Sascha Aumüller: Mit der Vespa ins Sommerloch

    13. Juni 2019, 18:13
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    Wir fragen Autoren und Redakteure, an welche Orte und Dinge sie denken, wenn es um die wärmste Jahreszeit geht

    Mein Sommerloch ist grau und hart. In Wien kann ein ausgewachsenes Exemplar zwischen fünf und zehn Zentimeter tief werden, einen halben oder ganzen Meter im Durchmesser erreichen. Es lauert das ganze Jahr über im Asphalt und lebt in altem Kopfsteinpflaster. Manche sagen zu diesem Sommerloch einfach Schlagloch, aber das greift zu kurz.

    Es ist das örtlich und zeitlich flexibelste Loch, das ich kenne. Wenn ich an einem sonnigen Tag Anfang März ein Schlagloch am Kahlenberg treffe, hat der Sommer für mich begonnen. Wenn ich in einer trockenen Nacht Ende November eines am Laurenzerberg erwische, ist er noch nicht zu Ende. Mein Sommer in der Stadt mag löchrig sein, aber auf einer Vespa dauert er einfach länger. Das behaupte ich nach vier Jahren auf großer Fahrt durch kleine holprige Gassen.

    foto: getty images/mattjeacock
    Eine Vespa ist nie Selbstzweck, ...

    Ich war nie ein Benzinbruder und auch kein Bewunderer italienischer Eleganz. Aber es ist schon super, dass eine Tankfüllung Super nie mehr kostet als drei Espressi. Auch ist die Wespentaille eines toskanischen Mopeds aparter als der Trainingsanzug, in dem der lombardische Rechtsausleger Matteo Salvini zuletzt bei der EU-Wahl aufmarschierte.

    Doch meine Vespa und ich, wir sind nicht ineinander verknallt. Die Beziehung hat so gar nichts von jener libidinösen Verbindung des Fahrers mit seinem Gefährt, wie sie Leser von Automagazinen kennen. Wir sind nur deshalb fix zusammen, um das Sommerloch wie in einem Film von Nanni Moretti auszukosten.

    In Liebes Tagebuch braust der Regisseur und Hauptdarsteller während der Ferien durch den menschenleeren römischen Wohnbezirk Garbatella. Mutterseelenallein. Und er trifft in dem für Rom auffallend hässlichen Viertel auch niemanden. Aber jedes Schlagloch. Als ich den Film zum ersten Mal sah, gefiel mir die Metapher mehr als das Moped. Doch irgendwann wurde ich wie eine untermotorisierte Vespa eingeholt – von dem Wunsch, eine zu besitzen, um auf ihr zu sitzen.

    collage: magdalena rawicka
    ... sie ist dafür da, Schlaglöcher aufzuspüren und das Sommerloch auszufüllen.

    Kleine Freiheiten

    Anders als in dem Film treffen wir die meisten Schlaglöcher nun zu dritt. Wenn meine Liebste, die Wespe und ich zur Sommerfrische durch die Stadt oder sogar über deren Grenzen hinausreiten, verspricht das viele kleine Freiheiten. Die Freiheit, über viel hässlichere Vorstädte als Garbatella zu lästern; die Freiheit, einzig und allein den Regen darüber richten zu lassen, wie hoch die Rechnung in einem Ausflugsgasthaus wird; oder die Freiheit, nur den Zufall entscheiden zu lassen, ob wir an der Kreuzung zweier Landstraßen die linke oder die rechte nehmen. Ich alleine nehme mir dagegen die Freiheit, passende Schlaglöcher für uns auszusuchen.

    Tiefliegende Kanaldeckel erachte ich als zu minder für meine Liebste. Sie sind hilfreich, um mich bei der ersten einsamen Ausfahrt des Jahres sanft aus dem Winterschlaf zu rütteln. Doch für perfekte Zweisamkeit im Sommer muss es schon ein ausgewachsenes Schlagloch sein. Eines, das die Liebste spontan dazu bringt, mich fest zu umklammern. So fest, als hätte sie Angst, ich wäre lieber mutterseelenallein wie Moretti mit der Maschin' unterwegs. Doch so ist es nicht. Die Vespa ist längst zu jenem gemeinsamen Ort geworden, an dem ich am liebsten mit ihr alleine bin. (Sascha Aumüller, RONDO, 13.6.2019)

    foto: sascha aumüller

    Sascha Aumüller ist Redakteur beim RONDO und vorwiegend für das Thema Reise verantwortlich. Mit seiner Vespa fährt er nie weit weg und macht nahe liegende Entdeckungen wie die Langsamkeit auf der Landstraße und die Holprigkeit von Stöckelpflaster.

    collage: magdalena rawicka
    Dieser Artikel erschien im Rahmen eines Sommer-Schwerpunkts im RONDO.

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