"Da muss man kein großer Hellseher sein"

    Interview3. Juni 2019, 09:46
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    ÖFB-Teamchef Franco Foda spricht vor den Fußballspielen gegen Slowenien und Nordmazedonien über den holprigen Start in die EM-Quali, die abgesagte Revolution, den Verzicht auf Populismus, Parameter, den Glauben an seine Spieler und über die Ligareform

    Österreichs Fußballteam bereitet sich seit Sonntag in Kärnten auf die EM-Quali am 7. Juni in Klagenfurt gegen Slowenien und am 10. Juni in Skopje gegen Nordmazedonien vor (je 20.45 Uhr, live ORF 1). Der Start ist mit einem 0:1 gegen Polen und einem 2:4 in Israel danebengegangen. Teamchef Franco Foda bleibt positiv.

    STANDARD: Rund zehn Wochen sind seit dem missglückten Start in die EM-Quali vergangen. Wie ist Ihr Gemütszustand? Nagt speziell das 2:4 in Israel an Ihnen?

    Foda: Wir haben in den ersten Tagen nach dem Spiel viel gesprochen, wir wurden teilweise zu Recht kritisiert, denn unsere Erwartungen waren höher. Es wurden unterschiedliche Themen diskutiert, es waren Emotionen dabei, aber ich habe mit meinem Trainerteam ruhig und sachlich analysiert. Wir haben beide Partien aufgearbeitet, ich habe mit Spielern geredet. Jetzt gilt es, positiv nach vorne zu schauen.

    STANDARD: Sie haben gesagt, Sie wollen in Ruhe und ohne Populismus aufarbeiten. Ist das heutzutage überhaupt noch möglich?

    Foda: Ich nehme mir die Zeit und die Ruhe. Ich bin lange genug im Geschäft, um in so einer Situation nicht unruhig zu werden. Klar, es war eine außergewöhnliche Konstellation. Wir haben gegen eine Mannschaft verloren, bei der der österreichische Rekordnationalspieler Andreas Herzog Teamchef ist. Es war mir bewusst, dass die Kritik im Fall einer Niederlage heftiger ausfallen würde.

    STANDARD: Haben Sie ein Grundübel erkannt? Machten Sie Fehler?

    Foda: Ich bin jemand, der auch nach Siegen die Spiele genau analysiert. Man muss sich immer fragen, ob man etwas besser machen hätte können. Unabhängig vom Ergebnis. Aber alles, was du später hinterfragst, ist hypothetisch. Du weißt ja nicht, ob es besser gewesen wäre, hättest du anders gehandelt. Ein Trainer entscheidet mit voller Überzeugung, Medien und Trainer haben unterschiedliche Sichtweisen. Wir waren sowohl gegen Polen als auch gegen Israel in allen Parametern überlegen, hatten mehr Ballbesitz, mehr Torabschlüsse, mehr Standardsituationen. Die Laufdaten passten. Das ist die Statistik. Theoretisch hättest du zweimal gewinnen können. Aber wir haben verloren, deshalb hat etwas nicht funktioniert. In den wichtigen Momenten waren wir vor dem gegnerischen Tor nicht effizient, und in der Defensivphase waren wir gerade gegen Israel unkonzentriert. Alles andere werden wir intern besprechen.

    STANDARD: Sie betonen, das Team sei in Ihrer Ära flexibler geworden. Manchmal hat man aber das Gefühl der kollektiven Planlosigkeit, der Überforderung.

    Foda: Wir haben eine klare Strategie, das ist an den Parametern abzulesen. Aber es gibt einen Gegner, der ebenfalls einen Plan hat. Unabhängig vom Spielsystem geht es um die taktische Ausrichtung. Da wollen wir immer früh den Ball erobern, zügig nach vorne spielen. Trotzdem bin ich der Meinung, dass ein Team flexibel und variabel spielen muss. Nach den Siegen gegen Russland und Deutschland wurden wir noch für unsere Flexibilität gelobt, es wurde schon von einem Wunderteam geschrieben. So schnelllebig ist der Fußball.

    STANDARD: Wurden durch die guten Ergebnisse in den Testspielen zu hohe Erwartungen geweckt? Eine Form von Selbsttäuschung?

    Foda: Nein. Man soll Euphorie nicht stoppen. Ich habe immer betont, dass auch in diesen Spielen nicht alles perfekt war und wir weiter hart arbeiten müssen. Es ändern sich Hierarchien innerhalb der Mannschaft, man hat verletzungsbedingte Absagen, es gibt Spieler, die nicht im Rhythmus sind, und man muss deshalb Änderungen vornehmen. Ich habe das nie öffentlich thematisiert. Es soll auch keine Ausrede sein.

    STANDARD: Sie haben den Kader praktisch unverändert gelassen.

    Foda: Es gab keinen Grund für eine Revolution. Es sind die Besten, sie haben das oft genug bewiesen.

    STANDARD: ÖFB-Boss Leo Windtner hat gemeint, man dürfe nicht zur Tagesordnung übergehen.

