro an den Start geht. Das Handy wurde in bisherigen Rezensionen bereits mit Lobeshymnen überschüttet. Der STANDARD hat nun nachgeprüft, ob die Lorbeeren auch verdient sind.

    foto: standard/pichler

    Verarbeitung und Display

    Das Smartphone fällt mit einer Bildschirmdiagonale von knapp 6,7 Zoll nicht gerade klein aus. Eingefasst ist das AMOLED-Display im 19,5:9-Formaktor in ein Gehäuse aus Glas und Metall. Die Rückseite beim getesteten Modell kommt in Frostblau. Die matte Beschichtung sorgt nicht nur für weniger auffällige Fingerabdrücke, sondern erlaubt es auch, die Rückseite des Handys zu fotografieren, ohne dabei zu verzweifeln.

    3.120 x 1.440 Pixel beträgt die Auflösung, womit sie im Vergleich zum Vormodell aus dem Herbst auf den Stand einiger Konkurrenten gesteigert wurde. Der Unterschied ist mit freiem Auge nur bei genauem Hinsehen auszumachen. Sehr wohl erkennbar ist, dass der Bildschirm kräftige Farben, satte Kontraste, umfassende Blickwinkelstabilität und recht hohe Helligkeit liefert. Als angenehm, etwa beim Spielen, erweist sich zudem die Wiedergabe mit 90 Hz.

    foto: standard/pichler

    Bei der Verarbeitung hat OnePlus ganze Arbeit geleistet. Das Material wirkt hochwertig, es gibt keine auffälligen Spalten und die Köpfe sind gut ertastbar und "wabbeln" nicht. Als Gesamtpaket kommt das OnePlus 7 Pro auf 162,6 x 75,9 x 8,8 Millimeter. 209 Gramm Gewicht machen es zu einem eher schwereren Gerät seine Klasse. Wasserdicht ist das Gehäuse allerdings offiziell nicht, es gibt kein IP-Rating. Dennoch gibt das Unternehmen an, dass es dem Eindringen von Flüssigkeit bis zu einem gewissen Grad widerstehen kann.

    Ergonomie und Basisausstattung

    Das Handy liegt gut in der Hand, die Rückseite scheint nicht mehr ganz so rutschig zu sein, wie noch bei den letzten Modellen. Das Display hat nun allerding seitlich nach unten gebogene Ränder, wie man es etwa von Samsung schon seit den "Edge"-Modellen kennt. Diese Konstruktion macht es etwas leichter, das Telefon zu greifen und Sachen am Rand anzutippen. Allerdings ist es auch ein Quelle für versehentliche Fehleingaben und erhöht das Bruchrisiko, sollte das Handy unglücklich abstürzen.

    foto: standard/pichler

    Bei der Basisausstattung sind alle Checkboxen abgehakt. Als Plattform dient Qualcomms Snapdragon 855, der je nach Modell mit 6, 8 oder 12 GB RAM zusammenarbeitet. Der interne Speicher bietet 128 oder 256 GB an Platz. Als Testgerät diente die Maximalausführung mit 256 GB Onboardspeicher und 12 GB RAM.

    Konnektivität gibt es per LTE, Bluetooth 5.0, ac-WLAN und NFC. Das Handy kann mit zwei nanoSIM-Karten umgehen. Eine 5G-fähige Ausgabe des OnePlus 7 Pro soll in naher Zukunft auf den Markt kommen. Für Datentransfer und Aufladung des 4.000 mAh-Akkus dient ein USB-C-Slot, der nach USB 3.1-Standard arbeitet. Weiters gibt es, auf Wunsch der Fans, einen stärkeren Vibrationsmotor für "stille" Benachrichtigungen. Der Fingerabdruckscanner unter dem Display werkt nun außerdem schneller und präziser.

    foto: standard/pichler

    Android mit "Fnatic-Modus"

    Vorinstalliert ist Oxygen OS 9.5, basierend auf Android 9 "Pie", wobei OnePlus zumindest auf Android 10 und 11 aktualisieren wird und sich in der Vergangenheit einen Namen mit recht regelmäßigen Aktualisierungen gemacht hat. Die Oberfläche des Systems bleibt "purem" Android weitestgehend treu. Das System wurde aber um diverse Features erweitert.

