D-Day-Gedenken: Das Lippenbekenntnis der Alliierten

    Analyse6. Juni 2019, 20:40
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    Bei den Feiern in der Normandie wahrte US-Präsident Trump für ein Mal die Form. Die transatlantische Allianz wurde aber eher bemüht als gestärkt

    Die französischen Diplomaten hingen an Donald Trumps Lippen, als er auf dem Soldatenfriedhof Colleville-sur-Mer das Wort ergriff: Würde der US-Präsident das Band zwischen Amerikanern und Europäern beschwören, jene mächtige Allianz, die vor 75 Jahren den Erfolg der Operation Overlord über Nazi-Deutschland ermöglicht hatte?

    Als Vorredner hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron erklärt, Amerika sei "nie größer, als wenn es für die Freiheit der anderen oder für die universellen Werte seiner Gründerväter kämpft". Ein Wink mit dem Zaunpfahl an den Unilateralisten Trump. Der feierte die US-Veteranen, die mittlerweile rund 95 Jahre alt sind, wie gehabt als Helden, als Stolz und Ruhm der Nation, um sich dann doch zu überwinden: "Unsere Verbindung ist unverwüstlich", deklamierte der US-Präsident an die Adresse jener Länder, die "die gleichen Werte von Demokratie und Freiheit" hochhielten.

    Diesmal kein Eklat

    Die 10.000 Gäste atmete auf: Einmal war es bei einem Trump-Auftritt nicht zum Eklat gekommen. Vereint feierten die Westmächte die alliierte Landung des 6. Juni 1944 in Nordfrankreich. Da war es fast sekundär, dass das transatlantische Bekenntnis alles andere als flammend ausfiel.

    Trump machte frühere Twitter-Sprüche nicht vergessen, so vom vergangenen November, als er Macron zur 100-Jahr-Feier des Endes des Ersten Weltkriegs unterstellt hatte, er habe sich "sehr beleidigend" verhalten, indem er eine europäische Armee gegen Großmächte wie die "USA, Russland oder China" anrege. Die grundsätzlichen Differenzen häufen sich in Sachen Klimavertrag von Paris und Atomabkommen mit Iran; auch den Brexit begrüßte Trump diese Woche so offen wie nie zuvor.

    Europa besorgt

    Sorgen bereitet das nur der einen Seite: Während sich Trump kaum um Absprachen mit transatlantischen Partnern schert, wächst in den europäischen Hauptstädten die Angst vor dem Verlust der "unverwüstlichen" Allianz. Noch ist kein Feuer im Dach: Trump ist nicht der erste Nationalist oder gar Isolationist im Weißen Haus. Eine Ausnahme in der amerikanischen Geschichte bildete eher Franklin D. Roosevelt, der sein Land in den Zweiten Weltkrieg geführt hatte – wobei der äußere Anlass nicht Westeuropa war, sondern der japanische Angriff auf Pearl Harbor im Pazifik.

    Es ist wohl unaufhaltbar, dass sich die Immigrationsnation USA dem alten Kontinent mit fortschreitender Zeit weniger verbunden fühlt. Schon Barack Obama hatte klar gemacht, dass er zuerst nach Asien schaue, dann erst nach Europa. Die Amerikaner sehen in den Nato-Staaten nach wie vor Verbündete, aber auch zunehmende wirtschaftliche Rivalen. Das erklärt zum Teil auch Trumps Einsatz für den Brexit, also für die weitere Schwächung der EU.

    Klima wird rauer

    Im Ernstfall, das wissen die Alliierten von einst, bleiben sie ideell Schulter an Schulter, gemeinsam auch gegen die wirklichen Störenfriede Russland und China. Zugleich aber müssen die Europäer ein raueres geopolitisches Klima gewärtigen, und das nicht zuletzt auf Trumps Druck hin.

    Gegen seine Politik des "America first" haben die Europäer nur eine Chance, wenn sie selber genug stark werden, um den amerikanischen Schutzschild gar nicht mehr zu benötigen. Das bedingt eine echte und tiefgreifende Reform der EU-Strukturen sowie die Schaffung einer europäischen Verteidigung, wie sie dem Franzosen Macron vorschwebt – nicht im Rahmen der EU, sondern mit allen "Willigen", Großbritannien inklusive.

    Sich vom amerikanischen Schutzschild zu emanzipieren, eigen- und selbständig werden, statt einfach auf die "Amis" zu setzen: Das ist eine gigantische, aber unvermeidliche Herausforderung für Europa. Der alte Kontinent sollte froh sein, dass Trump ihn aufrüttelt: Nur so kommt er auch wirtschaftlich und verteidigungspolitisch auf die Beine. Aber keine Angst: Die Amerikaner wollen die Europäer gar nicht völlig fallen lassen, sonst verlören sie auch den Einfluss über sie, und das ist weder politisch noch wirtschaftlich ihr Ziel.

    So wenig die EU die Entwicklung einfach passiv verfolgen kann, so wenig kommt Österreich um eine Klärung seiner Rolle herum: Was bedeutet Neutralität, wenn die Bande zwischen Europäern und den USA noch lockerer werden und der alte Kontinent stärker zusammenstehen muss? (Stefan Brändle aus Paris, 6.6.2019)

    • Wohin geht die amerikanisch-europäische Allianz?
      foto: ap/alex brandon

      Wohin geht die amerikanisch-europäische Allianz?

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