    Foda: Das habe ich auch gesagt, und das werden wir nicht tun. Wir müssen die fehlenden Mosaiksteinchen finden, die wieder zum Erfolg führen. Zehn Spieler auszuwechseln wäre ein kompletter Unsinn. Wir sind intern auf einer Wellenlänge.

    STANDARD: Glücken gegen Slowenien und Nordmazedonien nicht sechs Punkte, ist eine Teamchefdiskussion unvermeidlich, oder?

    Foda: Das weiß ich nicht, damit beschäftige ich mich nicht. Es sind noch acht Spiele zu absolvieren. Bei einem Entwicklungsprozess gibt es Rückschläge, die muss man verarbeiten, die richtigen Schlüsse daraus ziehen. Wir haben das Niveau, Erster oder Zweiter zu werden. Das müssen wir zeigen.

    STANDARD: Die Juni-Länderspiele sind insofern problematisch, als dass die Ligen vorbei, die Fußballer urlaubsreif sind. Einige stehen in Vertragsverhandlungen, haben möglicherweise den Kopf nicht frei.

    Foda: Davon sind alle Nationen betroffen. Man muss generell hinterfragen, ob der Termin sinnvoll ist. Die Spieler brauchen Pausen, sonst steigt die Verletzungsgefahr.

    STANDARD: Erfreulich ist, dass die U21 ab Mitte Juni die EM in Italien bestreitet. Einige Akteure sind auch fürs A-Team ein Thema. Muss man da Kompromisse schließen?

    Foda: Ich bin mit Trainer Werner Gregoritsch ständig im Austausch, habe immer einen Blick fürs große Ganze, verzichte auf Hannes Wolf. Ich schaue über den Tellerrand. Eins ist aber klar: Das Wichtigste ist das A-Team.

    STANDARD: Eine Personalie ist ungelöst. Der Admiraner Sasa Kalajdzic gilt als große Stürmerhoffnung. Auch Serbien ist an dem 21-Jährigen interessiert. Warum haben Sie ihn nicht einberufen?

    Foda: Jemanden nur einzuberufen, ihm zwei Minuten Einsatzzeit geben, damit er dann nur fürs österreichische Nationalteam spielberechtigt ist, finde ich unverantwortlich dem Menschen gegenüber. Ich verbaue ihm die Möglichkeit, für eine andere Nation einzulaufen. Kalajdzic hat Potenzial, wir beobachten ihn. Er muss eine Lösung finden, eine Entscheidung treffen. Burgstaller, Gregoritsch und Arnautovic sind fit, wir sind also im Angriff stark besetzt.

    STANDARD: Themenwechsel. Die erste Zwölferliga ist vorbei. Hat das Format mit der Punktehalbierung Zukunft?

    Foda: Was die Spannung betrifft, hat sich der Modus ausgezahlt. Nur die Titelfrage war aufgrund der Klasse von Red Bull Salzburg früh beantwortet. Es ist das erste Jahr, jetzt muss man analysieren, verbessern. Ist die Punkteteilung nach 22 Runden gerecht? Dass der Siebente gegen den Achten spielen muss, um die Chance auf die Europa League zu wahren, ist seltsam. Und der Sieger hat auch eine zu kurze Regenerationszeit. Siebenter gegen Fünfter würde meiner Meinung nach reichen. Der Druck ist höher, man kann sich keine Schwächephasen erlauben. Die Trainer litten, es gab viele Entlassungen. Wir brauchen übrigens dringend den Videoschiedsrichter. Er macht den Fußball ehrlicher, gerechter.

    STANDARD: Noch einmal in Wunden wühlen, zurück zum 2:4 in Israel. Lag es an Überheblichkeit?

    Foda: Seit ich Teamchef bin, spielt die Mannschaft mit großer Mentalität und Leidenschaft. Gegen Israel waren wir nicht überheblich, sondern nachlässig, unkonzentriert. Wir hatten hundertprozentige Torchancen. Auf einmal waren wir in der Defensive instabil, es war unser Verschulden, das ist ärgerlich. Der Grat zwischen Selbstvertrauen und Überheblichkeit ist schmal. Wir sind dann eine gute Mannschaft, wenn jeder Einzelne über 90 Minuten fokussiert bleibt. Wenn jeder bereit ist, für seine Mitspieler Opfer zu bringen.

    STANDARD: Ergänzen Sie: Österreich schlägt Slowenien und Nordmazedonien, weil ...

    Foda: Ich sage nicht im Vorfeld, wie Spiele ausgehen. Ich bin aber von unserer Qualität überzeugt. Auch in Drucksituationen muss man bereit sein – und das werden wir. Gegen Slowenien müssen wir gewinnen, dann reden wir weiter. Für diese Erkenntnis muss man kein großer Hellseher sein. (Christian Hackl, 3.6.2019)

    Franco Foda (53) aus Mainz ist seit November 2017 ÖFB-Teamchef.

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    • Franco Foda hat analysiert und schaut in die nahe Zukunft.
      foto: apa/herbert pfarrhofer

      Franco Foda hat analysiert und schaut in die nahe Zukunft.

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