Bjarne Mädel – vom Tatortreiniger zum Igelkiller

    Interview6. Juni 2019, 07:00
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    Er wollte einmal "so etwas Brutales spielen": Der Schauspieler über seine Rolle in der Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)"

    Spricht man Bjarne Mädel auf die jüngsten politischen Ereignisse in Österreich an, kommt ein mitfühlendes "Oh, Gott! Sehr traurig". Um im nächsten Moment schon im Interesse seiner Zunft weiterzudenken: "Da sind bestimmt schon Leute dran, die das verfilmen."
    Von seinen Fähigkeiten könnte Mädel beide Ibiza-Figuren spielen – sowohl Johann Gudenus als auch Heinz-Christian Strache. Der 51-jährige Hamburger gehört mit Rollen in Stromberg, Mord mit Aussicht und Der Tatortreiniger zu den wendigsten und gefragtesten Komödianten im deutschsprachigen Serienraum.

    An eine Geschichte, die so gut ist, dass man sie nicht erfinden kann, ist auch How to Sell Drugs Online (Fast) angelehnt. Praktisch vom Kinderzimmer aus zog der Leipziger Moritz S. einen Online-Drogenhandel auf. 2015 wurde "Shiny Flakes", wie sich der damals 20-Jährige online nannte, gefasst. Die Polizei stellte 360 Kilo an Aufputsch- und Beruhigungspillen sicher. S. wurde zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Die Serie ist auf Netflix abrufbar.
    Mit How to Sell Drugs Online (Fast) ist Mädel jedenfalls dort angelangt, wo er immer schon hinwollte: beim fröhlichen Schurken Buba, der mit kleinen Tieren böse Dinge anstellt, wie der Schauspieler etwas kryptisch – und nicht sehr ernsthaft – andeutet.

    STANDARD: Sie haben wieder mit Arne Feldhusen gedreht, mit dem Sie schon den Tatortreiniger gemacht haben. Wie kam der Netflix-Kontakt zustande?

    Mädel: Ein glücklicher Zufall, ich hatte das Angebot von der BTF, erst danach traf ich Arne und fragte ihn nach seinen Plänen. Er sagte: "Ja, ich hab da ein Angebot für eine Serie für Netflix mit Jugendlichen und Drogen." So stellte sich heraus, dass wir im selben Projekt sind. Die meisten Drehtage hatte ich allerdings nicht mit Arne, sondern mit Lars Montag. Wir hatten dann viel Spaß – vor allem mit kleinen Tieren.

    STANDARD: Sie spielen jetzt auf eine stachelige Szene mit einem Igel an.

    Mädel: Igel sind ja sehr süße Zeitgenossen. Ich darf aber, glaube ich, nicht verraten, wie viele Igel bei dem Dreh draufgegangen sind.

    STANDARD: Und wahrscheinlich auch nicht, wie oft die Rettung Igelstacheln aus Ihrer Handfläche entfernen musste.

    Mädel: Nur so viel, wir haben die Szene am letzten Tag gedreht, sonst hätten wir abbrechen müssen. Damit sich die Hand erholen konnte.

    STANDARD: Sie waren aber von Anfang an als schmieriger Drogendealer vorgesehen. War das eine Wunschrolle?

    Mädel: Sagen wir so, ich habe mich sehr darauf gefreut, so jemanden zu spielen. Weil ich doch meistens der Sympathieträger bin – das war in Stromberg so, in Mord mit Aussicht und auch als Tatortreiniger. Einmal so etwas Brutales zu spielen, das wollte ich schon immer. Obwohl – sooo brutal ist er ja nun auch wieder nicht.

    foto: netflix

    STANDARD: Zu Igeln aber schon, dafür verteilt er liebevolle Watschen, wie in einer Szene zu sehen ist.

    Mädel: Genau. Obwohl der Kollege dabei wirklich leiden musste. Ich konnte diese Szene nicht faken und musste schon richtig ballern – mehrfach. Die Szene wird ja in verschiedenen Größen und von verschiedenen Seiten wiederholt. Da hat Maximilian Mundt ganz schön gelitten.

    STANDARD: Sie haben ihn wirklich geohrfeigt?

    Mädel: Ja, natürlich, aber mit Spaß. Er hat es ja auch nicht anders gewollt und verdient.

    STANDARD: Wie viele hat er gefangen?

    Mädel: So genau weiß ich's nicht mehr, aber 15 bis 20 Stück werden es schon gewesen sein. Die Wange war hinterher rot, wurde dann natürlich überschminkt. Aber er hat das sehr gut weggesteckt. Ein toller, talentierter und widerstandsfähiger Kollege.

    foto: netflix

    STANDARD: Ist es mit Netflix anders?

    Mädel: Ich hatte nicht wirklich Kontakt zu Netflix, sondern mit der Produktionsfirma BTF. Aber ich kann erzählen, dass wir uns bei der Leseprobe überlegt haben, wie wir den Buba noch brutaler kriegen, und da kamen uns unter anderem diese Ideen mit den Kleintieren. Das wäre vermutlich bei jeder anderen Produktion nicht so ohne weiteres umsetzbar gewesen. Hier standen sie am nächsten Tag im Drehbuch. Das war das Besondere, dass verrückte "Pausenideen" vor der Kamera landeten. Die Behandlung des Drogenthemas ist sehr mutig und außergewöhnlich. Ich weiß nicht, ob sich das ein öffentlich-rechtlicher Sender so trauen dürfte.

    STANDARD: Fürchten Sie nicht, dass Kritik kommt? Spaß mit Drogen – heikel. Gab's Diskussionen am Set?

