17-jähriges Missbrauchsopfer wollte nicht mehr leben

    5. Juni 2019, 16:40
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    Noa Pothoven wurde sexuell missbraucht und rang danach mit psychischen Problemen. Sie wollte sterben dürfen – nun ist sie tot

    Es ist eine Nachricht, die um die Welt ging: Noa Pothoven, eine 17-jährige Niederländerin, soll in einer Klinik aktive Sterbehilfe erhalten haben und so am Sonntag gestorben sein. Am Mittwoch folgte eine Korrektur: Nein, das End-of-Life-Krankenhaus in Den Haag habe den Wunsch des Teenagers abgelehnt, aktive Sterbehilfe zu leisten.

    Niederländischen Medienberichten zufolge habe sie sich stattdessen seit Juni geweigert, Nahrung und Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Ihre Eltern und die Ärzte entschieden sich gegen eine Zwangsernährung, sodass Pothoven schließlich am Sonntag starb.

    So oder so, die Hintergründe des Todes der aus der Stadt Arnheim stammenden Noa Pothoven sind tragisch. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie ihre preisgekrönte Biografie Gewinnen oder lernen und wurde dadurch landesweit bekannt. Darin schildert sie, wie sie bei Kindergeburtstagen im Alter von elf und zwölf Jahren missbraucht wurde. Mit 14 Jahren wurde sie dann auch noch von zwei Männern vergewaltigt.

    Suizid in Briefen angekündigt

    Aus Scham hielt sie die Vorfälle lange Zeit geheim. Erst Jahre später erfuhr ihre Familie davon, nachdem ihre Mutter auf Briefe gestoßen war, in denen das Mädchen ihren Suizid ankündigte.

    Danach hatte Pothoven mit Depressionen zu kämpfen, mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung und Anorexie. Sie litt unter ihrem kaputten Innenleben, schrieb sie, auch mehrere erfolglose Suizidversuche hatte sie hinter sich.

    Die Eltern kämpften um ihre Tochter, brachten sie in mehrere psychiatrische Einrichtungen. Mitunter wurde sie wegen ihrer Essstörung ins künstliche Koma versetzt, um sie über eine Sonde ernähren zu können.

    Auf der Suche nach Frieden

    Im vergangenen Sommer wandte sie sich ohne das Wissen ihrer Eltern zum ersten Mal an besagte Sterbeklinik in Den Haag – dort wurde sie aber abgelehnt. Der niederländischen Regionalzeitung "De Gelderlander" sagte die damals 16-Jährige im Dezember: "Sie finden, ich bin zu jung, um zu sterben. Sie sagen, ich soll die Traumabehandlung abschließen und dass mein Gehirn erst ausgewachsen sein muss, und das wird erst mit 21 Jahren sein. Ich bin am Boden zerstört, weil ich nicht mehr so lange warten kann." Sie suche Frieden, erklärte sie.

    In der Europäischen Union ist Sterbehilfe nur in den Niederlanden, Luxemburg und Belgien legal, in Finnland ist sie straffrei gestellt. In den Niederlanden ist ein ärztlich assistierter Suizid legal, wenn "anhaltendes unerträgliches Leid" vorliegt, erklärte die Sterbeklinik in Den Haag.

    Sterbehilfe auch für Minderjährige

    Unter gewissen Umständen können auch Minderjährige Sterbehilfe erhalten: Ab dem zwölften bis zum 15. Lebensjahr müssen die Erziehungsberechtigten zustimmen, ab dem 16. Lebensjahr die Erziehungsberechtigten zumindest in den Entscheidungsprozess eingebunden sein.

    Die Niederlande haben am 1. April 2002 als weltweit erster Staat die Sterbehilfe für Schwerkranke unter strengen Auflagen legalisiert. Mindestens zwei Ärzte müssen bescheinigen, dass das Leiden des Patienten unerträglich ist und keine Aussicht auf Besserung besteht.

    Im vergangenen Jahr nahmen laut offizieller Statistik 6585 Niederländer Sterbehilfe in Anspruch. Das entspricht 4,4 Prozent aller Sterbefälle in dem Land. Die meisten litten unter einem unheilbaren Krebsleiden, nur wenige unter psychischen Problemen.

    Keine "impulsive" Entscheidung

    Auf ihrem mittlerweile nicht mehr einsehbaren Instagram-Account gab Pothoven regelmäßig Einblick in ihr Seelenleben. Zu sterben, schrieb sie einmal, sei keine "impulsive" Entscheidung, sondern das Ergebnis "vieler Gespräche und Einschätzungen".

    Laut "De Gelderlander" verbrachte Noa Pothoven ihre letzten Lebensstunden in einem Krankenbett im Wohnzimmer ihres Zuhauses und verabschiedete sich von ihrer Familie und Freunden. (Kim Son Hoang, 5.6.2019)

    Der Artikel wurde um 16.40 Uhr aktualisiert.

    Hilfe in Krisen

    Für Menschen in Krisensituationen und deren Angehörige gibt es eine Reihe von Anlaufstellen. Unter suizid-praevention.gv.atfindet man Notrufnummern und Erste Hilfe bei Suizidgedanken.

    Telefonische Hilfe im Krisenfall gibt es auch bei:

    • Telefonseelsorge 142, täglich von 0 bis 24 Uhr.
    • Kriseninterventionszentrum 01/406 95 95 (Montag bis Freitag, 10–17 Uhr); auch persönliche und E-Mail-Beratung: kriseninterventionszentrum.at.
    • Sozialpsychiatrischer Notdienst / PSD, täglich von 0 bis 24 Uhr, Tel.: 01/31330

    Angehörige finden Informationen und Materialien unter suizidpraevention.at und agus-selbsthilfe.de.

    • Ein Foto von sich, das Noa Pothoven auf Instagram veröffentlichte. Dort verabschiedete sie sich von ihren Followern.
      foto: noa pothoven/instagram

      Ein Foto von sich, das Noa Pothoven auf Instagram veröffentlichte. Dort verabschiedete sie sich von ihren Followern.

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