    Neben verschiedenen Eingabegeste, um etwa schnell die Kamera aufzurufen, gibt es auch einen Spielemodus, der beim Gamen die meisten Benachrichtigungen deaktivieren und die Bildschirmeinstellungen anpassen kann. Wer sämtliche Notifications abdrehen und dem jeweiligen Game die höchste Aufmerksamkeit durch den Prozessor sichern will, kann auch zum sogenannten "Fnatic"-Modus greifen. In diesem kann auf Wunsch sogar aus Latenzgründen die zweite SIM-Karte temporär deaktiviert werden.

    foto: standard/pichler

    Subjektiv ergab sich daraus allerdings kein erkennbarer Einfluss auf den Ping im Spiel Mobile Legends. Hintergrund des Namens ist übrigens eine schon länger laufende Kooperation zwischen OnePlus und der bekannten E-Sports-Organisation.

    Flott unterwegs

    In Sachen Performance spielt das OnePlus 7 Pro übrigens ganz oben mit, egal ob man nun synthetische Werte oder praktische Erfahrungen berücksichtigt. Sowohl beim Allroundbenchmark Antutu, als auch beim Grafiktest mit 3DMark rangiert das Handy im Spitzenfeld rund um Samsungs Galaxy S10 und Xiaomis Mi 9.

    Im Alltag plagt sich das Telefon weder beim Browsern, Videoschauen oder anderen Kommunikationstätigkeiten im Multitasking. Und auch aufwändige Games sorgen nicht für Performanceeinbußen. Allerdings wird das Telefon bei längerem Zocken an Teilen der Rückseite merklich warm.

    foto: standard/pichler

    Triplecam auf Topniveau

    Prunkstück des Handys soll einmal mehr seine Kamera sein. Beim Hauptmodul auf der Rückseite setzt man auf ein Triplepack. Ein 48-MP-Sensor arbeitet hier mit einem 16 MP- (Telefoto) und einem 8-MP-Chip (Ultraweitwinkel) zusammen, denen ein Dual-LED-Blitz an die Seite gestellt wurde. Diese sollen eine optische Dreifachvergrößerung ermöglichen, praktisch sind es allerdings "nur" 2,2, wie bereits nachgewiesen wurde. Auf höhere Zoomfaktoren, wie man sie etwa schon bei Huawei am Start hat, verzichtet man.

    Und auch in diesem Bereich spielt OnePlus mittlerweile im Konzert der großen mit. Die Kamera reagiert flott. Fotos gelingen mit ansehnlichen Farben und in den meisten Fällen bleiben kleine Details gut erhalten. Auch am Abend gelingen noch schöne Shots. Einzig beim Nachtmodus kann man nicht ganz mit den Alternativen von Huawei (etwa am P20 Pro) oder Night Sight der Google Camera mithalten. Die Ergebnisse fallen allerdings besser aus, als beim enttäuschenden Nachtmodus des Xiaomi Mi 9.

    foto: standard/pichler

    Zwei Defizite lassen sich erkennen. Erstens: Die Farben sind bei Aufnahmen unter Sonnenlicht manchmal etwas übersteuert. Das lässt sich aber im Nachhinen natürlich korrigieren, zumal optional auch im RAW-Format geknipst werden kann. Zweitens: Reine Ultraweitwinkelaufnahmen haben in Randbereichen eine Tendenz zur Unschärfe bei weiter entfernten Motivteilen. Das könnte auch daran liegen, dass sie, im Gegensatz zu den beiden anderen Sensoren, keine optische Bildstabilisierung mitbringt.

    Sorgenkind Frontkamera

    Bei der Frontkamera versucht man sich diesmal an einer Pop-up-Lösung. Heißt: Will man ein "Selfie" machen, fährt ein Motor das Kameramodul aus dem oberen Gehäuserand aus und zieht sie wieder ein, wenn man die Kamera-App verlässt. OnePlus verspricht, dass sich die Kamera über fünf Jahre tagtäglich 150 Mal aus- und einfahren lassen soll, ohne dass es zu Problemen kommt.

    foto: standard/pichler

    Ob die mechanische Lösung wirklich dauerhaft so robust und unanfällig gegen Schmutz und Staub ist, bleibt abzuwarten. Man hat jedenfalls Fallerkennung integriert, die zu einem automatischen Einzug des Moduls führt, wenn das Handy aus der Hand gleiten sollte. Weil dieser Prozess aber etwas dauert – ziemlich genau eine Sekunde lang – steht infrage, ob die Kamera bei ungünstigem Aufschlagswinkel wirklich vor Schäden gefeit ist.

