"Zwischen den Zeilen": Verunsicherte Eitelkeiten in der Twitter-Blase

    7. Juni 2019, 09:00
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    Olivier Assayas überrascht mit seiner fallenreichen Komödie

    Wien – Der Schriftsteller Léonard Spiegel (Vincent Macaigne) hat etwas Pikantes erlebt. Er war im Kino, es gab einen Film von Michael Haneke. Léonard war in Begleitung, die Frau an seiner Seite war zufällig auch die Frau seines Verlegers. Sie heißt Selena. Sie hat Léonard, während sich doch beide eigentlich auf das Filmkunstwerk konzentrieren sollten, oral verwöhnt. Fellatio lautet der technische Ausdruck, es gibt konkretere.

    Das Erlebnis spielt eine Rolle in dem neuen Buch von Léonard. Er schreibt nämlich Autofiktion. Das heißt, er schreibt über das, was er selbst erlebt. Nach einem klassischen Literaturverständnis ist das etwas wenig, aber inzwischen hat man sich daran gewöhnt, dass aus einem Leben ganz schön viel Text werden kann, wenn sich jemand für entsprechend wichtig hält – und die Bedeutung dann schreibend auch einlöst.

    Leben und Text

    Über die Spannung zwischen Leben und Text hat nicht zuletzt die französische Theorie viel nachgedacht, und auf seine Weise betreibt nun auch Olivier Assayas mit seinem Film Zwischen den Zeilen ein wenig Theorie. Doubles vies lautet der Originaltitel, doppelte Leben, oder auch: Doppel leben. Schon in diesen paar Worten stecken so viele Anspielungen, dass man Seminare darüber abhalten könnte. Und dann heißt der Autor auch noch Spiegel.

    Sein Verleger heißt Alain (Guillaume Canet), er ist die zweite Hauptfigur des Films. Alain hat Schwierigkeiten mit dem neuen Buch von Léonard. Könnte das damit zu tun haben, dass ihn die Szene im Kino stört? Ahnt er etwas?

    Zwischen den Zeilen hat die Form eine Reigens. Assayas lässt das literarische Paris einmal um sich selbst kreisen und ein paar Mal in die Abgründe der eigenen Bedeutungslosigkeit blicken. Denn zwischen Leben und Text, zwischen die beiden Leben des Realen und des Imaginären, drängt sich nun eine neue Macht: die sozialen Medien, die aus allem eine Blase machen.

    Alain hat im Verlag eine neue Mitarbeiterin, die das Haus für die digitale Welt fit machen soll. E-Books und Twitter-Präsenzen sind die neue Währung, an die sich die Buchkultur nun gewöhnen muss. Dass Alain mit dieser Laure auch ins Bett geht, wirkt fast wie eine sentimentale Erinnerung an das alte Paris mit seinen Klischees von der Erotik des guten Essens und des guten Denkens. Post coitum aber geht es ans Eingemachte: Laure lässt Alain nicht als Liebhaber, sondern als Verleger alt aussehen.

    Zurück in Paris

    Assayas war in den letzten zwanzig Jahren häufig in der weiten Welt unterwegs. Fast schon mochte man ihn für einen Filmemacher der Globalisierung halten. Nun ist er nach Paris zurückgekehrt, mit einer Gesellschaftskomödie über eine Gesellschaft, der gerade die Grundlagen wegbrechen. Nicht nur die Buchbranche ist betroffen, auch die Politik und das Kino.

    Valérie, die Freundin von Léonard, berät einen Spitzenpolitiker und muss mit den Peinlichkeiten zurechtkommen, die das Private in einem radikal auf Öffentlichkeit gepolten Leben auslöst. Selena wiederum ist Schauspielerin, sie muss sich mit einer Serienfigur abfinden. Das ist deswegen bitter, weil Selena von Juliette Binoche gespielt wird, dem so ziemlich größten weiblichen Filmstar Frankreichs. Assayas nützt die Differenz zwischen Selena und Binoche, zwischen Rolle und Image und Wirklichkeit, für einen Witz, den er am Ende souverän einstreut.

    Endlich ernst machen

    Zu diesem Zeitpunkt hat er schon so viele Spuren ausgelegt und den Figuren so viele Fallen gestellt, dass man eigentlich kaum mehr für möglich halten würde, dass aus dieser Komödie der verunsicherten Eitelkeiten ein neues Gleichgewicht erwachsen könnte. Und doch gelingt das, allerdings nur auf der Ebene des Privaten: Für einen Schriftsteller, der sich immer wieder auf die Ebene der Autofiktion zurückzieht, gibt es nicht viele Möglichkeiten, endlich einmal Ernst zu machen. Zwischen den Momenten des narzisstischen Genusses gibt es dann aber doch einen Einbruch des Realen, der sogar eine Twitter-Blase sprengt. (Bert Rebhandl, 7.6,2019)

    • Was man im Geheimen tut, darüber sollte man nicht schreiben: Juliette Binoche und Vincent Macaigne als Liebespaar:
      filmladen

      Was man im Geheimen tut, darüber sollte man nicht schreiben: Juliette Binoche und Vincent Macaigne als Liebespaar:

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