Weltweit älteste Steinklingen in Äthiopien entdeckt

    Video4. Juni 2019, 07:00
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    Abschlagwerkzeuge der Oldowan-Kultur weisen auf eine erstmalige Entwicklung dieser Technologie vor 2,6 Millionen Jahren hin

    foto: erin dimaggio
    Das Forschungsgebiet Ledi-Geraru in der Region Afar im Nordosten Äthiopiens ist heute eine karge Gegend. Vor rund 2,8 Millionen Jahren fanden unsere Vorfahren hier jedoch Savannen mit einer reichen Tierwelt vor.

    Vor über drei Millionen Jahren dürften die Vorfahren des modernen Menschen in Afrika erstmals zu Steinen gegriffen haben, um sie als Werkzeuge einzusetzen. Wann dies genau geschehen ist, lässt sich aufgrund bisheriger Funde nur schwer eingrenzen. Die ältesten sicher datierten "Hammer-" und "Amboss-Steine" stammen von den Lomekwi-Ausgrabungsstätten am Turkana-See in Kenia und sind rund 3,3 Millionen Jahre alt.

    Um scharfkantige Klingen und Keile durch Aneinanderschlagen von Steinen herzustellen, bedarf es jedoch größerer Geschicklichkeit. Die frühesten Belege für diese handwerkliche Fähigkeit stammen aus Äthiopien und wurden auf ein Alter von rund 2,55 Millionen Jahre datiert. Eine neue Fundstätte legt nun jedoch nahe, dass der Ursprung dieser Werkzeuge offenbar sogar weiter zurückliegt.

    foto: brian villmoare
    Nahaufnahme jenes Kieferfragments, das als ältestes Fossil eines Homo-Vertreters identifiziert wurde.

    Frühe Homo-Angehörige mit Steinklingen?

    Die Ausgrabungsstätte Bokol Dora 1 im Nordosten Äthiopiens liegt in der Region Ledi-Geraru. In der Gegend entdeckte man 2013 auch das bisher älteste Fossil eines Angehörigen der Gattung Homo. Datiert wurde das Unterkieferfragment auf 2,78 Millionen Jahre, immerhin gut 200.000 Jahre älter als die frühesten Abschlagwerkzeuge. Daher galt es als unwahrscheinlich, dass die ersten Homo-Vertreter bereits solche Geräte benutzten.

    maxplancksociety
    Video: Luftaufnahmen von der Fundstätte Bokol Dora 1.

    Was das Team um Christopher Campisano von der Arizona State University in Bokol Dora 1 entdeckte, könnte diese Auffassung jedoch revidieren: Die Forscher legten hunderte geschärfte Schaber und Steinklingen frei, die aufgrund der umgebenden Sedimente offenbar einst am Rand eines Gewässers zurückgelassen worden waren.

    "Die Untersuchung der Ablagerungen ergab, dass die Fundstätte nur für sehr kurze Zeit offen lag und schnell von Sedimenten bedeckt worden ist. Diese Werkzeuge wurden offensichtlich an einem Ufer fallengelassen", erklärte Vera Aldeias von der Universität der Algarve, Co-Autorin der im Fachjournal "Pnas" erschienenen Studie.

    illustr.: david braun
    Eines der zahlreichen Abschlagwerkzeuge von Bokol Dora 1. Links das Artefakt in der ursprünglichen Fundsituation, rechts genauere Darstellungen des Steingerätes als Fotos (oben) und dreidimensionales Modell (unten).

    Älter als 2,58 Millionen Jahre

    Was die Wissenschafter jedoch besonders verblüffte, war die Datierung der entsprechenden Fundschicht: Neben vulkanischer Asche nutzen die Wissenschafter vor allem magnetische Signaturen zur zeitlichen Einordnung. Dabei ergaben die Messungen, dass die Fundstätte Bokol Dora 1 älter sein musste als 2,58 Millionen Jahre. Etwa zu dieser Zeit nämlich kam es zu einer Umkehrung des Erdmagnetfeldes, und diese war noch nicht im Gestein von Bokol Dora 1 eingeschrieben.

    Damit dürften die Werkzeuge dieser Ausgrabungsstätte die ältesten bisher bekannte Artefakte der sogenannten Oldowan-Kultur sein, einer altsteinzeitlichen technologischen Tradition, die nach jüngeren Funden in der Olduvai-Schlucht in Tansania benannt ist. Vergleiche mit den ungleich primitiveren Steinwerkzeugen von Lomekwi ergaben zudem keine beobachtbaren Ähnlichkeiten – es scheint, als gäbe es bis zu diesem Zeitpunkt keine entwicklungsmäßige Kontinuität.

    foto: erin dimaggio
    Archäologen studieren die Sedimente von Bokol Dora 1. Die große Zahl an Steinen, die hier sichtbar ist, wurde dort platziert, um die darunter liegenden empfindlichen Schichten vor Schäden zu bewahren.

    Technologiesprung und anatomischer Wandel

    "Wir hätten eigentlich eine Art technische Evolution von der Lomekwi-Kultur zu den frühen Oldowan-Artefakten erwartet", sagt Will Archer vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Dafür fanden wir aber keine Hinweise." Für die Forscher ist das ein Zeichen dafür, dass die Fähigkeit zur Herstellung von derartigen Klingen und Steinen mit scharfen Kanten vor rund 2,6 Millionen Jahren ungefähr im selben Zeitraum mehrfach unabhängig voneinander entstanden ist.

    Dass sich in dieser Ära etwas dramatisch geändert hat, lässt sich auch an den Überresten der ersten Angehörigen der Gattung Homo selbst ablesen. Als unsere Vorfahren damit begannen, ihre Nahrung vor dem Verzehr mit Steinwerkzeugen zu bearbeiten, kam es zeitgleich zu einem anatomischen Wandel: Ihre Zähne begannen allmählich zu schrumpfen, wie auch der Unterkiefer des fast 2,8 Millionen Jahre alten Ledi-Geraru-Menschen zeigt. Damit waren nach Ansicht der Forscher Technologie und Biologie bereits vor mehr als 2,6 Millionen Jahren eng miteinander verknüpft. (Thomas Bergmayr, 4.6.2019)

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