Französischer Philosoph Michel Serres gestorben

    1. Juni 2019, 23:07
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    Der Professor für Wissenschaftsgeschichte setzte sich für die Überschreitung der Grenzen von Forschungsdisziplinen ein

    Beim Namen Hermes denkt man heute meist an eine Paketspedition oder, mit Akzent, an eine Modemarke. Manche erinnern sich vielleicht auch noch an ein altes Wort: Götterbote.Die Figur aus der griechischen Mythologie hatte allerlei Zuständigkeiten (Schutz für Galeristen und Hirten), eine der wichtigsten ist vielleicht diese: Der französische Philosoph Michel Serres stellte sein Denken in das Zeichen des Hermes. 1968 erschien sein Band "Hermès I – La communication".

    In essayistischer Form widmete sich Serres einem Thema, mit dem er zugleich seinen eigenen Forschungsgegenstand schuf: eine Geschichte von allem.Die Philosophie stellt Grundsatzfragen und beantwortet sie in Begriffen. Serres ging weiter. Er beantwortet die Fragen mit Geschichten. So enthielt "Hermès I" auch einen Text über Don Juan, in dem er Überlegungen zur menschlichen Kommunikation mit Ideen über Austausch im Rahmen von Festen und schließlich über das Lachen verband. Wer geht mit Don Juan in die Hölle? Natürlich niemand anderer als Hermes.

    Disziplinen überschreitend

    Im strengen Sinn war Serres eher Wissenschaftshistoriker als Philosoph. Das war jedenfalls seine Fachbezeichnung, als er 1968 an die Sorbonne berufen wurde. Es ist eine der Pointen seines Werks, dass er diese Unterscheidung unterlief. Die Wissenschaften gehörten für ihn zu einem großen Kommunikationsgeschehen, in das er so unterschiedliche Bezugsgrößen wie Leibniz oder Jules Verne, Lukrez oder Zola einbezog.

    Michel Serres stammte aus dem Südwesten Frankreichs. Als Muttersprache gab er gern das Okzitanische an, er fühlte sich also einer Minderheit zugehörig. Dass er sich nach einem Studium der Philosophie an der berühmten École normale supérieure und dem Militärdienst, den er bei der Marine leistete, schließlich der Epistemologie zuwandte (also dem Wissen vom Wissen), führte er später in einem Gespräch mit Bruno Latour auch auf den politischen Radikalismus von 1968 zurück.

    Er versuchte sich davon abzugrenzen und fand einen "Ort der Ruhe", indem er die Disziplinen überschritt. 1990 war er so weit anerkannt, dass er in die Académie française aufgenommen wurde. Zu seinen Vermächtnissen zählt der große Band "Elemente einer Geschichte der Wissenschaften", den er als Herausgeber verantwortete und zu dem er selbst zwei Beiträge schrieb.

    Gegen die Meckergreise

    Als Einstieg in das umfangreiche Werk von Serres könnte man "Der Parasit" empfehlen, in dem er in einer Verbindung von Informationstheorie und Biologie über die Herausbildung von Ordnung durch Störungen nachdachte. Zuletzt erschien ein Buch über das Verhältnis von Vergangenheit und Gegenwart mit dem Titel "Was genau war früher besser? Ein optimistischer Wutanfall". Er nahm es darin mit den "Meckergreisen" auf und skizzierte durchaus mit autobiografischen Anklängen eine Zeitdiagnose, die viele Fortschritte im Vergleich zu einem alles andere als idealen "Früher" erkennen ließ. Am Samstag ist Michel Serres gestorben. Er wurde 88 Jahre alt. (Bert Rebhandl, 2.6.2019)

    • Michel Serres wurde 88 Jahre alt.
      foto: apa/afp/gerard julien

      Michel Serres wurde 88 Jahre alt.

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