Queerness und die Wiener Kunstszene? Hier und queer!

    1. Juni 2019, 12:00
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    Heute startet in Wien die Euro Pride, der größte queere Event Europas. Einige der Veranstaltungen führen auch ins Museum. In der Kunst ist Queerness nämlich schon lange angekommen

    Einst fungierte das Wörtchen "queer" als Beschimpfung. Englisch für "seltsam" und "andersartig", bezeichnete der Begriff abwertend die schwule und transsexuelle Subkultur. Queer legte den damit Gemeinten nahe, nicht zur Mehrheit der Gesellschaft und zur Norm zu gehören. Aber als bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Position begannen die Communities ihn in den 1980ern für sich umzudeuten.

    Auf sexuelle Orientierung beschränkt ist das Wort aber schon lang nicht mehr. Queer hat Karriere gemacht und ist zum Sammelbegriff für körperliche und soziale Andersartigkeit geworden. Selbst der weiße Heteromann kann inzwischen queer sein.

    Aber wie queer ist eigentlich die heimische Kunstszene?

    Wien ist schon seit längerem ein Hotspot der queeren Kunstproduktion, sagt Christiane Erharter. Die Kuratorin organisiert seit über zehn Jahren einschlägige Ausstellungen und Programme. "Queerness hat sehr viel mit Zeitgenossenschaft zu tun", findet sie. "Denn es geht neben Sexualität und Identität auch um Diskriminierung und soziale Inklusion."

    Merkmal queerer Künstler und Arbeiten sei eine "profunde Kenntnis der gesellschaftlichen Verhältnisse". Entscheidenden Anteil daran, dass es in Wien so viele queere Künstler gibt, hat für Eberharter die Akademie der bildenden Künste mit Professoren wie Gin Müller, Julian Göthe und Stefanie Seibold.

    Queerness an der Akademie

    Eva Blimlinger hat seit ihrem Antritt als Rektorin die Frauenquote hochgeschraubt und feministische und queere Positionen an die Uni geholt. In allen Bereichen sind Frauen gleichauf oder in der Überzahl, wobei es queere Positionen schon zuvor gab. Seit 2006 unterrichtet an der Akademie etwa Ashley Hans Scheirl.

    Seit den 1980ern ist Scheirl eine Gallionsfigur in der queeren Wiener Kunstszene. Erst in den letzten Jahren stellte sich aber kommerzieller und institutioneller Erfolg ein. Derzeit verhüllt Scheirl gemeinsam mit ihrer Partnerin Jakob Lena Knebl die Baustelle am Wiener Rathaus.

    Queerness ist für beide ein Hinterfragen von Konstruktionen und Mechanismen sowie eine spezielle Herangehensweise an künstlerische Materialien. Das Label garantiere "gesteigerte Aufmerksamkeit, zeitgleich passiert dadurch aber auch eine Kategorisierung", so Scheirl und Knebl. Man darf "nicht Gefahr laufen, sich mit Plattitüden zufriedenzugeben".

    Dass queere Kunst vermehrt aus der Subkultur in die etablierte herüberwandert, ist für beide Künstlerinnen "nicht zuletzt einer jüngeren Generation von Kuratorinnen zu verdanken, die selbst um Sichtbarkeit kämpfen und deshalb mit alternativen, neuen Themenfeldern arbeiten".

    Sprung ins Museum schwierig

    Auch am Markt für queere Kunst tut sich etwas. So wie sich manche Sammler auf feministische Kunst spezialisieren, gibt es inzwischen auch solche, die nach queeren Positionen Ausschau halten. Der Sprung ins Museum ist für viele trotzdem noch eine zu große Hürde. Obwohl Jakob Lena Knebl 2017 mit der Ausstellung Oh... im Mumok großen Erfolg verbuchte, ist eine große Präsentation queerer Arbeiten eine Ausnahme.

    Das Wort queer wird man in den kommenden zwei Wochen in Wien etwas häufiger hören. Ab Samstag findet in Österreichs Hauptstadt mit der Euro Pride Europas größte Veranstaltung der LGBTIQ-Community statt. Sie macht jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt Station, zigtausende Touristen werden erwartet. Wiener Museen bieten aus diesem Anlass eigens queere Themenführungen durch laufende Schauen. Queere Ausstellungen sucht man indes vergebens.

    Dabei sind queere Inhalte fester Teil der Kunstgeschichte, sie wurden bloß die längste Zeit nicht so genannt. Als Christian Ludwig Attersee sich für frühe Selbstporträts schminkte und auf diese Art mit Männlichkeit auseinandersetzte, hieß das noch "exzentrisch".

    Drag wie Blasmusik

    Dass nicht Queerness neu ist, sondern bloß ihre Akzeptanz, darauf macht im Kunsthistorischen Museum seit einigen Jahren die Drag Queen "Tiefe Kümmernis" aufmerksam. Der ausgebildete Kunstvermittler stellt in speziellen Führungen die altmeisterlichen Sammlungen mit Blick auf verborgene queere Aspekte vor. Die waren nämlich selten Thema der Werke, sondern wurden meist zum Privatvergnügen eingestreut.

    Heute ist das Private aber politisch. Wenn aus der jungen Künstlergeneration Philipp Timischl für seine Arbeiten als Frau verkleidet ins Museum geht, stellt er damit Fragen nach sozialen Klassen. "Wie es in Tirol den Blasmusikverein gibt, gibt es im LGBTIQ-Umfeld Drag, und das mache ich mir eben zu eigen. Drag ist für mich eine Kulturform, die aus meiner schwulen Sexualität kommt. Aber wenn man meine Arbeit ausschließlich unter dem Gesichtspunkt queer betrachtet, fände ich das limitierend."

    Queere Kunst machen auch Robert Gabris, dessen Arbeiten sich um die Probleme von Minderheiten drehen, und Ana Hoffner, die den Begriff in Erinnerungsarbeiten aufgreift. Denn bei Queerness geht es um Selbstbehauptung. Eine Erzählung, die mittlerweile gehört wird. (Michael Wurmitzer, 1.6.2019)

    Ausstellungsschwerpunkte zur Euro Pride

    "Queering the Museum" im Belvedere mit Gesprächen, Filmen sowie Führungen zu queeren Aspekten bei Christian Ludwig Attersee und Prinz Eugen. Bis 14. 6.

    Drag Queen "Tiefe Kümmernis" führt durch Ausstellungen des KHM und der Albertina. Bis 14. 6.

    "Queer Art Space Vienna" in der Kunsthalle Exnergasse (Wuk) zeigt queere Wiener Kunst. Bis 14. 6.

    • Wien gilt als Hotspot für queere Künstler: Hier ein Bild von Asgar/Gabriel (Ausschnitt) aus der Kunsthalle Exnergasse.
      foto: asgar/gabriel

      Wien gilt als Hotspot für queere Künstler: Hier ein Bild von Asgar/Gabriel (Ausschnitt) aus der Kunsthalle Exnergasse.

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