Das Elend als Fratze und Form im Ferdinandeum

    2. Juni 2019, 16:56
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    Bilderwelten zwischen den Kriegen: In Innsbruck trifft Hausgott Egger-Lienz auf Otto Dix

    Albin Egger-Lienz ist zwar weltberühmt in Österreich, im internationalen Kontext aber kaum verortet. Auch in Deutschland stoße man nach wie vor an die Klischees vom "Bauernmaler" und "Vorreiter der NS-Kunst", sagt Helena Pereña, Kuratorin der Ausstellung Egger-Lienz und Otto Dix. Bilderwelten zwischen den Kriegen im Ferdi nandeum.

    Der Tiroler Monumentalmaler starb 1926. Die posthume Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten hat ihm einen schwierigen Ruf beschert. Das unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs entstandene Spätwerk steht formal wie inhaltlich jedoch in deutlichem Widerspruch zur Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis.

    Welt in Trümmern

    Dieses Spätwerk erhält nun im Ferdinandeum die erfrischende Gesellschaft eines Zeitgenossen: Er heißt Otto Dix. Der deutsche Künstler war rund 20 Jahre jünger als Egger-Lienz, drei Jahre lang Frontsoldat, und wurde von den Nazis als "entartet" diffamiert.

    Sein Radierzyklus Der Krieg von 1924 ist eine der schonungslosesten Darstellungen der Gräuel des Ersten Weltkriegs. Dix und Egger-Lienz blieben Vertreter einer realistischen Malerei, als angesichts einer Welt in Trümmern auch auf vielen Leinwänden die Formen immer mehr zerfielen.

    Der Tiroler hatte bereits 1913 gegen die abstrakte Avantgarde polemisiert. Gleichwohl zementierte er sein Selbstverständnis als moderner Künstler in den Satz: "Ich male keine Bauern, sondern Formen!" Der Pflüger (1920) ist ein eindrückliches Beispiel dafür. Stilpluralist Dix unternahm zwar auch Ausflüge in die Formzerlegung, doch vor allem wurde er zum sarkastischen Chronisten der Weimarer Republik und zum Meister der Neuen Sachlichkeit.

    Hochkarätige Leihgaben

    Neben seinen oft ins Groteske verzerrten Porträts und Gesellschaftsbildern wirken die monumentalen Darstellungen von Egger-Lienz so still und schwer wie die existenziellen Fragen, die sie behandeln.

    Egger-Lienz und Otto Dix. Bilderwelten zwischen den Kriegen wartet mit einer bemerkenswerten Fülle an hochkarätigen Leihgaben aus Dix’ wichtigster Schaffenszeit 1910 bis 1930 auf. Leider wird das – zusammen mit einer Überzahl an herausgestellten Einzelaspekten – auch zum Problem, weil die Schauräume (zwecks Schaffung von Hängeflächen?) derart zugebaut wurden, dass man jetzt vor lauter Wänden manche Werke kaum mehr sieht.

    Frauenbildnisse im Fokus

    Ein Fokus liegt auf den Frauenbildnissen, im Zentrums steht Dix’ Gemälde Die Irrsinnige von 1925, in dem sich, so Pereña, fast alle Aspekte des Nachkriegsleids vereinen würden. Bei Dix sind die Witwen ebenso sexualisiert wie die Prostituierten – obendrein steht der halb entblößten "Irrsinnigen" die Hysterie ins Gesicht geschrieben.

    Wenn nebenan in Egger-Lienz’ religiösen Motiven die Witwen und Mütter am Christuskreuz wachen, schaut der öde Dualismus von Hure und Heiliger um die Ecke. Doch gerade bei ihm werden die Kriegsfrauen auch zum universellen Sinnbild für menschliches Leid. (Ivona Jelcic, 2.6.2019)

    Bis 27. Oktober

    Ferdinandeum Innsbruck

    • Otto Dix: "Mieze, abends im Café." Bleistift und Aquarell auf Papier, 1923
      foto: vg bild-kunst_bonn

      Otto Dix: "Mieze, abends im Café." Bleistift und Aquarell auf Papier, 1923

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