"Black Mirror": So sein wie Miley Cyrus? Der Horror!

    5. Juni 2019, 07:00
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    Das grausam ungleiche Verhältnis zwischen Mensch und Maschine loten die neuen Folgen der Netflix-Serie aus. In der cleversten ringt das Plastikpopsternchen mit sich und der Welt

    Erst unlängst schlug der Black Mirror-Effekt wieder zu: Der US-Fahrtendienstleister Uber kündigte an, Passagiere zu sperren, deren Bewertungen auf ein vom Unternehmen als inakzeptabel erachtetes Niveau fallen. Via App können Punkte vergeben werden, für ungebührliches Verhalten gibt es Abzüge. Das System wird bereits auf Fahrer angewandt, es soll garantieren, dass während der Fahrten Anstand und Sauberkeit gewahrt bleiben.

    2016 nahm eine Folge von Black Mirror dieses Szenario vorweg – wenn auch drastischer: Via App wurden Sozialpunkte vergeben. Wer unter ein gewisses Level fiel, wurde zur unerwünschten Person. Eine paranoide Stepford-Gesellschaft jagte nach Status.

    Immer wieder macht die britische Serie mit solchen Analogien von sich reden. Die Sozial-App aus Nosedive ist in Chinas U-Bahnen Realität. Fälle von Erpressungen, in denen die Täter damit drohen, pornografische Videos ihrer Opfer ins Netz zu stellen, die sie über Schadsoftware im Computer aufgenommen hatten, gibt es immer wieder.

    netflix us & canada

    In The Waldo Moment tritt ein Witzbold in der Öffentlichkeit als animierter Bär auf und wird damit erfolgreicher Politiker. Er erinnert an Typen wie den britischen Populisten Boris Johnson und US-Präsident Donald Trump.

    channel 4

    Für solche Naheverhältnisse wird Black Mirror verehrt, und entsprechend groß ist die Erwartungshaltung vor der fünften Staffel, die ab heute, Mittwoch, mit drei neuen Folgen auf Netflix abrufbar ist. (Mehr zu den einzelnen Folgen weiter unten.)

    Kennzeichnendes Merkmal von Black Mirror ist die Idee einer durch Technik beherrschten Welt, die deshalb unheimlich wirkt, weil sie vorstellbar ist. Das digitale System ist in sich perfekt, für Sand im Getriebe sorgen die nicht planbaren Menschen.

    Legendäre Mysteryserien

    Black Mirror setzt legendäre Mystery-Produktionen wie Twilight Zone oder X-Factor fort. Es geht um Science-Fiction, die zumeist in real anmutenden Gesellschaftsräumen stattfindet, sich dank moderner Technologien zu bedrohlicher Größe auswächst. Jede Folge hat eine eigene Geschichte. In ihrer schwankenden Qualität ist jede Folge von Black Mirror eine Gratwanderung, weil die größte Gefahr von Technokritik aus ihr selbst kommt und moralinsauer wirkt. Doch das ist eher selten, meistens hinterlassen die visuellen Kurzgeschichten mulmige Aha-Erlebnisse: Was wäre, wenn Eltern die Welt ihrer Kinder aus deren Perspektive sehen und sie so auf Schritt und Tritt überwachen könnten? Möglich wär's.

    Die ersten beiden Staffeln liefen noch im britischen Channel 4, seit der dritten Staffel läuft die Serie bei Netflix. Produziert und geschrieben wird die Anthologieserie von Charlie Brooker, einem ehemaligen Humoristen und Videospielekritiker, der mit TV-Shows wie Screenwipe und der Horrorserie Dead Set erfolgreich war. Seit 2011 schreibt und produziert der 51-jährige Brite Black Mirror. Die Regisseure wechseln, eine Folge der vierten Staffel inszenierte etwa Jodie Foster. In der neuen Staffel absolviert Plastikpopsternchen Miley Cyrus ihren Auftritt mit gruseliger Bravour. Isobel Waller-Bridge, Schwester von Fleabag-Erfinderin Phoebe Waller-Bridge, steuerte den herausragenden Sound bei.

    netflix

    Die Folgen erlauben einmal mehr einen Blick in den schwarzen Spiegel, der auf menschliche Abgründe im modernen Leben verweist. Ohne Algorithmus.

    Rachel (Angourie Rice) hört auf eine Puppe, die so künstlich intelligent ist wie Miley Cyrus. Und so wie das Leben in "Black Mirror" spielt, steckt immer mehr dahinter. Netflix stellt heute, Mittwoch, drei neue Folgen der vielgelobten Anthologieserie ins Netz.

    Computerliebe, Rache, Puppenstar – die neuen Folgen von "Black Mirror"

    Drei neue Folgen hat Charlie Brooker geschrieben, und Annabel Jones hat sie produziert. Alle drei stellen die typische Black Mirror-Frage: Wer ist stärker? Mensch oder Maschine? (Achtung, der Rest dieses Artikels enthält Spoiler!)

    foto: netflix

    Viking Sniper ist die Geschichte zweier Männer, die als Studenten die Begeisterung fürs Computerspiel verband. Als Erwachsene tauchen sie über das gleiche Spiel in virtuelle Realitäten ab und merken, dass sie einander im Spiel lieber herzen und küssen mögen als gegeneinander zu kämpfen. Owen Harris führte Regie, mit Anthony Mackie und Yahya Abdul-Mateen II.
    Bewertung 3 von 10 schwarzen Spiegeln
    Am Ende eine biedere Liebesgeschichte, durch VR billig hochgejazzt.

    foto: netflix

    Smithereens Chris hat nur ein Ziel: Er will Billy Bauer sprechen. Zu diesem Zweck kidnappt der Fahrer eines Fahrtendienstes einen Praktikanten der Firma Smithereens, deren Chef Billy Bauer ist. Es beginnt ein spannendes, ebenso witziges Katz-und-Maus-Spiel zwischen Großbritannien und Utah. Der Schluss ist zum Weinen. Regie: James Hawes, mit Andrew Scott, Topher Grace.

    Bewertung 7 von 10 schwarzen Spiegeln Technik macht das Leben nicht leichter, großartig inszeniert.

    foto: netflix

    Rachel, Jack and Ashley Too Künstliche Intelligenz in Form einer Puppe, die aussieht und tickt wie Popsternchen Ashley, hilft Rachel nur kurz zu mehr Selbstbewusstsein. Schlecht geht es auch Ashley selbst, die von einer bösen Tante manipuliert wird. Die schlaueste Folge stellt die Frage: Was bleibt im digitalen Zeitalter nach dem Tod von uns übrig? Ziemlich viel. Regie: Anne Sewitsky, mit Miley Cyrus, Angourie Rice und Madison Davenport.

    Bewertung 6 von 10 schwarzen Spiegeln Große Storys mit überraschenden Wendungen, nur steuert irgendwann alles auf ein rührseliges Ende zu. Wie ein Miley-Song: zu viel Zucker. (Doris Priesching, 5.6.2019)

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