    Ungeachtet dessen gibt die 16-MP-Selfiecam wenig Grund zur Klage. Auch unter Kunstlicht und abendlichen Bedingungen liefert sie ordentliche Ergebnisse ab. Die Kantenerkennung für die Erzeugung von Tiefenunschärfe arbeitet solide.

    Endlich Stereosound

    Was die Akustik betrifft, hat das OnePlus 7 zwei Schritte nach vorne gemacht. Nein, der Kopfhörerstecker wurde nicht zurück gebracht, allerdings gibt es nun erstmals in der Geschichte der Reihe Stereosound über die Lautsprecher anstelle reiner Monobeschallung. Sogar mit Dolby-Support wirbt der Hersteller.

    foto: standard/pichler

    Freilich wird auch damit dieses Handy – oder überhaupt kein Mobiltelefon – keine eigenständige Lautsprecheranlage ersetzen. Doch für die Hintergrundbeschallung eines kleineren Raumes ist der Sound durchaus ausreichend und gut genug. Auf höchster Lautstärke klingen hohe Töne etwas übersteuert und es fehlt ein kräftiger Bass, aber angesichts der pyhsikalischen Beschränkungen des Formfaktors kann sich das Gebotene durchaus hören lassen.

    Besser zeigt sich auch die Telefonieakustik. Beim Gegenüber sind immer noch vereinzelte Lärmfragmente wahrnehmbar, wenn es im Hintergrund etwas lauter zugeht, abseits einer leichten Stimmverzerrung ist man aber klar und deutlich zu verstehen. Auch der Gesprächspartner ist "sauber" wahrzunehmen.

    foto: standard/pichler

    Akkulaufzeit

    Menschen, die ihr Handy intensiv nutzen, dürften mit dem OnePlus 7 ebenfalls ihre Freude haben. Mit 4.000 mAh fällt der Akku um 300 mAh größer aus, als noch beim OnePlus 6T, wobei die "Non-Pro"-Version des Handys weiterhin 3.700 mAh bietet. Selbst Gaming führt nicht zu einem übermäßig schnellen Sinken des Ladestandes. Die Erfahrungen aus dem Test lassen die Einschätzung zu, dass man mit einer vollen Ladung zumindest für 1,5 gut gerüstet ist – als Vielnutzer wohl gemerkt.

    Gehen die Energiereserven dann doch einmal zur Neige, verspricht OnePlus flottes Nachladen. Die aktuelle Generation von Warp Charge (vormals als Dash Charge bekannt) operiert mit einer Leistung von bis zu 30 Watt, die es ermöglichen soll, den Akku binnen 20 Minuten von 0 auf 50 Prozent zu laden. Das ist möglicherweise etwas übertrieben, dennoch wird flott "nachgefüllt". Binnen 30 Minuten etwa von 13 auf 61 Prozent.

    Fazit

    Im Preisbereich des OnePlus 7 Pro, das ab 699 Euro verkauft wird, sind gleichwertige Alternativen rar gesät. Samsungs Galaxy S10 ist mittlerweile um diesen Betrag zu bekommen, hier könnten Puristen aber von Samsungs eigener Android-Interpretation Touchwiz abgeschreckt werden. Ein ähnliches Problem haben Smartphones von Xiaomi, die außerdem in puncto Kamera klar unterlegen sind. Anbieten würden sich noch aktuellere Handys von Huawei, bei denen aber aktuell infrage steht, ob sie nach dem 19. August überhaupt noch Android-Versionsupdates erhalten werden – bis dahin läuft noch die "Schonfrist" für die Sanktionsmaßnahmen der US-Regierung.

    Insgesamt bringt OnePlus mit seinem neusten Handy ein starkes Gesamtpaket mit einmal mehr starker Performance und sehr guter Kamera. Dazu hat man mehrere Schwachstellen, etwa hinsichtlich der Akustik, ausgemerzt. Es gibt zwar kleinere Kritikpunkte und mit dem seitlich gebogenen Display sowie dem Popup-Modul auch Grund für Skepsis, für Menschen, die sorgsam mit ihren Mobiltelefonen umgehen scheint aber kein wirklicher "Dealbreaker" dabei zu sein. (Georg Pichler, 10.06.2019)

    Testfotos

    Zur Ansicht des Fotos im Original bitte auf die Beschreibung klicken.

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