Warum Liberale weltweit angefeindet werden

    2. Juni 2019, 12:00
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    Für die gesellschaftlich Abgehängten sind sie das neue Feindbild: die Profiteure der Globalisierung. Vier Punkte zur Charakterisierung der Liberalen

    Die Nutznießer der Globalisierung bilden eine weltweite Großgruppe von vielleicht 300 Millionen Menschen. Dieser Stamm von liberalen Kosmopoliten setzt sich fast ausschließlich aus Angehörigen der oberen Mittelschicht zusammen. Aus den Kosmopolitinnen und Kosmopoliten lässt sich womöglich nicht das Salz dieser Erde gewinnen. Doch sich selbst halten diese Mitglieder einer postheroischen Elite jedenfalls der Tendenz nach für unentbehrlich. Ihr jeweiliges Wirken scheint ihnen für die Zukunft von Mutter Erde unverzichtbar.

    Bereits vor einem Vierteljahrhundert bezeichnete der Ökonom Robert B. Reich, unter US-Präsident Bill Clinton Arbeitsminister, die Gruppe der Manager, Expertinnen und gut verdienenden Angestellten als die Klasse der "Symbolanalytiker". Diese sind jung, weiß, strebsam, bei Bedarf unbedingt biegsam ("flexibel"). Sie fühlen sich universalistischen Prinzipien verpflichtet und sind selbstverständlich bereit, ihre Arbeit unentwegt neu beurteilen und messen zu lassen.

    Etwa zur selben Zeit (1991) wie Reich würdigte die Soziologin Saskia Sassen den Aufstieg von einstmals verschlafenen oder in Würde erstarrten Metropolen zu pulsierenden "Global Cities". Den Riesenstädten wie New York, London oder Tokio wurden neue Boomtowns wie Seattle, Shanghai oder Tel Aviv an die Seite gestellt.

    Deregulierung und Digitalität

    Die Deregulierung und die Digitalität machten den Aufstieg der neuen Eliten erst möglich. Die liberalen Kosmopoliten klinken sich an fast jedem beliebigen Ort der Welt in das globale Netzwerk ein. Sie verkehren auf Englisch und sind im weitesten Sinn mit dem Transfer von Zeichen beschäftigt. Was macht die Dominanz dieser globalen Elite aus?

    Erstens die Mobilität: Wer in einer solchen Branche arbeitet, beliefert die Global Community von Forschern. Wieder andere machen ihr Glück als Medien- oder Finanzdienstleister. Kosmopolitinnen und Kosmopoliten helfen mit, Myriaden von Finanztransaktionen abzuwickeln.

    Seit vor allem die multinationalen Konzerne dazu übergegangen sind, ihre Aktivitäten und Wertschöpfungsketten über den ganzen Globus zu verstreuen, müssen diejenigen, die ihnen zuarbeiten, alle paar Jahre ihren Lebensmittelpunkt wechseln. Oder sie dürfen mit einer Aufforderung zur Übersiedlung wenigstens rechnen.

    Zweitens das Gespenst der Flüchtigkeit: Die liberalen Kosmopolitinnen und Kosmopoliten sind es gewohnt, unentwegt Neueinschätzungen zu treffen. Das System der Meritokratie beruht auf Erfolg und Anerkennung durch andere, meistens Angehörige der eigenen Kaste von hochbeweglichen Kreativen. Die ständige Neuskalierung der eigenen Lebensverhältnisse erfasst regelmäßig das Privatleben und reißt es gelegentlich in den Abgrund.

    Todernste Pflichten

    Einerseits werden Kinder und elterliche Pflichten todernst genommen. Erlebt man hingegen Beziehungen als nicht mehr erfüllend, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, sie aus Gründen der Wahrhaftigkeit bei erster Gelegenheit aufzukündigen. Niemals können Bindungen als bedingungslos gesichert aufgefasst werden. Die geforderte Mobilität? Wird zur Last. Stabilität und Geborgenheit laufen Gefahr, auf dem Altar des "flüchtigen Lebensstils" (Zygmunt Baumann) geopfert zu werden.

    Drittens der Anspruch auf Alleinvertretung: Die Angehörigen der liberal-kosmopolitischen Klasse verfügen nicht nur über kulturelles Kapital. Sie glänzen dann als Weinkennerinnen oder hören Bachs Cello-Suiten nur in der von ihnen bevorzugten Aufnahme ("Die eindeutig beste!").

    Sie sind es, als Erben der Aufklärung eines Diderot oder Kant, gewohnt, von besonderen politischen Problemen nur in den allgemeinsten Begriffen zu schwadronieren. Moral ist Trumpf. Die Rücksichtnahme auf lokale Zusammenhänge wird ersatzlos gestrichen. Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und das Recht auf Selbstverwirklichung gelten ihnen als unantastbar.

    Viertens der Verdacht auf Arroganz: Wen sein soziales Los dazu bestimmt, als Dienstleister im Niedriglohnsektor sein Dasein zu fristen, dem stoßen die Privilegien der liberalen Kosmopoliten womöglich sauer auf. Die Anhänger des neuen Populismus können ein individuelles Meistern ihres Lebensgeschicks oft nur schwer geltend machen.

    Zugehörigkeit zu Traditionen

    Daher schöpfen sie ihren ganzen Stolz aus der (zufälligen) Zugehörigkeit zu lokal gewachsenen Traditionen. Die Borniertheit derer, die irgendwelchen "Fake News" lieber folgen als den Zurufen moralisch entrüsteter Kosmopoliten, lässt sich auch als Ergebnis einer Arroganz von oben deuten. Als Besserwisser macht der Besserverdiener häufig schlechte Figur. Da verkleidet er sich lieber als vermögender Anwalt eines Proletariats, mit dessen Ausbeutung er seine Profite gemacht hat (Donald Trump).

    Parteigänger der liberalen Kosmopoliten wie der israelische Sozialpsychologe Carlo Strenger (in seinem neuen Buch Diese vedammten liberalen Eliten) fordern die Angehörigen der jungen Eliten zur Bildungsschlacht auf. Raus aus den Komfortzonen! Hinein in den Ring, um die Lügenhaftigkeit der Populisten vor aller Welt zu entlarven! Der Erfolg? Steht noch aus. (Ronald Pohl, 2.6.2019)

    • Der Gottseibeiuns der globalen liberalen Eliten: US-Präsident Donald Trump, nimmermüder Produzent von eigenwilligen Wahrheiten.
      foto: smialowski/apa

      Der Gottseibeiuns der globalen liberalen Eliten: US-Präsident Donald Trump, nimmermüder Produzent von eigenwilligen Wahrheiten.

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