Wieso Anfänger beim Laufen Seitenstechen bekommen

    8. Juni 2019, 10:00
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    Seitenstechen kann jeden Lauf vermiesen – es gibt mehrere Theorien über mögliche Ursachen

    Wer bei Laufveranstaltungen am Streckenrand steht, hat sie sicher schon gesehen: Läufer, die mit schmerzverzerrtem Gesicht in einen langsamen Trott verfallen und irgendwann am Rand der Strecke stehen bleiben. Dabei pressen viele die Hände an eine Stelle unterhalb des Rippenbogens.

    Laut Studien tritt Seitenstechen bei jedem fünften Teilnehmer von Laufveranstaltungen auf. Sogar William Shakespeare drohte in Der Sturm mit Seitenstechen, "daß dir der Athem ausgeht". Was diesen Schmerz auslöst, ist bis heute nicht geklärt. "Das Problem ist: Immer wenn man es untersuchen will, ist es schon wieder weg", sagt der deutsche Sportmediziner Klaus Völker. Was man weiß: Seitenstechen kann entweder einseitig oder beidseitig und meist unterhalb des Rippenbogens auftreten. Besonders häufig tritt es bei Läufern, weitaus seltener bei Radfahrern oder Schwimmern auf. Oftmals sind Betroffene untrainiert oder haben vor dem Lauf schwer gegessen.

    Theorien zu den Ursachen gibt es viele. Ein Überblick:

    • "Es hat mit Sicherheit etwas mit der Umverteilung von Blut zu tun", ist Sportmediziner Völker überzeugt. Bei körperlicher Anstrengung werden die Muskeln besser und Organe wie die Leber, der Darm und die Milz schlechter durchblutet. Dadurch verformen sie sich, was die Statik im Bauchraum verändert. In Kombination mit Erschütterungen, die beim Laufen entstehen, kommt es zu einem Zug auf die sogenannten Briden, also Bindegewebsstrukturen, an denen die Organe aufgehängt sind. Und so, glaubt Völker, entsteht der Schmerz.
    • Immer wieder wird die Ursache für Seitenstechen auch im Zwerchfell vermutet. Die Theorie: Das Zwerchfell wird beim Laufen durch die Atmung stark belastet, ist gleichzeitig aber schwächer durchblutet. Das könnte der Grund für krampfartige Schmerzen im Zwerchfell sein, sagt Günther Neumayr, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin. Sein Kollege Völker glaubt das nicht. "Das Zwerchfell ist einer der am besten trainierten Muskeln, den wir haben", sagt er. Um das Zwerchfell derart zu fordern, brauche es eine enorme Kraftanstrengung. Bei den meisten Läufern treten die Probleme aber bei gemäßigtem Tempo auf.
    • Ein trivialerer Umstand, der Seitenstechen auslösen könnte, sind auch Blähungen. Bei Menschen, die zu Darmgasen neigen, können sich durch die Erschütterungen beim Laufen Gasblasen ansammeln und ausdehnen. Dieser Dehnschmerz kann als Seitenstechen wahrgenommen werden. Selbst ein deutscher Mittelstreckenläufer sei während seiner Karriere davon geplagt gewesen, erzählt Völker – ohne aber Namen zu nennen. Die Probleme könnte man aber mit Medikamenten gegen Blähungen in den Griff bekommen.
    • Eine Studie zeigte 2010 außerdem, dass zumindest ein Zusammenhang zwischen schlechter Haltung beim Laufen und dem Schmerzcharakter des Seitenstechens bestehen könnte.

    Was die Schmerzen auslöst, dürfte betroffenen Läufern in dem Moment egal sein. Sie müssen ihr Tempo reduzieren und im schlimmsten Fall eine Gehpause einlegen. Sobald die Schmerzen vergangen sind, kann das Tempo wieder gesteigert werden. Um Seitenstechen vorzubeugen, sollte nicht mit vollem oder leerem Magen losgelaufen werden. Wer vor dem Laufen trotzdem essen muss, darf beispielsweise eine Banane zu sich nehmen.

    Langsam steigern

    Auch eine Stärkung der Rumpfmuskulatur könnte laut Experten helfen. Nach längeren Trainingspausen ist es außerdem ratsam, das Training nur langsam zu steigern, um die Schmerzen zu vermeiden. Ob das bei Rennen oft beobachtete Pressen der Hände auf die schmerzende Stelle etwas bringt, ist aber umstritten.

    Die guten Neuigkeiten: "Seitenstechen ist so gut wie nie ein dauerhaftes Problem", sagt Völker. Je fitter man ist, umso unwahrscheinlicher ist Seitenstechen, weil sich der Körper an die Belastung anpasst. Profisportler haben damit fast nie zu kämpfen.

    Gesundheitliche Folgen müssen Betroffene auch nicht befürchten: "Es ist ein lästiges Phänomen", sagt Völker: "Aber ungefährlich." (Franziska Zoidl, 8.6.2019)

    • Wird das Tempo reduziert, vergehen die Schmerzen.
      foto: istock

      Wird das Tempo reduziert, vergehen die Schmerzen.

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