"NSA" zum besten deutschsprachigen Science-Fiction-Roman des Jahres gewählt

    11. Juni 2019, 09:44
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    Andreas Eschbach erhält den Kurd-Laßwitz-Preis 2019 – bester ausländischer Roman ist Jasper Ffordes "Eiswelt"

    foto: olivier favre
    Meistdekorierter deutscher SF-Autor unserer Tage: Andreas Eschbach.

    Die eine oder andere Überraschung setzte es bei der heurigen Bekanntgabe der Kurd-Laßwitz-Preise, den Auszeichnungen für die besten deutschsprachigen Science-Fiction-Erzählungen des Jahres – allerdings nicht, was die Hauptkategorie betrifft. Im Bereich "Bester Roman" könnte man schon eher meinen, der KLP wäre in seine Default-Einstellung zurückgekippt. Denn einmal mehr hatte hier Andreas Eschbach die Nase vorn, diesmal mit "NSA".

    Kein anderer Autor hat in dieser Kategorie so oft gewonnen wie der auch außerhalb des deutschsprachigen Raums bekannte Autor aus Ulm, der heuer seinen 60. Geburtstag feiert. Insgesamt neunmal hat Eschbach den KLP für den besten Roman erhalten – zuletzt 2012 für "Herr aller Dinge" (interessanterweise aber nie für seine beliebten "Haarteppichknüpfer").

    Alternate History

    Eschbachs jüngster Roman "NSA" dreht sich dem Titel entsprechend um einen Überwachungsstaat – allerdings ist dieser in einer Alternativwelt angesiedelt. Hier hat die Computerrevolution schon im 19. Jahrhundert eingesetzt und damit später auch dem NS-Regime die perfekte Möglichkeit zur lückenlosen Kontrolle über seine Bürger verschafft.

    Das düstere Gedankenspiel hat unter anderem Frank Schätzings Comeback-Roman "Die Tyrannei des Schmetterlings" (4.) und Tom Hillenbrands "Hologrammatica" (2.) auf die Plätze verwiesen, und zwar mit gehörigem Respektabstand. Andreas Brandhorst, der 2016/17 zweimal hintereinander gewonnen hatte, war heuer gleich doppelt vertreten, musste sich für "Ewiges Leben" und "Die Tiefe der Zeit" aber mit den Plätzen 8 und 9 begnügen.

    fotos: bastei lübbe, heyne
    Die Siegerromane in den Kategorien deutschsprachig und übersetzt: "NSA" und "Eiswelt".

    Einen unerwarteten, aber nicht unverdienten Sieg gab es in der Kategorie "Bestes ausländisches Werk" für Romane, die ins Deutsche übersetzt wurden. Auch hier gewann schließlich ein Alternativweltroman, wenn auch von ganz anderer Machart als "NSA": In Jasper Ffordes "Eiswelt" liegt Europa immer noch im Würgegriff der Eiszeit, und die Menschen haben sich daran auf ganz unterschiedliche Weise angepasst – unter anderem halten sie einige Monate Winterschlaf. Wer sich wie die Hauptfigur trotzdem während dieser Zeit draußen herumtreibt, muss sich auf skurrile Überraschungen einstellen.

    Gute Auswahl

    Mit dem höchst unterhaltsamen "Eiswelt" hat heuer der Humor über die ernsthaftere Konkurrenz triumphiert – etwa Cory Doctorows "Walkaway", das sich bei der Stimmenauszählung mit Ffordes Roman bis zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte, wie KLP-Organisator Udo Klotz berichtet. "Walkaway" landete schließlich auf dem zweiten Platz, dahinter folgten Kim Stanley Robinsons "New York 2140", Adrian Tchaikovskys "Die Kinder der Zeit" und Lavie Tidhars "Central Station". Insgesamt war das Feld heuer von Platz 1 bis 5 durchgehend exzellent besetzt, jeder dieser Titel wäre ein würdiger Gewinner gewesen.

    Gekürt werden die Sieger durch eine Abstimmung unter SF-Schaffenden in Deutschland, Österreich und der Schweiz, ob Autoren, Übersetzer, Verleger, Illustratoren oder Fachjournalisten. 95 Abstimmungsberechtigte nahmen heuer an der Wahl teil, 354 Nominierungsvorschläge hatte es insgesamt gegeben. Nach einer ersten Vorauswahl konnten dann an die im Schnitt jeweils zehn Kandidaten der Shortlists Punkte von 1 bis 5 vergeben werden.

    foto: amrun verlag
    Quirky ist Trumpf: Autor und Illustrator Michael Marrak hat erneut gewonnen.

    Den KLP für die beste Illustration erhielt Michael Marrak für das Cover zu seiner Novelle "Die Reise zum Mittelpunkt der Zeit". Es ist die Fortsetzung des im besten Sinne irrwitzigen Trips "Der Kanon mechanischer Seelen", der im vergangenen Jahr in der Romankategorie gewonnen hatte; auch dessen Cover stammte übrigens vom Autor selbst.

    Zweifach ausgezeichnet wurde das SF-Magazin "Nova", das 2002 gegründet wurde und trotz einiger Verlagswechsel bis heute besteht. Dafür gab es einen Sonderpreis für herausragende Leistungen, der an die ehemaligen und heutigen Macher des Magazins kollektiv vergeben wurde: Ronald M. Hahn, Michael K. Iwoleit, Helmuth W. Mommers, Olaf G. Hilscher, Frank Hebben und Michael Haitel. Außerdem enthielt die Ausgabe Nr. 26 von "Nova" den Gewinner der Kategorie "Beste Erzählung", Thorsten Küpers fiese Kurzgeschichte "Confinement" über eine Bedrohung aus dem Orbit.

    Weitere Preise

    Aus dem Abstimmungsrahmen fallen beim KLP nur zwei Kategorien, in denen jeweils Fachjurys den Sieger küren. Das war in der Kategorie "Beste Übersetzung" Jakob Schmidt, der bei Kim Stanley Robinsons "New York 2140" vor der Aufgabe gestanden hatte, den recht unterschiedlichen Perspektivfiguren des Autors entsprechend unterschiedliche Stimmen zu verleihen. Die Hörspiel-Kategorie indes musste in eine Stichwahl zwischen Anne Krügers "Supermarkt" und Felix Kubins "Die Maschine steht still" gehen, das Endergebnis steht noch aus.

    Wagen wir eine Prognose: Nachdem Andreas Eschbach heuer die große "Perry Rhodan"-Biografie abgeliefert hat, stehen seine Chancen nicht schlecht, dass er im nächsten Jahr wieder mit im Rennen um den KLP ist und vielleicht sogar wie zuvor Brandhorst ein Double hinlegt. Essbar sind die Lorbeeren übrigens nicht – die Preise sind nicht dotiert. Überreicht werden sie Anfang November auf dem Penta-Con in Dresden, einem Symposium zu SF-Literatur und zugleich Jahres-Convention des Science Fiction Club Deutschland. (Josefson, 11. 6. 2019)

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