    Mädel: Ich könnte mir vorstellen, dass im Vorfeld diskutiert wurde, wie weit man gehen kann. Aber man kann als Vergleich Breaking Bad heranziehen, da gibt es auch tolle Drogenszenen, die dem Zuschauer suggerieren: Hey, es muss Spaß machen, Drogen zu nehmen. Aber dann sieht man im Lauf dieser Serie, wohin der Drogenkonsum führt. How to Sell Drugs ist ja auch nicht nur für eine Staffel geplant, und an meiner Figur sieht man ja ganz deutlich, dass es nicht unbedingt gut ausgehen muss. Drogen zu tabuisieren bringt allerdings auch nichts. Junge Leute nehmen nun eben manchmal diese Partydrogen. Vielleicht ist es ganz gut, sie mit dieser Leichtigkeit abzuholen und zu sagen: Leute, passt mal lieber auf und vergesst nicht, dass das gefährlich ist.

    STANDARD: Haben Sie das Serienvorbild Moritz S. jemals getroffen?

    Mädel: Ich habe ihm einmal die Hand gegeben und Hallo gesagt, aber ich war nicht in engerem Kontakt. Er sitzt im Gefängnis im offenen Vollzug seine Strafe ab. Man soll ihn auch nicht glorifizieren. Er hat Drogen verkauft, und das ist einfach kriminell.

    STANDARD: Was ja etwas unheimlich ist: dass Moritz über die Nutzung sozialer Medien Menschen ziemlich genau charakterisieren kann. Was würde man über Sie erfahren, wenn man Sie über Instagram scannt?

    Mädel: Wahrscheinlich mehr, als mir lieb ist.

    kinocheck

    STANDARD: Wahrscheinlich, dass Sie Fußball mögen.

    Mädel: Das und dass ich ab und zu im Stadion bin in Hamburg. Dass ich mich viel auf meinem Sofa aufhalte, wenn Bundesliga läuft. Dass ich ab und zu ins Theater gehe. Es ist tatsächlich unheimlich, wie lesbar wir sind. Und erschreckend finde ich, dass man keine Pausen mehr macht. Wenn man auf den Bus wartet, schaut man auf sein Telefon, um zu sehen, ob es was Neues gibt, man ballert sich ständig voll mit oberflächlichem Inhalt. Ich hab früher gern getrödelt, als Schulkind habe ich ewig nach Hause gebraucht, weil ich mir die Dinge genau angesehen habe. Dazu kommt es heute gar nicht mehr. Der Produzent Jakob Claussen hat neulich gesagt, die neue Generation ist die "horizontale": Die liegen alle immer im Wohnzimmer am Fußboden und schauen in ihre elektronischen Geräte. Furchtbar.

    STANDARD: Soziale Medien erlauben aber umgekehrt, sich selbst zu vermarkten. Wie sehr gehen Sie denn auch strategisch vor – sich selbst mitzuteilen und nicht langweilige Interviews geben zu müssen?

    Mädel: Ein bisschen tue ich das tatsächlich. Ich habe damit beim Film 25 km/h angefangen. Mein Kollege Lars Eidinger nutzt Instagram als Videokunstplattform. Er filmt kuriose Dinge, und ich wollte ihn ärgern, weil ich wissen wollte, ob ich auch so viele Follower anlocken kann wie er. Mittlerweile benutze ich Instagram, um Inhalte der Öffentlichkeit präsentieren zu können. Wenn es darum geht, seine Meinung zu sagen, habe ich nun meine unabhängige Plattform. Da bin ich frei, Sachen zu posten, die mir wichtig sind. Und wenn ich Theater spiele, kann ich das posten und weiß, es kommen vielleicht ein paar Leute mehr.

    STANDARD: Projekte in Planung?

    Mädel: Ich spiele im Sommer bei Der Überläufer von Siegfried Lenz mit. Meine letzte Arbeit war ein Improvisations-Tatort ohne Drehbuch, aber mit großartigen Kollegen wie zum Beispiel Nicholas Ofczarek.

    STANDARD: Nach welchen Kriterien suchen Sie Rollen aus?

    Mädel: Die Sprache, die Geschichte und die Figuren. Ich lese gute Drehbücher, aber ich denke oft: So reden Menschen nicht. Wenn zu viel Dramaturgisches mittransportiert werden muss, bekommt das Buch etwas Unauthentisches. Damit kann man mir den Spaß ziemlich verderben. Dann mache ich es auch davon abhängig, wer mitspielt – wenn Niki dabei ist, sag ich ab jetzt alles zu – oder wer Regie macht. Es ist eine Mischung aus allem. Hier fand ich die Rolle super und mal etwas anderes, und die Idee, für Netflix zu arbeiten, hat mich gereizt. Matthias Brandt hat einmal gesagt: Er nimmt eine Rolle an, wenn er nicht weiß, wie er sie spielen soll. Ich versuche, nicht auf Nummer sicher zu gehen und mich selber herauszufordern. Möglichst nicht immer dasselbe zu machen.

    STANDARD: Vom Tatortreiniger zum Tatort-Kommissar scheint demnach keine Option?

    Mädel: Ich finde die Rolle des Tatort-Kommissars gefährlich, weil man so auf eine Rolle festgenagelt wird. Beim Tatort ist man als Darsteller oft von den Sendern so belegt und wird gar nicht mehr für andere Rollen gefragt. Die Täter sind ja außerdem oft die spannenderen Rollen. (Doris Priesching, 6.6.2019)

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