Steinige Wege zum Lied

    6. Juni 2019, 16:39
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    Startenor Piotr Beczala mit Pianist Helmut Deutsch im Wiener Musikverein

    Wien – An der Wiener Staatsoper hat Piotr Beczala unlängst als Toscas Cavaradossi spektakulär bewiesen, dass er neben Jonas Kaufmann der Operntenor der Gegenwart ist. Impulsiv der Ausdruck, einnehmend das Timbre in allen Lagen – auch in heikelsten Passagen. Das ließ auch die berühmten Ariensterne des Finales aufblitzen.

    Bei der kleinen Form, dem Lied, Genre-sensibel vom dynamischen "Opernpedal" zu steigen und Feinheiten gleichsam unter dem interpretatorischen Mikroskop zu vermitteln ist allerdings doch eine gänzlich andere Disziplin.

    Im Kreis der Melancholie

    Im Brahmssaal des Wiener Musikvereins wird dann schließlich aber alles gut – im Bannkreis jener romantischen und gefühlsprallen Melancholie, die sich in Liedern von Peter Iljitsch Tschaikowski offenbart. Profund unterstützt von Klavierpartner Helmut Deutsch wirkt Beczala endlich entspannt, lässt die Kantilenen leicht schweben. Lied und Sänger wirken produktiv vereint.

    Das Glockenhelle

    "Nur wer die Sehnsucht kennt" oder "Inmitten des Balles" wie auch "Serenade" (mit ihrem sehr zart vermittelten Beginn) zeigen, dass Beczala seine Qualitäten produktiv und uneitel in den Dienst der Lieder zu stellen vermag. Dabei ist auch Opulenz des Ausdrucks an extrovertierten Höhepunkten gut zu argumentieren. Beczala ist ganz bei sich, und dies nicht nur im Strahleton, vielmehr auch bei der nuancierten Textauslegung. Auch etwa bei "Warum?", das Helmut Deutsch die Möglichkeit gibt, das gerne Glockenhelle seines Spiels abzudunkeln.

    Fragil bei Schubert

    Es war allerdings doch ein eher steiniger Weg bis zum edlen Umgang mit Tschaikowskis Schwermut: Franz Schuberts Lieder zeigten den polnischen Tenor bisweilen auf dünnem Intonationsboden, Fragilität wie Unsicherheit machten sich breit und offenbarten Kämpfe mit den Feinheiten des Materials.

    Mit bewundernswertem Mut kämpft sich Beczala durch das filigrane Notengeäst und übersteht bei Dass sie hier gewesen und Du bist die Ruh recht kritische Phasen, denen Gelungenes wie Bei dir allein positiv entgegenstand. Leicht und frei klang es also selten bei Schubert, man litt mit, bis schließlich alles gut wurde mit russischen Miniaturen. (Ljubisa Tosic, 7.6.2019)

    • Fragil bei Schubert, glanzvoll bei Tschaikowski – Startenor Piotr Beczala.

      Fragil bei Schubert, glanzvoll bei Tschaikowski – Startenor Piotr Beczala.

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